Nachhaltige Geschäftsideen : Womit soziale Gründer Geld verdienen

Klimawandel, Pflegenotstand, ungleiche Bildungschancen: Soziale Unternehmen lösen gesellschaftlicher Probleme und machen nebenbei auch noch Profit damit.

Nicht größer als eine Faust das eine, so flach wie ein Frühstücksbrettchen das andere, der Name kaum aussprechbar: Mit seiner weißen Optik wirkt Kalhuohfummi, als wäre es aus der Designabteilung eines angesagten US-Elektronikkonzerns entsprungen. Doch schick allein soll das Kombiprodukt nicht sein, das Markus Schulz und Daniela Schiffer entworfen haben. Die Kombination aus Solarzelle und Batterie ist die Antwort der beiden Berliner Gründer auf den Klimawandel. Ein kleiner Chip in dem Gerät mit dem futuristischen Namen rechnet aus, wie viel Kohlenstoffdioxid (CO2) spart, wer mit der Solarzelle Energie erzeugt und dann mit der Batterie sein Smartphone auflädt. Pro eingesparten Gramm CO2 winkt den Nutzern ein "Changers Credit". Diesen können sie gegen nachhaltige Produkte und Dienstleistungen eintauschen - etwa einen Einkaufsgutschein für den Ökomarktplatz Avocado Store oder ein Leihfahrrad vom Verleihservice Nextbike.

Changers haben Schulz und Schiffer ihre Idee genannt - zu Deutsch: Veränderer. Die beiden Jungunternehmer wollen aber nicht nur die Welt zu einer besseren machen, sondern mit ihrer Idee auch Geld verdienen: Rund 3.500 ihrer Solarsets für je 149 Euro haben sie bereits verkauft, die Kunden haben damit mehr als 200.000 Wattstunden Energie erzeugt. Diese Energiesparerfolge können sie über Changers mit ihren Online-Freunden teilen. "Gemeinsam die Welt retten macht eben mehr Spaß", sagt Schulz.

Die Welt retten, dem Klimawandel Einhalt gebieten, für eine bessere Bildung sorgen, Altersarmut verhindern: In Deutschland gibt es zahlreiche Gründer, die gesellschaftliche Probleme lösen und damit Geld verdienen wollen. Experten nennen diese Unternehmer Social Entrepreneurs: "Es ist zwar eine kleine Szene, aber eine wachsende", sagt Steven Ney, Professor für Entrepreneurship an der Bremer Jacobs University. Eine Studie der Mercator Stiftung belegt, dass sich Sozialunternehmer heute in fast allen Branchen finden; einige Universitäten bieten bereits passende Studiengänge an, etwa die WHU Vallendar, an der man seit dem Frühjahr soziales Unternehmertum studieren kann.

Soziales Unternehmertum prägt die Gründerszene

Zu den bekanntesten sozialen Unternehmern in Deutschland gehört Till Behnke, der die gemeinnützige Online-Spendenplattform Betterplace aufgebaut und damit schon mehrere Millionen Euro Spenden für sinnvolle Projekte generiert hat. Oder Michel Aloui, der in Köln das Social Lab eröffnet hat – ein Zentrum für Sozialunternehmer, die sich im Bildungsbereich engagieren. Tür an Tür finden sich hier Projekte wie Gewaltfrei Lernen, das die Lernatmosphäre in Schulen verbessern will, oder das Network for Teaching Entrepreneurship, das für Unternehmergeist unter Jugendlichen sorgt.

Wie sehr soziales Unternehmertum inzwischen die Gründerszene erfasst, zeigt sich auch am WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb, der aktuell zum siebten Mal ausgeschrieben ist. 2012 stand mit CoffeeCircle ein Unternehmen im Finale, das fair gehandelten Gourmetkaffee aus Äthiopien importiert und mit Entwicklungsprojekten das Leben der Kaffeebauern verbessern will. Und 2007 gewann mit den ArmedAngels ein Startup, das nachhaltig produzierte Mode verkauft.

Erklärungen für den Boom der Weltverbesserer gibt es mehrere. Zum einen achten laut einer Umfrage der EU-Kommission inzwischen neun von zehn Deutschen genau darauf, was Unternehmen tun, um sich verantwortungsbewusst gegenüber der Gesellschaft zu verhalten - mehr als in jedem anderen europäischen Land. Kleine und mittelgroße Unternehmen engagieren sich nach Ansicht der Befragten sogar stärker als Konzerne für die Gesellschaft.

Zum anderen sind Gründer heute daran interessiert, sinnvolle Projekte mit Geschäftsmodellen zu verknüpfen und sie so zu professionalisieren, dass sich damit gutes Geld verdienen lässt. "Besonders für die Mittzwanziger ist das ein Riesen-Thema", sagt Felix Oldenburg, Deutschland-Geschäftsführer der Non-Profit-Organisation Ashoka, die soziales Unternehmertum weltweit fördert. "Diese Menschen sind zu Zeiten des Dotcom-Crashs und der Finanzkrise aufgewachsen. Sie wollen zwar wirtschaftlich Erfolg haben, aber zugleich die Gesellschaft zum Besseren verändern."

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Wahnsinn(?) mit System

"Die beiden Jungunternehmer wollen aber nicht nur die Welt zu einer besseren machen, sondern mit ihrer Idee auch Geld verdienen: Rund 3.500 ihrer Solarsets für je 149 Euro haben sie bereits verkauft, die Kunden haben damit mehr als 200.000 Wattstunden Energie erzeugt. Diese Energiesparerfolge können sie über Changers mit ihren Online-Freunden teilen. "Gemeinsam die Welt retten macht eben mehr Spaß", sagt Schulz."

Ich oute mich mal als mathematischer Laie: Haben die verrückten Käufer wirklich insgesamt 521.500 € ausgegeben (3.500 x 149 €), um insgesamt läppische 200 kw/h Strom zu erzeugen, für die ich bei meinem Stromanbieter weniger als insgesamt 58 € bezahlt hätte? Wo liegt mein Denkfehler???

Wenn wir so weiter "sparen", dann gute Nacht.

Ernsthafte Frage: Wie sieht die CO2-Bilanz aus, wenn man berücksichtigt, dass auch die 149 € je Solarset erst einmal erwirtschaftet werden wollen?

Nicht profitabel oder sinnhaft - sondern beides

Biologisch und gleichzeitig wirtschaftlich machbar - das haben viele Unternehmer vor 30 Jahren mit Einsetzen der Öko-Bewegung für nicht realisierbar gehalten. Mittlerweile finden wir die Produkte in jedem Supermarkt.
Heute sind wir am Beginn einer Zeit in der wir Antworten darauf suchen, wie etwas wirtschaftlich sinnvoll realisiert werden kann - und gleichzeitig sozial sein kann. Und das nicht nur in Bezug auf die eigenen Mitarbeiter, sondern auf die gesamte Gesellschaft. Es gibt bereits sehr viele neue Modelle, aber sie werden noch nicht ausreichend beachtet.
Wir von www.entia.de haben uns vorgenommen, die Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Deutschland zu unterstützen. Der Druck auf diese Werkstätten, gleichzeitig die Menschen zu fördern und (möglichst) profitabel zu arbeiten, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Mit dem Verkauf ihrer Handwerksprodukte - aber zum Beispiel auch mit Marketing-Workshops - unterstützen wir die Werkstätten dabei. Und wir finden es gut und richtig, dabei als "normales" Wirtschaftsunternehmen zu agieren. Geld und Sinn - das kann durchaus harmonieren.