Patentprozess in IndienNovartis verliert entscheidenden Patentstreit

Das Urteil gilt als Präzedenzfall im Streit um Generika und einen Milliardenmarkt: Indiens Justiz verweigert Novartis den Patentschutz für das Krebsmedikament Glivec.

Krebsstation eines Krankenhauses in Kalkutta

Krebsstation eines Krankenhauses in Kalkutta

Der Schweizer Pharmakonzern Novartis hat den jahrelangen Patentstreit um sein Krebsmittel Glivec in Indien endgültig verloren. Das Oberste Gericht entschied, dass Novartis kein Patent für das Medikament erhält. Es erfülle nicht die indischen Patentregeln, hieß es zur Begründung.

Novartis kritisierte das Urteil als "innovationsfeindlich". Der Konzern hatte sieben Jahren um den Patentschutz für Glivec in Indien gekämpft. Im Januar 2006 hatte das Patentamt den Antrag abgewiesen mit der Begründung, beim Hauptwirkstoff handle es sich nur um eine leicht veränderte Version eines bereits bestehenden Wirkstoffs. Nach dem Patentrecht von 2005 werden nur noch neue Mittel geschützt, wenn eine "erhöhte therapeutische Wirksamkeit" nachweisbar ist.

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Novartis hingegen argumentierte, Glivec sei sehr wohl eine Neuentwicklung. Zwar sei das Molekül vorher schon patentiert gewesen, aber erst nach jahrelanger Forschung habe man es in eine Kristallform gebracht, sodass das Medikament sicher verabreicht werden könne. Das sei ein "Durchbruch", heißt es auf der Website von Novartis. Vor Gericht hatte der Konzern bereits 2009 keinen Erfolg mit dieser Auffassung, nun ist er beim Obersten Gerichtshof in Neu Delhi endgültig gescheitert.

Ein Präzedenzfall für andere Patent-Klagen

Glivec ist bisher in 40 Ländern patentrechtlich geschützt und wird zur Behandlung von Leukämie eingesetzt. Die Marktzulassung in Indien erhielt das Medikament 2001. Eine Monatsbehandlung kostet etwa 2.600 Dollar.

Beobachter werten den richterlichen Entscheid gegen den Patentschutz als wegweisend für die westliche Pharmaindustrie. Das sogenannte "Evergreening", also die Verlängerung des Patentschutzes aufgrund nur minimaler Veränderungen am zuvor patentierten Wirkstoff, gilt seit Jahren als strittig. Kritiker sehen darin eine Strategie der Konzerne, um sich gegen Generika zu schützen. Vertreter der Pharmaindustrie sehen ihr geistiges Eigentum und den Innovationsschutz gefährdet

In der Regel sichern Patente den großen Konzernen ein exklusives Verkaufsrecht für Medikamente für 20 Jahre zu. Nach deren Ablauf können auch andere Firmen Generika herstellen, die meistens günstiger sind. Vor allem in ärmeren Ländern wie Indien gibt es einen großen Markt für Nachahmerprodukte. Bis 2015 laufen voraussichtlich Patente für Arzneimittel mit einem jährlichen Umsatz von 150 Milliarden Dollar aus.

"Ein guter Tag für Krebspatienten"

Generikahersteller begrüßten das Urteil. Die Anwältin des Pharmaherstellers Cipla, Pratibha Singh, sprach von einem "Präzedenzfall". Das Gericht habe entschieden, dass "Patente nur für wirkliche Erfindungen erteilt werden, wiederholtes Patentieren wird nicht erlaubt". Madineedi Adinarayana, Geschäftsführer in Rechtsangelegenheiten beim Generikaunternehmen Natco, sprach von einem "großen Sieg". "Davon profitieren nicht nur wir, sondern auch alle armen Menschen, die auf billige Medikamente angewiesen sind."

Die indische Patientenorganisation Cancer Patients Aid Association lobte die Entscheidung ebenfalls als "guten Tag für Krebspatienten". Es werde dazu beitragen, mehr arme Menschen mit bezahlbarer Medizin zu versorgen. Auch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sprach von einem wichtigen Erfolg.

 
Leser-Kommentare
  1. 17. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

    Antwort auf "[...]"
  2. Ein ganz kleiner Sieg im Kampf Menschenrechte gegen Konzernrechte.
    Es zeigt, wie totalitär der Kapitaluismus ausarten kann, dass Menschenleben als absolut nachrangige Interessen gegenüber potentiellen Gewinnen von ein paar Pharmakonzernen angesehen werden, das Staaten auf eine bazahlbare Gesundheitsversorgung ihrer Bürger verzichten müssen (unter Androhung diverser Zwangsmaßnahmen von WTO, Weltbank und IMF), um das "geistige Eigentum" einiger Aktionäre nicht zu verletzten.

    Dass immerhin ein Weg, diese Art der Gelddruckmaschine für eine Handvoll an Konzernen in den USA, der Schweiz (wie hier), Deutschland und Frankreich auf Kosten der Kranken in armen Ländern endlos laufen zu lassen, nun versperrt wird, ist ein Sieg der Menschlichkeit, aber nur ein Kliener. Das grundlegende Prinzip des Vorrangs des Eigentumsrechts der Konzere vor Leben und Gesundheit armer Menschen wird nicht durchbrochen.

