Rand Paul ist sichtlich erregt. "Ich bin empört", sagt der Republikaner, als er im US-Senat das Wort ergreift. Es geht um den Apple-Konzern und dessen Steuerspar-Tricks. Doch Paul empört sich nicht darüber, dass das Unternehmen so wenig Steuern zahlt. Nein, er ärgert sich über die Regierung, die "eine der großartigsten Erfolgsgeschichten Amerikas tyrannisiert". Der Senat solle sich doch bitte bei Apple entschuldigen. Vielmehr sollten sich die Politiker ernsthaft selbst fragen, warum sie "ein bizarres und sehr kompliziertes Steuersystem geschaffen" haben.

Paul ist zwar für seine wirtschaftsliberale Haltung und unverblümte Art bekannt. Aber diese deutlichen Worte am Dienstag überraschten trotzdem, hatte doch der Senat erst einen Tag zuvor einen Untersuchungsbericht vorgelegt, der das ungeheure Ausmaß von Apples Steuervermeidung aufzeigte: Mindestens 74 Milliarden Dollar soll der iPhone-Hersteller zwischen 2009 und 2012 außerhalb der Reichweite der US-Steuerbehörde IRS gebracht haben. Wenn auch nicht illegal, zumindest werfen das die Ermittler dem Unternehmen nicht vor.

So unerhört die Vorwürfe des Republikaners Paul auch klingen mögen, ganz unrecht hat er offenbar nicht. Denn das US-Steuersystem ist tatsächlich sehr komplex und bedarf dringend einer Reform, darin stimmen nicht nur Apple und andere Unternehmen, sondern auch die meisten Experten überein. "Wir, die sich ständig mit der Steuerpolitik beschäftigen, haben das schon lange kommen sehen", sagt Victor Fleischer von der University of Colorado Law School. "Es ist gut, dass das Problem endlich ernst genommen wird." Apple sei zwar ein sehr prominenter Fall: "Das ist aber branchenweite Praxis", erklärt der Rechtswissenschaftler.

"Das US-Steuersystem ist verrückt"

Die Apple-Anhörung im Senat ist folglich als eine Art Schauprozess zu verstehen. Darum machte auch Ausschussvorsitzender Carl Levin keinen Hehl. Ihm gehe es darum, Licht auf die ganze Angelegenheit zu werfen. Das sollte ihm auch gelungen sein. Die mediale Aufmerksamkeit war enorm. Apple-Chef Tim Cook war mit seinen Rechtfertigungen auf allen TV-Kanälen zu sehen. Mittlerweile sollte fast jeder John Doe – der amerikanische Otto Normalverbraucher – wissen, dass er relativ mehr Steuern zahlt als die multinationalen Megakonzerne.

Die Debatte um die Steuerehrlichkeit der US-Wirtschaft ist nun voll im Gange. "In Wirklichkeit richtet sich das an den Finanzausschuss des Senats", erläutert Edward Kleinbard, Juraprofessor an der University of Southern California. Auf diesen solle Druck ausgeübt werden, damit er sich endlich auf eine Steuerreform einige. "Das US-Steuersystem ist verrückt", sagt der Jurist. Die Körperschaftssteuer in den USA ist mit 35 Prozent eine der höchsten weltweit. "Das muss in Ordnung gebracht werden", fordert Kleinbard.

Die Anhörung des Apple-Chefs war nur Mittel zum Zweck. So ähnlich sieht es Cook selbst. Er hoffe, helfen zu können, sagte er dem Gremium. Und er sei dort auch nicht widerwillig hingezerrt worden, wie etwa Paul es seinen Kollegen kurz zuvor vorgeworfen hatte. Cook gab sich bemüht freundlich, patriotisch und sehr respektvoll gegenüber den Politikern. Er lächelte, wann immer er sich daran erinnerte. "Wir haben alle Steuern gezahlt, die wir schuldig sind", sagte er. Trotzdem setzte er sich auch für eine Steuerreform ein. Genauer: Für einen allgemein niedrigeren Steuersatz für die Unternehmen.