Ein früherer Picker, 49 Jahre alt

Ich habe 2011 sechs Wochen lang in der Vorweihnachtszeit für Amazon gearbeitet, während der absoluten Hochsaison, und im vergangenen Jahr noch einmal eine Woche lang. Ich habe studiert und lange in der Kulturbranche im Ausland gearbeitet. Seit ich vor ein paar Jahren nach Deutschland zurückkam, suche ich hier eine feste Stelle. Aber mit 49 ist das nicht so einfach. Ich hangle mich von Job zu Job.

Bei Amazon war ich Picker. Ich ging durchs Lager und sammelte die bestellten Waren ein. Als Picker trägt man einen Scanner bei sich, der einem alles vorgibt: das nächste Produkt, und wo man es findet. Selbst die Wege, die man durch diese riesigen Lagerhallen nimmt, sind genau vorgeschrieben. So wird man quasi zur Verlängerung der Maschine. Das Einzige, was die Schichtführer interessiert, ist, dass man schnell ist und sein Soll erfüllt.

Vor Schichtbeginn mussten wir uns versammeln, dann haben unsere Chefs uns auf die amerikanische Art eingeheizt. Wir bekamen Sicherheitshinweise, es wurde betont, wie wichtig unsere Arbeitskraft sei. Vor Weihnachten wurden immer wieder irgendwelche angeblichen Rekorde anderer Standorte oder Schichten bekannt gegeben. Dann sagte man uns, dass wir da mithalten müssten. Ein Spruch des Schichtführers war: Schließlich spielen wir in der Champions League! So bezahlt wurden wir aber nicht. Irgendwann habe ich mir diese Motivationsrunden nicht mehr angetan.

Schon auf dem Rekrutierungs-Event der Arbeitsagentur, bei dem ich eingestellt wurde, mussten wir Bewerber uns einen Werbefilm über Amazon anschauen, der die tollen Leistungen des Distributions-Gurus Jeff Bezos pries. Ich schätze, dass an diesem Tag bis zu 500 Leute rekrutiert wurden. Wer ausgewählt wurde, hatte nur wenige Minuten Zeit, um sich für oder gegen den Arbeitsvertrag zu entscheiden. Viele sprachen nur schlecht Deutsch.

Die Leiharbeiter kamen vor allem aus Osteuropa. Von denen hab ich aber nicht so viel mitbekommen. Sie wurden mit Bussen zum Arbeitsplatz gebracht und von der Sicherheitsfirma streng kontrolliert. Sie blieben unter sich.

Letztlich macht bei Amazon jeder sein Ding. Das Einzige, was zählt, ist die Performance, die in meinem Fall an den Picks gemessen wurde. Effektivität, Effizienz, Produktivität und Rentabilität gehen allem anderen vor! Konstruktive Kritik ist nicht erwünscht. Dabei ist nach außen hin alles locker und cool, zum Beispiel mussten wir immer alle duzen. Aber man spürt überall den Druck. Ich glaube nicht, dass sich daran jetzt etwas ändern wird.

In den sechs Wochen bei Amazon hat man nur ganz wenige freie Tage. Einmal habe ich 17 Tage durchgearbeitet. Ich bin ein ausdauernder Läufer, aber weil ich gezwungen war, ungeeignete Werkschuhe zu tragen, waren meine Füße danach ganz wund.

Ich wäre – als einer der wenigen – zeitlich befristet übernommen worden. Aber ich wollte nicht. Die Arbeit als rigide überwachter Systemknecht war für mich schwer erträglich. Für Kunden ist Amazon wie ein Paradies. Den Preis zahlen die Mitarbeiter. Dazubleiben war für mich nie eine Option. Das lag aber weniger an den körperlichen Strapazen, sondern an der heuchlerischen Kommunikation und dem völlig indiskutablen Betriebsklima.

Schon damals haben ver.di und Kirchenleute vor dem Eingang zum Amazon-Gelände Handzettel verteilt. Aber die meisten Kollegen haben sie einfach weggeworfen. Es war paradox. Viele der Arbeiter kaufen selbst bei Amazon, und im Job haben sie alles mitgemacht. Aber nach Feierabend haben sie immer über den Laden hergezogen. Meine Erfahrungen bereue ich trotzdem nicht. Ich kann die Arbeit bei Amazon nur jedem empfehlen, der etwas über unser Wirtschaftswunder erfahren will.

Anmerkung der Redaktion: Die beiden früheren Mitarbeiter von Amazon wollten anonym bleiben. Wir haben deshalb darauf verzichtet, ihre Namen zu veröffentlichen.