Anshu Jain, Co-Chef der Deutschen Bank, während seiner Rede auf der Hauptversammlung © Ralph Orlowski/Reuters

Vielleicht ist dies der Moment, an dem Anshu Jain endgültig in Deutschland ankommt. "Ich freue mich sehr, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Dies ist ein bewegender Tag für mich", sagt in der Indien geborene Jain – in gut verständlichem Deutsch. Es ist das erste Mal, dass er die Sprache in der Öffentlichkeit benutzt. Die Aktionäre auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank klatschen. Plötzlich, mitten hinein in den Beifall, rennen einige Aktivisten Richtung Tribüne, bekleidet mit signalroten Shirts und Masken; bewaffnet mit Flugblättern, die sie ins Rund der Frankfurter Festhalle werfen. "Deutsche Bank, deutsches Geld, morden mit in aller Welt", skandieren sie, "Deutsche Bank, deutsches Geld, morden mit in aller Welt."

Schnell sind Ordner zur Stelle, langen mit kräftigen Armen nach den Protestierern und drängen diese hinaus. Anshu Jain steht am Pult und wartet – bis sich die Anspannung wegen des Aufruhrs, erkennbar aber vor allem seine Anspannung, Deutsch zu sprechen, in einem offenen, herzlichen Lachen entlädt. Das sieht man bei ihm selten. Gelöst spricht er weiter, auf Deutsch, seine ganze Rede durch, bis er schließlich an "Jürgen" Fitschen, seinen Partner an der Spitze der Bank, übergibt. Sofort, nachdem er Platz genommen hat, hängt er sich wieder den Knopf mit der Übersetzung ins Ohr.  

Begrüßt von Aktionären, beschimpft von Aktivisten – das wird Anshu Jain nun häufiger erleben. Für fünf Jahre ist der 50-Jährige, der inzwischen britischer Staatsbürger ist, berufen, die größte Bank Deutschlands zu führen. Mit Argusaugen hat man ihn hierzulande im ersten Amtsjahr verfolgt. Jain ist im Investmentbanking groß und mächtig geworden – ausgerechnet jener Sparte, in der viele der Skandale wurzeln, die der Deutschen Bank derzeit so viele Probleme bereiten. Er ist ein Kind der modernen, kühl rechnenden Bankenwelt, kein Deutschbanker der alten Schule mit Zweireiher.

Sein Denken ist angelsächsisch geprägt, seine Sprache ist das Englische. All das macht ihn für viele verdächtig: Kann so einer die Deutsche Bank führen?

Die Deutsche Bank und die Deutschen 

Jain und die Deutschen – das ist ein schwieriges Verhältnis. Noch schwieriger aber ist wohl derzeit das Verhältnis zwischen den Deutschen und der Deutschen Bank. Der Primus der Finanzbranche und die Bürger seines Heimatlandes fremdeln mehr als je zuvor. Möglich aber, dass beiden Seiten langsam dämmert, dass sie nicht ohne einander können.

Deutschland ist immer noch die Basis der Bank, trotz aller globaler Ambitionen: 37 Prozent ihrer Erträge hat das Institut im vergangenen Jahr in seiner Heimat erzielt. Damit ist Deutschland weiter der wichtigste Markt, noch deutlich vor den USA oder Asien. 47 Prozent der insgesamt 98.000 Mitarbeiter sind in Deutschland tätig, 24 Millionen der weltweit 31 Millionen Kunden führt die Bank in Deutschland. Die meisten davon finden sich naturgemäß im Geschäft mit Privat- und Firmenkunden, das heute nur noch eine von vier Sparten der Bank darstellt. Dennoch: Die Führung weiß, dass "Deutsche", wie die Bank in der Finanzwelt nur kurz genannt wird, im Ausland nicht reüssieren könnte, wenn sie zu Hause nur eine unter vielen wäre. 

"Wir stehen zu unserem Heimatmarkt", sagt Co-Chef Jürgen Fitschen. "Nur eine Bank mit einer starken Heimatbasis kann auch global erfolgreich sein." Klatschen hallt durch das Rund der gut gefüllten Festhalle auf dem Messegelände.

Umgekehrt braucht eine große Volkswirtschaft, insbesondere eine so exportorientierte Volkswirtschaft wie Deutschland wenigstens ein Institut wie die Deutsche Bank. Eine Bank, die in 72 Ländern weltweit tätig ist, die Mitarbeiter aus 136 Nationen in ihren Reihen hat und die in den Finanzzentren London und New York auf Augenhöhe mit Branchengrößen wie JP Morgan oder Goldman Sachs agiert. Ein Haus also, das weltweit Börsengänge begleiten, Anleihen auflegen und Übernahmen einfädeln kann.