LeiharbeiterAufstand gegen Amazon

Monatelang hat der Onlinehändler zu Vorwürfen geschwiegen – bis es nicht mehr ging. Nun steht die Frage im Raum: Wie viel Druck braucht ein Konzern, bis er sich bewegt? von , , und

Amazon-Logistikzentrum

Amazon-Logistikzentrum  |  © Matt Cardy/Getty Images

Die Nachricht ist nur wenige Sätze lang, verfasst wurde sie in der Deutschland-Zentrale des Onlineversandhändlers Amazon in München-Schwabing, verschickt an diesem Montag. "Amazon ist verantwortlich dafür, dass alle Beschäftigten unserer Logistikzentren jederzeit sicher sind und mit Respekt und Würde behandelt werden", steht in dem Schreiben. Es sei in der Vergangenheit "eindeutig" nicht gelungen, die selbst gesteckten Standards einzuhalten. Man nehme die gegen den Konzern erhobenen Vorwürfe "sehr ernst".

Es ist ein Schuldgeständnis, das zeigen könnte, dass der deutsche Konsument mehr Macht besitzt, als er manchmal denkt. Vielleicht ist die Mitteilung auch nur ein leeres Versprechen, das ist im Moment schwer zu sagen. Klar ist nur, dass sich Amazon, eines der verschlossensten und abgeschottetsten Unternehmen der Welt, ein Stück weit bewegt hat. Oder besser: bewegen musste. Und die interessante Frage lautet nun, warum das geschieht.

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Mittwoch vergangener Woche: Die ARD strahlt eine Dokumentation über die Arbeitsbedingungen in den Logistikzentren von Amazon aus. Viele Vorwürfe, die in dem Film gegen den Konzern erhoben werden, sind nicht neu – auch die ZEIT hatte bereits im November über die Zustände in den Logistikzentren berichtet. Die Journalisten werfen dem Konzern nun außerdem vor, mit Zeitarbeitsfirmen zu kooperieren, die ihre Leiharbeiter in überfüllten und kleinen Ferienhäusern unterbringen und von Sicherheitsfirmen durchleuchten lassen.

Der Film macht schnell im Internet die Runde, schon Mitte dieser Woche haben ihn rund 1,7 Millionen Menschen angeklickt, in Blogs und auf Facebook teilen viele ihren Unmut mit. Einige rufen zum Boykott auf. Auch im Ausland wird der Fall wahrgenommen, der britische Independent berichtet, später die amerikanische New York Times und die Daily Mail. Nun steht das Unternehmen auch im englischsprachigen Raum in der Kritik. Spätestens jetzt ist die Geschichte "brandgefährlich" für Amazon, sagt Karsten Weide, der für die amerikanische Beraterfirma IDC arbeitet. Am Sonntag schließlich meldet sich Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen zu Wort und fordert eine Aufklärung der Fälle. Wieder gibt es eine Schlagzeile.

© ZEIT ONLINE

Am Montag kündigt Amazon an, die Zusammenarbeit mit der Leiharbeitsfirma zu beenden. "Es ist sehr untypisch für Amazon, sich derart öffentlich zu äußern", sagt R.J. Hottovy, ein Analyst, der in den USA für den Finanzdienst Morningstar arbeitet. War es der öffentliche Druck, der das Unternehmen bewegt hat, zu handeln? Nicht nur Hottovy vermutet das. Er hält es für möglich, dass der öffentliche Druck dazu geführt haben könnte, dass die Konzernspitze in der Zentrale in Seattle gemeinsam mit dem Management in München beschlossen habe zu handeln.

Amazon war im Netz früher da als andere

Tatsächlich kann es dem Unternehmen nicht egal sein, was der deutsche Verbraucher denkt. Deutschland ist für Amazon mittlerweile der zweitwichtigste Markt, etwa 8,7 Milliarden Euro setzt der Konzern hier um – rund 14 Prozent seiner weltweiten Einnahmen. Im schnell wachsenden deutschen Onlinehandel beträgt der Marktanteil mittlerweile rund 25 Prozent. Amazon ist für viele auch deshalb die erste Anlaufstelle, wenn sie Produkte im Netz bestellen wollen, weil das Unternehmen früher da war als andere.

Den ersten Onlineshop gründete Amazon in Deutschland bereits im Jahr 1998, anfangs nur für Bücher, doch das Geschäft wuchs schnell. Das erste Lagerhaus in Deutschland stand in Regensburg und wurde bald zu klein. Schon ein Jahr später kam ein zweites Lagerhaus dazu, in Bad Hersfeld in Hessen. Heute betreibt Amazon in Deutschland außerdem Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz. 7.700 Festangestellte arbeiten für den Onlinehändler. Im Vorweihnachtsgeschäft kommen an jedem Standort Tausende Saisonarbeiter hinzu.

Leserkommentare
  1. Die größte Furcht von großen Wirtschaftsunternehmen und der Politik ist es, dass die normalen Menschen und Arbeiter sich ihrer Macht bewusst werden.

