Es gibt nicht viele, die für diesen Job infrage kommen. Erfahrung ist wichtig, eine gute Vernetzung mit den führenden Köpfen der Wirtschaft, auch ein paar ansehnliche Erfolge sollten den Lebenslauf schmücken. Am wichtigsten aber: Berthold Beitz, 99, der große alte Mann bei Thyssen-Krupp, muss seinen Segen geben. Denn den Aufsichtsrat des Stahlgiganten zu leiten, ist einer der anspruchsvollsten Aufgaben, die in der deutschen Konzernlandschaft zu vergeben sind.

Gerhard Cromme ist für diese Aufgabe nicht mehr geeignet – das findet nun offenbar auch Beitz. Vergangenen Freitag ließ der Patriarch den langjährigen Stahlmanager fallen, darauf deutet jedenfalls der abrupte Abgang Crommes hin, der lange jegliche Kritik an seiner Amtsführung zurückgewiesen hatte. Zu tief war die Krise des bald 200 Jahre alten Unternehmens, zu hoch waren die Verluste.

Für Thyssen-Krupp bedeutet dies eine Zeitenwende: Fast drei Jahrzehnte hatte Cromme die Geschicke des Konzerns mit bestimmt, mit dem Zusammenschluss von Krupp, Hoesch und Thyssen die deutsche Branche vor dem Aus bewahrt. Heute arbeiten rund 150.000 Menschen für den Konzern, der auf 47 Milliarden Euro Umsatz kommt.

Derzeit können sich offenbar zwei Herren Hoffnung auf den Posten machen. Zum einen Ulrich Lehner, 66, bis 2008 Vorstandschef des Konsumgüterherstellers Henkel. Zum anderen Hans-Peter Keitel, 65, bis 2007 Vorstandsvorsitzender des Baukonzerns Hochtief und von 2009 bis 2012 Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie.

Beide gehören seit Jahren dem Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp an. Derzeitiger Favorit sei Keitel, aber auch Lehner könne sich gute Chancen ausrechnen, berichtet der Spiegel ohne Angabe von Quellen. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zufolge soll hingegen Lehner die Nachfolge Crommes antreten. Dies sei der Wunsch von Beitz, der die Alfried-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung leitet. Sie besitzt 25,33 Prozent des Unternehmens. Auch der Zeitung Euro am Sonntag zufolge wird Lehner als Cromme-Nachfolger gehandelt. "Spekulationen kommentieren wir nicht", sagte ein Sprecher von Thyssen-Krupp.

Für Lehner spricht, dass er ein gut gefülltes Adressbuch vorweisen kann – er ist in zahlreichen Aufsichtsräten vertreten: Deutsche Telekom, Eon, Porsche, HSBC Trinkaus oder Krombacher. Außerdem kennt er sich aus mit dem komplexen Zusammenspiel der Interessen einer Familie und denen des Kapitalmarktes.

Keitel beaufsichtigt derzeit unter anderem die Commerzbank, demnächst sollen Mandate beim Stromkonzern RWE und beim Waffen- und Flugzeughersteller EADS hinzukommen. In seiner Zeit als Industrielobbyist musste er die verschiedenen Interessen der deutschen Wirtschaft unter einen Hut bringen und kennt nicht nur aus dieser Zeit die entscheidenden Leute. Gegen Lehner wie gegen Keitel spricht allerdings, dass beide die schweren Managementfehler der vergangenen Jahre bei Thyssen-Krupp nicht verhindert haben.