Leiharbeiter : Aufstand gegen Amazon
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Jahrelang freuten sich Kommunalpolitiker, wenn Amazon kam

Viele Jahre war der Konzern vor allem Kommunalpolitikern willkommen. Logistikjobs, das sind meistens Arbeitsplätze für schlecht Qualifizierte. Für Arbeitskräfte also, die oft seit Jahren arbeitslos gemeldet sind. Entsprechend oft sicherten die Kommunen Unterstützung für die neuen Standorte zu, bis hin zu Straßen, die nach dem Konzern benannt wurden. Dass der Konzern verschwiegen war wie kaum ein anderer, störte niemanden. Nur Journalisten klagten hin und wieder, dass Amazon noch nicht einmal verriet, wie viel Umsatz er mache und wie viele E-Books und Kindles er verkaufe.

In jüngster Zeit aber wuchs die Kritik – vor allem, weil der Konzern immer offensiver das deutsche Arbeitsrecht ausnutzte und dabei auch Hilfe vom Staat bekam. Im November 2011 beschäftigte Amazon von der Arbeitsagentur vermittelte Arbeitslose zwei Wochen lang auf Probe, ohne sie zu bezahlen. Der Lohn kam stattdessen von der Bundesagentur für Arbeit. Auch mehrten sich die Berichte aus den Logistikzentren, die auf harte Arbeitsbedingungen schließen ließen: Vor allem im Weihnachtsgeschäft arbeiten die Mitarbeiter unter hohem Zeitdruck, oft nur mit kurz laufenden Arbeitsverträgen. Zuletzt geriet der Konzern zudem wegen seiner kreativen Steuergestaltung ins Visier der Finanzminister verschiedener Länder, auch das Bundeskartellamt wurde auf das Unternehmen aufmerksam. Der Konzern reagierte auf die Vorwürfe meist gar nicht – und schwieg.

Das öffentliche Schuldgeständnis vom Montag bedeutet daher einen Bruch mit der bisherigen Kommunikationsstrategie. Welches Selbstverständnis der Konzern noch heute pflegt, zeigt sich dieser Tage auf der Facebook-Seite des Unternehmens: Hunderte Nutzer äußern dort ihren Unmut über die ARD-Dokumentation. Die Facebook-Seite wird von einer eigenen Social-Media-Redaktion betreut, die eng mit der deutschen Pressestelle zusammenarbeitet. Die einzige Reaktion der PR-Leute war bislang, dass kurze Statement vom Montag auch auf der Facebook-Seite zu veröffentlichen.

Heiner Reimann beobachtet für die Gewerkschaft ver.di den Amazon-Konzern seit Langem. Er glaubt nicht, dass das öffentliche Statement von Amazon einen Wendepunkt bedeutet. "Die Probleme sind nicht gelöst, wenn man sich von zwei unliebsamen Vertragspartnern trennt", sagt Reimann. Der Gewerkschaftler würde sich wünschen, dass Amazon nun wirklich aufräumt, dass sich auch ein Vorstandsmitglied öffentlich äußert – so wie bei anderen Unternehmen auch. "Amazon hat jetzt die Chance, ein Vorbild für die Branche zu werden", sagt er. Dafür aber, sagt Reimann, müsse der öffentliche Druck noch größer werden als bisher. Und er müsse länger dauern als ein paar Tage.

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Kommentare

155 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Ich würde sogar noch weitergehen

Für jeden Job bei Amazon, gehen wenigsten 5 Jobs im Einzelhandel verloren, aber das lässt sich auf jeden Job sagen, der durch rationalisierung überflüssig geworden ist.
Für jeden Grafiker mit Desktop-Publishing PC sind zehn Setzer arbeitslos gewoprden, aber niemand würde die 10 Setzer wieder in Lohn und Brot bringen, nur weil er dafür sorgt, dass der Arbeiter am PC auch noch seinen Job verliert.

Der Einzelhandel ist mit seiner Servicewüste und dem mangelnden Alternativerlebnis die Kunden förmlich in die Hände der Versandhändler getrieben. und muß sich nicht wundern, das die Leute lieber von Zuahsue bestellen.

Ich bin ja immer wieder fasziniert, wie viele kleine Buchhandlungen es noch gibt, wenn man sich Abseits der Shoppings-Center einmal umsieht. Ich denke Buchpreisbindung und der Servicegedanke der Einzelkämpfer läßt sie auch noch eine Weile bestehen, weil sie eine Alternative bieten, Welche man bei Thalia und Huggendubel vermisst.

Einer der größten Arbeitgeber?

"Was für ein Unsinn, dazu aufzurufen, einen der größten Arbeitgeber in Deutschland zu boykottieren."

Was die größten Arbeitgeber Deutschlands betrifft, siehe beigefügten Link.

http://www.extremas.de/al...

Ansonsten gilt, wenn Ihnen die Qualität eines Arbeitsplatzes egal ist, Hauptsache Arbeit, warum werden Sie nicht Subunternehmer vom Subunternehmer bei einem Ausbeiner?

Sie haben grundsätzlich Recht

Natürlich lassen sich gerade bei einem so großen Konzern mit derart vielen Beschäfftigten immer Menschen finden, die einen Vorwurd erhärten oder entkräften können. Insbesondere als Außenstehender hat man dann praktisch keine Chance zu beurteilen, was näher an der Wahrheit ist. Gerade deshalb sollte man seriös über etwas berichten und nicht versuchen falsche Eindrücke zu erwecken. Gerade die zwei Werke in Bad Hersfeld haben diese Kritik aber nicht verdient. Dort werden viele Menschen in unbefristete Beschäfftigung übernommen, die auf dem Arbeitsmarkt zum Teil kaum eine Chance hätten (z.B. alleine schon weil sie als zu alt angesehen werden). Die Bezahlung ist auch definitiv nicht auf Ausbeuterniveau und man kann von einer Vollbeschäftigung leben. Dies weiß ich, weil ein Angehöriger dort arbeitet. Das mag in anderen Werken wieder anders aussehen, aber letztlich plädiere ich auch nur für seriöse Berichterstattung.