    Was kann ein Konzernchef mit hunderttausend Untergebenen tun, wenn diese Untergebenen einfach nicht mehr seinen Anweisungen folgen, sondern eine bessere Behandlung verlangen? Überhaupt nichts.

    Was kann eine Regierung tun, wenn die Bevölkerung schlicht und einfach nicht deren Anweisungen folgt? Überhaupt nichts.

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    ...die GEZ tun, wenn wir alle den "Pflichtbeitrag" nicht bezahlen?
    Bis die ganzen Mahnverfahren, Bußgeldverfahren usw. durch sind, sind die Öffentlich-rechtlichen ausgetrocknet, zahlungsunfähig.

  2. http://kreisanzeiger-online.de/2013/02/19/218419/

    Die ZEIT wird sich wohl dazu nicht äußern.

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    Antwort auf "Übertrieben"
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    Ich habe mir mal am We diese beiden Anlagen angesehen.
    Die eine besteht aus "privaten Häuschen", also das ist nicht eine Firma, sondern das einzelne Haus gehört einzlenen Investoren.

    Der anderen Park ist eine GmbH und hat ein Ergebnis eine schwarze 0 und reicht noch Kredite aus.
    Nachzulesen im Ebundesanzeiger.

    • lxththf
    • 21. Februar 2013 11:13 Uhr

    Pluralismus der Recherchen? Bei einem Konzern wie Amazon ist es doch nicht verwunderlich, dass man zwei Menschen findet, die auch etwas positives zu berichten haben.
    Vielleicht und wirklich nur vielleicht, waren die Arbeitsbedingungen vor 10 Jahren besser? Vielleicht identifiziert man sich mehr, wenn man 10 Jahre in dem Betrieb arbeitet?
    Die Berichte schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich, denn natürlich gibt es auch viele Arbeiter, die froh sind, einen Job zu haben (wie die beschriebenen zwei) und die natürlich nun auch Angst haben, vor einem Stellenabbau und das nächste Weihnachtsgeschäft ist weit weg. Aber wenn es Sie beruhigt. Bis dahin haben die meisten vergessen, was bei Amazon läuft.
    Ich habe sowohl positive, wie auch negative Berichte gehört, aber was mich am meisten verwundert ist, dass vielen vorher scheinbar nicht bewußt ist, mit welchen Methoden Konzerne arbeiten und auf Grund der Konkurrenz vielleicht sogar müssen. Zalando ist im übrigen auch ein Konzern, der viele Arbeiter ausbeutet (vor allem Gastarbeiter aus Polen). http://www.youtube.com/watch?v=1vU1uf3b-OQ
    Am Ende entscheidet der Verbraucher auch über die Arbeitsbedingungen, nur ist er sich leider selten dieser Macht bewußt. Je billiger wir kaufen, umso mehr wird der Vertreiber irgendwo sparen. Sei es Herstellung, Qualität oder eben beim Personal

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    Antwort auf "Nachtrag"
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    • toermel
    • 21. Februar 2013 11:25 Uhr

    Natürlich lassen sich gerade bei einem so großen Konzern mit derart vielen Beschäfftigten immer Menschen finden, die einen Vorwurd erhärten oder entkräften können. Insbesondere als Außenstehender hat man dann praktisch keine Chance zu beurteilen, was näher an der Wahrheit ist. Gerade deshalb sollte man seriös über etwas berichten und nicht versuchen falsche Eindrücke zu erwecken. Gerade die zwei Werke in Bad Hersfeld haben diese Kritik aber nicht verdient. Dort werden viele Menschen in unbefristete Beschäfftigung übernommen, die auf dem Arbeitsmarkt zum Teil kaum eine Chance hätten (z.B. alleine schon weil sie als zu alt angesehen werden). Die Bezahlung ist auch definitiv nicht auf Ausbeuterniveau und man kann von einer Vollbeschäftigung leben. Dies weiß ich, weil ein Angehöriger dort arbeitet. Das mag in anderen Werken wieder anders aussehen, aber letztlich plädiere ich auch nur für seriöse Berichterstattung.

    • kaison
    • 21. Februar 2013 11:13 Uhr

    ... wäre hier angebracht - Amazon/Zalando/Ebay/Apple hin und her, das von der deutschen Kanzlerin ausgerufene Kredo "Wachstum über alles" hat eben nicht nur gute Seiten. Die Rahmenbedingungen für solche Unternehmen bzgl. Niedriglöhne, Zeit/Leiharbeit. Kommunen überbieten sich gegeneinander mit Subventionen damit das nächste Lager auch ja bei ihnen stehen und natürlich versprechen diese Politiker dann auch über ihre Arbeitsagentur das die Leute 2 Wochen umsonst arbeiten damit man sich dann die "besten" raussuchen kann. Es gibt extra Workshops von Kommunen in denen Unternehmen eingeladen werden und das was da gerade bei Amazon und vielen anderen abgeht genauso vorgeschlagen wird und als Standortvorteil verkauft wird - die Heuchlerei dazu gestern im Bundestag setzt dem ganzen dann noch die Krone auf.

