Newsroom im Sendezentrum von Al Jazeera in Doha/Katar (Archivbild) © Karim Jaafar/AFP/Getty Images

Current TV ist eine Art digitales Bürgerfernsehen mit ein paar linken Highlights in einer ehemaligen Kaffeefabrik in San Francisco. Gegründet wurde der Sender vom Umweltguru Al Gore, betrieben wird er von Silicon-Valley-Hipstern auf Inlineskates. Al Jazeera ist ein internationaler Nachrichtensender mit Abermillionen von Zuschauern, finanziert mit Ölmilliarden aus Katar.

Nun hat Al Jazeera Current TV übernommen, wie Al Gore vor der Presse bestätigte. Die Kaufsumme wurde nicht genannt, aber laut Reuters soll sie bei 500 Millionen Dollar liegen. Für Al Jazeera ist dies ein eher brachialer Versuch, endlich auf den US-Kabelmarkt zu gelangen. Current hingegen dümpelt seit Jahren unterhalb der Wahrnehmungsgrenze. Nun haben die Eigentümer die Chance ergriffen, ihr Engagement zu Geld zu machen. Allein Gore soll an dem Deal 100 Millionen Dollar verdient haben.

Ahmed bin Jassim Al Thani, Generaldirektor von Al Jazeera, sagte, man hoffe, einen positiven Beitrag zu den amerikanischen Nachrichten zu leisten. Man habe die gleichen Wertvorstellungen wie Current: Denen eine Stimme zu geben, die nicht gehört werden, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, unabhängig zu sein, und die Geschichten zu erzählen, die andere vernachlässigten.

Current aus dem Time-Warner-Kabelnetz geworfen

Trotz dieser hehren Worte ist eines schon klar: Das Programm von Current TV wird nicht überleben. Der Sender aus Katar will aber auch nicht das Programm von Al Jazeera English eins zu eins übertragen, sondern einen gänzlich neuen Sender ins Leben rufen, Al Jazeera America. Zu den bisher fünf Büros in den USANew York, Washington, Los Angeles, Miami und Chicago — sollen fünf weitere kommen, und das Hauptquartier wird nach New York verlegt.

Die Mitarbeiterzahl soll auf 300 verdoppelt werden. Ob Current-Angestellte oder auch einzelne Sendungen übernommen werden, ist noch unklar. Der projektierte Jahresumsatz von Current liegt laut Wall Street Journal bei 114 Millionen Dollar für das Jahr 2013, auch da ist noch Bewegung nach oben möglich.

Ob die Kalkulation von Al Jazeera aufgeht, muss sich noch zeigen. Es könnte gut sein, dass die Kabelgesellschaften nicht mitspielen. Time Warner Cable, die frühere Schwestergesellschaft von CNN, hat bereits angekündigt, Current sofort aus dem Programmangebot zu werfen. Begründet wurde der Schritt mit mangelnden Einschaltquoten. Damit bleiben Al Jazeera nur noch 40 Millionen Kabelhaushalte von den 60 Millionen, die Current zum Stichtag 31. Dezember 2012 hatte. Der New Yorker Monopolist fühlt sich möglicherweise immer noch CNN verpflichtet, wenngleich die Kabeltochter schon vor Jahren abgespalten wurde.

Es gibt allerdings auch politische Vorbehalte gegen Al Jazeera in den USA. "Manche Leute werden es grundsätzlich nicht sehen, weil sie es für einen Terroristensender halten", sagte der Buchautor Philip Seib der New York Times. Bereits die Bush-Regierung hatte Druck auf Kabelanbieter ausgeübt, das Programm nicht auszustrahlen, sagte dessen amerikanischer Sprecher Tony Burman einmal. Mangelndes Interesse sei hingegen nicht das Problem: Rund 40 Prozent derer, die Al Jazeera im Internet sähen, seien in den USA.