Sie können...

...doch nicht einfach ein halbes Argument von mir nehmen und dann gegen das ganze schreiben? Naja sie haben es gemacht, aber um es nochmal zu betonen.

Stellen sie die Zahl der Festangestelletn bitte die Zahl derer entgegen, die dies nicht sind.
Das Amazon für die Festangestelletn ein guter Arbeitgeber ist, möchte ich an dieser Stelle nicht bestreiten und habe ich auch nie bestritten. Das weis ich nämlich einfach nicht.

Aber die ARD Doku hatte als Kernthema nicht die Festangestellten, sondern die Zustände der Leiharbeiter aus dem Außland.
Sie können ja gerne schreiben das es den Arbeitnehmern dort gut geht, aber es hat halt den faden Beigeschmack der Relativierung von den zustände derer, die dieses Glück eben nicht haben.

Also wie wäre es als Kompromiss, das Amazon doch in Zukunft diese Leiharbeiter ein wenig mehr so behandeln sollte, wie seine Festangestellten?

MfG

MfG

Jubel-Artikel

Auf so einen "Jubel-Artikel" habe ich schon gewartet, dazu noch von einem "Behinderten" kommt immer sehr gut an.

Wer nach 17 Klick Strecke zu Fuss und mindestens 1,5 h Busfahrt noch ans Biertrinken denkt, der kann auch andere Jobs finden als Amazon.

So ein Artikel findet man oft in PR-Broschüre.
Gerade zum Beispiel im Bereich WFB oder wie die heute "korrekt" heißen mögen.

Das ist das nächste PR-Desaster Amazons.

alles anders und doch nicht? teil 1

ich persönlich finde es immer schwierig, sachverhalte nach medienberichten zu beurteilen, weil ich oft genug mitbekomme, wie einseitig medien sachverhalte darstellen.

mein persönlicher ansatz bei amazon: ich boykottiere nicht. weil sich für mich nichts geändert hat. ich habe mir auch vorher schon gedacht, dass da nicht alles supersozial läuft. und ich habe vorher auch schon (fast) immer nicht bei amazon bestellt sondern bei meinem lokalen buchladen. weil ich es wichtig finde, dass die lokalen buchläden auch noch da sind. und weil ich mir denke (was natürlich falsch sein kann), dass das arbeitsklima in den buchläden besser ist als bei amazon. ob die menschen in den buchläden dann mehr als die 10 E netto als bei amazon verdiene, würde ich aber schon wieder eher bezweifeln (zumindest für hier: berlin).

ich persönlich wundere mich eher bei solchen nachrichten, dass anscheinend die menge der leute überrascht sind. wie mit dem pferdefleisch. denken die leute allen ernstes, dass an einer supermarktlasagne für 1,50 E soziale arbeitsplätze und gesunde tiere beteiligt sind? geschweige denn ihre eigene gesundheit?
ich kaufe auch ohne skandale nur bio im bioladen, esse fast nie fleisch und kaufe so gut es geht regionale produkte und schon gar nicht aus china (gibt es auch im bioladen).

weiter s. teil 2

[...]

Eine der ganz wenigen "guten" Reportagen eines sonst, von mir als Assi-TV bezeichneten Senders machte mal den "Selbstversuch" Leiharbeiter. Wenn auch allerdings nur für 3, 4 Tage. In einem der von mir gennanten Handelsketten zugehörigen Marktes, waren bis auf Marktleiter und 2,3 Andere ALLES ausschließlich "Zeitarbeiter".. für 5€ die Stunde. Macht der Konzern das weil er "unbedingt" Sparen muss oder macht er das weil er einfach "nur" seine Gewinne maximieren möchte. Aktionäre freuen sich ja bekanntlich über steigende Dividenden.

Gekürzt. Bitte bemühen Sie sich um einen sachlichen Kommentarstil und halten Sie sich an die Netiquette. Die Moderation/mak

WENN man diesem Artikel***glaubt,

@The 7th Guest: Ich bin da eher skeptisch. Beide, nämlich die Kreiszeitung (Inserate) und die Gastarbeiterin, sind erpressbar und manipulierbar. Ich will keinem von beiden etwas Schlechtes unterstellen und auch nicht alles an diesem Bericht in Zweifel ziehen. Aber der Redakteur macht sich vermutlich Sorgen umd die Beschäftigungssituation im Kreis, und die Gastarbeiterin möchte natürlich ihren Job behalten.

Ich habe selbst erlebt, wie eine weit größere Regionalzeitung (gar nicht so weit von diesem Ort entfernt) eine wichtige Diskussion über einen Umweltskandal von einem Tag auf den anderen Tag einstellte. Thema war ein Umweltskandal, der noch heute aktuell ist und eben diese Region betrifft. Es ging einem Großunternehmen an den Kragen, das noch heute ca. 2 Milliarden Reingewinn auf Kosten der Umwelt abschöpft. Damals erschien ein Abgesandter (von wem auch immer) an der Arbeitsstelle eines der Disputanten und versuchte seinen Chef zu bewegen, ihm den Mund zu verbieten. Als dies nicht gelang, wurde der unangenehme Querulant mit einer einstweiligen Verfügung, bewehrt mit 300.000 DM, zum Schweigen gebracht. Soviel zur unabhängigen Berichterstattung der Regionalpresse.