    Nicht das Amazonkonto kündigen - sondern einfach vei der nächsten Wahl das Kreuzchen an der richtigen Stelle und nicht bei den "großen" Volksparteien setzen. Aber das wird der deutsche Michel nie verstehen.

    Das im übrigen die öffentlich rechtlichen bei Ihren Dokumentationen eine dermassen schlechte Qualität an den Tag bringen ist auch traurig - da wird dramatisiert zusammen geschnitten, Erklärungen aus dem Kontext gerissen und schlichtweg getäuscht - das dann sogenannte "Leitmedien" einfach nur abschreiben anstatt selbst zu hinterfragen, ist noch trauriger.

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    • wawerka
    • 21. Februar 2013 11:15 Uhr

    "Nicht das Amazonkonto kündigen - sondern einfach vei der nächsten Wahl das Kreuzchen an der richtigen Stelle und nicht bei den "großen" Volksparteien setzen. Aber das wird der deutsche Michel nie verstehen."

    Das eine muss das andere ja nicht ausschließen....

    • wawerka
    • 21. Februar 2013 11:14 Uhr

    "Ich habe meinen Amazon-Account gekündigt. Das kann man einen symbolischen Akt nennen und so mancher wird mich deswegen als Gutmensch bezeichnen, aber damit kann ich leben. Amazon hat die Chance, sich zu ändern. Dann melde ich mich auch wieder an."

    Ich kann mich Ihren Worten nur anschließen. Habe ebenfalls meinen Account gekündigt, muss nicht für die Ewigkeit sein, das hängt vom weiteren Verhalten Amazons ab.

    Etwas erstaunlich fand ich die teils glühende Verteidigung des Konzerns seitens mancher Kunden ("Andere sind doch auch nicht besser", "Heuchler" etc.), obwohl von denjenigen, die Amazon kritisierten und ankündigten ihre Kontos zu kündigen, gar nicht gefordert wurde, dass sich alle dem Boykott anschließen sollten. Mir schimmerte da ein bisschen:
    "Wir wissen, dass Amazon seine Angestellten ausbeutet, aber wir wollen es gerne ausblenden. Verderbt uns nicht den Einkaufsspaß, ihr Gutmenschen" durch

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    ... ganz konkrete Hilfe:

    Woran erkenne ich Versandhändler, die besser mit ihren Mitarbeitern umgehen?

    Woran erkenne ich Versandhändler, die ihren Kunden gegenüber genauso kulant sind, wie Amazon?

    • wawerka
    • 21. Februar 2013 11:15 Uhr

    "Nicht das Amazonkonto kündigen - sondern einfach vei der nächsten Wahl das Kreuzchen an der richtigen Stelle und nicht bei den "großen" Volksparteien setzen. Aber das wird der deutsche Michel nie verstehen."

    Das eine muss das andere ja nicht ausschließen....

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    • kaison
    • 21. Februar 2013 11:28 Uhr

    Anstatt das Konto zu kündigen kann man aber auch mit dem Unternehmen als Kunde in den Dialog gehen und etwas schreiben wie "hey liebes amazon - ich bestell seit Jahren im Wert von vielen Tausend Euros bei euch. Sorgt dafür das alle in eurem betrieblichen Ablauf von Unternehmenserfolg profitieren und nicht nur einige wenige. Sobald ich das Gefühl bekomme das die Unternehmenskultur wieder in die richtige Richtung geht werde ich auch wieder was bei dir bestellen - bis dahin werde ich mein Konto ruhen lassen, bei der Konkurrenz bestellen und dies auch meinen Freunden & Bekannten empfehlen"

  3. Tatsächlich, ja. Man bekommt Bücher auch noch woanders. Vorzugsweise übrigens direkt beim Verlag, dann haben die, die an den Büchern geschrieben und mitgewirkt haben, auch mehr davon, als wenn sich noch ein großer Onlinehändler seinen Teil davon abzwackt.

    Antwort auf "Boykott"
  4. Redaktion
    24. Amazon

    Werter Toermel,

    danke für Ihren Kommentar. Wir haben auch mit ehemaligen Beschäftigten gesprochen und veröffentlichen gleich zwei Protokolle aus diesen Gesprächen.

    Bleiben Sie uns gewogen,
    Herzlich
    PF

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    • rsi99
    • 21. Februar 2013 11:37 Uhr

    Die betroffene Dame scheint sich gern nochmal äussern zu wollen. Die "BILD" hat diese interessante Gesprächspartnerin in dieser Sache offenbar wieder als erste erkannt

    http://www.bild.de/geld/wirtschaft/amazon/protagonistin-der-ard-doku-bes...

    Irgendwie kommt es mir vor wie ein ideologisch getrübter Tunnelblick, der erst einmal unkritisch "Skandal" ruft und die Suche nach der Wahrheit nicht als erstrangig betrachtet.

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