Technologiekonzern : Siemens enttäuscht schon wieder

Zum fünften Mal schon muss Siemens-Chef Peter Löscher die Gewinnprognose zusammenstreichen. Jetzt wird das Sparprogramm verschärft. Von Corinna Visser

Siemens-Chef Peter Löscher kann erneut nicht halten, was er versprochen hat: Der Technologiekonzern wird weniger verdienen und auch weniger Umsatz machen als noch vor einem halben Jahr angekündigt. Schuld daran ist die schwache Konjunktur. Hinzu kommen aber hausgemachte Probleme. Statt eines Gewinns von bis zu fünf Milliarden Euro werden nun maximal 4,5 Milliarden Euro erwartet. Tatsächlich werden es aber wahrscheinlich nur vier Milliarden Euro werden, wenn man berücksichtigt, dass das Unternehmen das Solargeschäft in diesem Jahr wohl nicht wie geplant verkaufen kann und weitere Belastungen aus Zu- und Verkäufen auf das Unternehmen zukommen. Auch wird der Umsatz nicht wie prognostiziert stabil bleiben, sondern "moderat zurückgehen". Darunter versteht Finanzchef Joe Kaeser ein Minus zwischen drei und fünf Prozent.

Dies ist bereits die fünfte Gewinnwarnung in sechs Jahren, die Löscher als Siemens-Chef zu vertreten hat. Die Börse scheint das nicht zu stören: Die Siemens-Aktie legte in der Spitze 1,8 Prozent zu.

Es ist vor allem die schwache Nachfrage aus der Industrie, die dem Konzern zu schaffen macht. Viele Länder Europas, wo Siemens gut ein Drittel seines Geschäfts macht, befinden sich in der Rezession. Auch aus den USA und China kommen nicht die erhofften Impulse. "Die wirtschaftliche Lage hat die ursprünglichen Erwartungen von Konjunkturexperten nicht erfüllt", konstatierte Löscher.

Hinzu kommen Sonderbelastungen. So will sich Siemens vom verlustträchtigen Solargeschäft trennen, musste es aber wieder in die Bücher nehmen, weil ein Verkauf in diesem Jahr nicht mehr als "höchst wahrscheinlich" gilt. Löscher betonte jedoch, dass man sich trennen oder das Geschäft notfalls schließen will, wenn sich kein Käufer findet. Andere Belastungen kommen aus den Verzögerungen beim Anschluss von Windkraftanlagen auf hoher See sowie Verspätungen bei der Auslieferung von Hochgeschwindigkeitszügen an die Deutsche Bahn und Eurostar. Für die Probleme bei den Zügen schiebt Siemens einen Teil der Verantwortung auf den "nicht berechenbaren Zulassungsprozess". Derzeit stünde fertiges Zugmaterial für mehr als eine Milliarde Euro auf dem Abstellgleis, weil es noch keine Zulassung habe. Um dies zu verbessern, sei die gesamte Industrie gefordert, sagte Löscher, räumte aber ein, Siemens habe die Komplexität der Prozesse unterschätzt – was im Übrigen auch für die Windprojekte gilt.

In der Konsequenz wird Siemens sein Sparprogramm verschärfen. Ursprünglich wollte das Management die Kosten bis 2014 um sechs Milliarden Euro drücken – verteilt auf die Bereiche Energie (3,3 Milliarden), Medizintechnik (800 Millionen), Industrie (1,1 Milliarden) sowie Infrastruktur und Städte (800 Millionen Euro). Nun werden es 6,3 Milliarden Euro sein, wobei die 300 Millionen Euro aus Produktivitätssteigerungen und – dank der schwachen Konjunktur – niedrigeren Rohstoffpreisen kommen sollen.

Unklar, wie viele Jobs gestrichen werden

Der Vorstand betont immer wieder, dass das Sparprogramm kein Personalabbauprogramm sein soll. Dennoch sind die daraus resultierenden Kosten im Wesentlichen Kosten für den Personalabbau. 900 Millionen Euro sollen in diesem Jahr anfallen. Wie viele Jobs gestrichen werden, will Löscher nicht vorhersagen, darüber werde noch verhandelt.

Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres, das am 1. Oktober 2012 begann, hat Siemens den Gewinn aus fortgeführten Geschäften mit 982 Millionen Euro stabil gehalten. Der Umsatz schrumpfte dagegen um sieben Prozent auf 18 Milliarden Euro. Siemens schnitt damit schlechter ab als von Analysten erwartet. Allerdings konnte der Konzern zwei große Aufträge – ausgerechnet bei Zügen und Windturbinen – verbuchen, was den Auftragseingang um ein Fünftel auf 21,5 Milliarden Euro steigen ließ.

Bei der Abspaltung von Osram befinde man sich auf gutem Weg, sagte Löscher. Ab Juli sollen die Osram-Aktien an der Börse gehandelt werden. Siemens verschenkt vier Fünftel seiner Anteile an die Aktionäre. Dabei wird Osram mit 3,2 Milliarden Euro bewertet – mehr, als Analysten veranschlagt hatten. Finanzchef Kaeser sagte dagegen, eine operative Rendite von sieben Prozent und die Wachstumsaussichten für die Zukunft rechtfertigten die Bewertung.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Arbeit soll Werte schaffen, nicht welche vernichten

Wenn sich der Gewinn durch Abbau bestimmter Arbeitsplätze steigern lässt, dann heißt das, dass es dort einige Mitarbeiter geben muss, die durch ihre Arbeit mehr Kosten verursachen als sie zum Umsatz beitragen.

Das ist nicht sinnvoll. Sonst könnte man auch fordern, noch zusätzlich Leute einzustellen, die jeden Monat 1.000 Euro fürs Nichtstun bekommen. Das wäre das gleiche wie Leute zu behalten, die 52.000 Euro im Jahr kosten, obwohl sie nur 40.000 erwirtschaften. In beiden Fällen ein Verlustbeitrag von 12.000 Euro pro Person.

Arbeit, die unterm Strich Werte vernichtet, sollte meiner Meinung nach grundsätzlich unterbleiben.