Stahlbranche : Letzte Chance für die ThyssenKrupp-Chefs

Trotz der Skandale: Die Chefs des Stahlkonzerns dürfen bleiben. Doch selbst die Eminenz der Firma ist nach der Hauptversammlung nicht mehr unantastbar.

Der alte Mann mit den buschigen Augenbrauen sagt kein Wort. Er macht keine großen Gesten, und ist trotzdem die wichtigste Person in diesem riesigen Saal. Mehrere Stunden sitzt der mittlerweile 99-jährige Berthold Beitz auf der Bühne im Bochumer Ruhrcongress. Allein die Anwesenheit des Firmenpatriarchen bei der Jahreshauptversammlung zeigt allen Aktionären, wie ernst es um ThyssenKrupp bestellt ist.

Beitz ist Vorsitzender der Krupp-Stiftung, der 25,3 Prozent des Konzerns gehören. Er wird allenthalben als großer Unternehmer verehrt. Doch später an diesem turbulenten Tag wird selbst er, der bisher unantastbar schien, zum direkten Angeklagten werden. Dazu später mehr.

Der Essener Industriekonzern hat ein Jahr hinter sich, das man nicht mehr schlecht, sondern desaströs nennen muss: Zwei neue Stahlwerke in Brasilien und den USA haben ein weiteres Jahr Milliardenverluste erwirtschaftet und werden wohl nie mehr rentabel werden. Der Konzern ist zudem in illegale Preisabsprachen, Korruptions- und Betrugsvorwürfe verstrickt. Hinzukommen verdächtige Luxusreisen für Gewerkschaftsvertreter und Journalisten. ThyssenKrupp, das war der Eindruck zuletzt, beherrscht das eigene Geschäft nicht mehr. Noch dazu setzt das Unternehmen anscheinend systematisch auf unlautere oder zumindest unredliche Methoden.

Ein mieses Image und fünf Milliarden Euro Verlust – das kann vor allem an einem nicht spurlos vorbeigehen: Gerhard Cromme. Der Manager war von 1989 bis 2001 erst Vorstandsvorsitzender von Krupp, dann von ThyssenKrupp. Seit nunmehr zwölf Jahren leitet er den Aufsichtsrat. Kaum vorstellbar, dass er nach so langer Zeit an der Spitze nichts von den Problemen gewusst haben soll.

"Wer nicht mitzieht, hat bei uns nichts zu suchen"

Genau davon aber versucht Cromme die Aktionäre auf der Hauptversammlung zu überzeugen. Er habe nichts gewusst, oder aber habe es nicht wissen können, sagt er in seiner Rede. Durch gleich vier Auftragsgutachten hat der Aufsichtsrat sein eigenes Verhalten als Kontrollorgan prüfen lassen. Das wenig überraschende Ergebnis: alles korrekt. Dementsprechend weich fällt das einzige, angedeutete Schuldeingeständnis Crommes aus: „Ja, wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können“, sagt er. Der Manager ist sichtbar nervös bei seiner Rede. Er hebt den Blick nur selten von seinem Manuskript, an das er sich fast Wort für Wort hält.

Um sich selbst zu retten, hat Cromme im vergangenen Dezember zusammen mit dem Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger im Unternehmen aufgeräumt. Gleich drei Vorstände mussten gehen, darunter Jürgen Claassen, gegen den die Essener Staatsanwaltschaft wegen verdächtiger Reisen ermittelt, die er sich vom Unternehmen bezahlen ließ. Schon vorher hat Hiesinger eine ethischere, "neue Führungskultur" angekündigt, die er auch jetzt bei der Hauptversammlung mit starken Worten verteidigt: "Wer dabei nicht mitzieht, hat bei uns nichts zu suchen." 

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Hallo Konny2012

Sie haben meine Gedanken gelesen - oder ich Ihre.

Der SPD-Neusozi wäre wirklich die beste Wahl, diese Milliarden-Verluste zu erklären, ohne seinen Auftraggebern auf di Füße zu treten.
Ich habe das Gefühl, Herr Steinbrück vertritt für Geld oder Macht immer die Denkrichtung, die gerade gefordert wird.

Was mich wundert ist, daß die, die 60 Prozent haben, gegen einen Einzelnen der 25 Prozent hat, bei einer Abstimmung verlieren können. Oder reichen 25,3 Prozent um einen Aufsichtsrat oder Vorstend zu bestätigen?