    6 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Lieber Kaffeebecher, leider ist es nicht immer klar, wer der Gute und der Böse ist. Auch in diesem Fall nicht. Und ich würde mich nicht wundern, wenn nun 95 % aller Glivec Patienten in Indien ihr Medikament in Zukunft bezahlen müssen. Warum? Weil Novartis Glivec in Indien an 95% aller Patienten umsonst abgegeben hat. Mal schauen ob die indischen Generika Hersteller ihre eigenen Landsleute auch so großzügig versorgen. Oder ob die ganze Aktion nur dem Schutz der eigenen wirtschaftlichen Interessen diente.

    Lieber Kaffeebecher, leider ist es nicht immer klar, wer der Gute und der Böse ist. Auch in diesem Fall nicht. Und ich würde mich nicht wundern, wenn nun 95 % aller Glivec Patienten in Indien ihr Medikament in Zukunft bezahlen müssen. Warum? Weil Novartis Glivec in Indien an 95% aller Patienten umsonst abgegeben hat. Mal schauen ob die indischen Generika Hersteller ihre eigenen Landsleute auch so großzügig versorgen. Oder ob die ganze Aktion nur dem Schutz der eigenen wirtschaftlichen Interessen diente.

  3. 19. [...]

    Entfernt. Bitte kommentieren Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

    Antwort auf "[...]"
  4. Ein paar Kommentatoren scheinen zu vergessen, dass mit Ablauf der Patentrechte die Gewinne nicht auf Null fallen.

    Lediglich die Gewinnspanne fällt. Bayer verkauft z.B. auch heute noch Aspirin. Das würde Bayer wohl kaum machen, wenn es ein Verlustgeschäft wäre.

    8 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Patentschutz"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie haben Recht, wenn man die Preise für Aspirin in
    Deutschland betrachtet. Aber die französichen Unternehmen
    verdienen auch noch, weil Aspirin dort fast die Hälfte
    preiswerter ist.
    Abzüglich wäre in Deutschland dem "Musterland" noch die unverschämt erhöhte Mehrwertsteuer für Medikamente.
    Eigenartig, da wird in der EU nichts angeglichen, beschämend.

    Sie haben Recht, wenn man die Preise für Aspirin in
    Deutschland betrachtet. Aber die französichen Unternehmen
    verdienen auch noch, weil Aspirin dort fast die Hälfte
    preiswerter ist.
    Abzüglich wäre in Deutschland dem "Musterland" noch die unverschämt erhöhte Mehrwertsteuer für Medikamente.
    Eigenartig, da wird in der EU nichts angeglichen, beschämend.

    • Kapla
    • 01.04.2013 um 12:19 Uhr

    Es konnten zwanzig Jahre gute Gewinne eingefahren werden. Jetzt räumt man ein, das Produkt sicherer gemacht zu haben (es ist immer noch das "alte" Produkt vom Molekülaufbau her). Das bedeutet für mich ein Generika wäre billiger, aber nicht so sicher. Habe ich das nötige Geld (1. Welt), werde ich die sicherere Variante wählen, habe ich es nicht (3. Welt) wird mir wenigstens nach altem Standard geholfen. "Sicherer" ist in der 1. Welt bei Medikamenten Kaufgrund genug, ich sehe da nur wenig Gewinn wegbrechen.

    3 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Forschungskosten"
    • Plupps
    • 01.04.2013 um 12:21 Uhr

    Einerseits freuen jeden billige Medikamente. Áber auch ohne Medizifachmann zus ein, kann man wohl sagen, dass Indiens Justiz ziemlich freihändig mit dem Partentschutz von Nicht-Indern umgeht.
    Ob dieses Medikament nun so innovativ ist, kann ich nicht sagen: Aber nru mir Generika wird es wohl kaum gehen.

    Unvetsändlich is ohnehin, dass es hier keinen Schuitz geben soll, bei Smartphones abegrundete Ecken jedoch ein höchst schützenwertes Gut sein sollen

    4 Leser-Empfehlungen
    • KHans
    • 01.04.2013 um 12:32 Uhr

    muß es sein, gerade schwachen Menschen zu helfen, nicht Profit auf ewig zu betonieren. Wem das naiv in den Ohren klingt, für den gelten die Patentrechts- und Innovationstricks der Pharmaindustrie als fortschrittliche Forschung - und für den gelten Lug und Trug als legal und wahrhaftig.

    Unser kapitalistisches Erfolgs-Modell gebirt unmenschliche Monster.
    Versicherungen und Gesundheitsindustrie: Wendet Euren Sinn.
    Politik: Lauterbach raus aus den Aufsichtsräten

    5 Leser-Empfehlungen
  5. 24. [...]

    Entfernt. Bitte setzen Sie sich sachlich mit dem Thema auseinander. Die Redaktion/mak

    Antwort auf "Forschungskosten"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, ds
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  • Schlagworte Novartis | Indien | Medikament | Justiz | Medizin | Krebs | Pharmaindustrie
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