Goldman-Manager Andrew Wilson"Europa ist extrem fragil"

Die Finanzmärkte stehen vor gewaltigen Umwälzungen – und zwar schneller als gedacht. Im Interview sagt Andrew Wilson von Goldman Sachs AM, wie er sich darauf einstellt. von Jörg Hackhausen

Frage: Herr Wilson, die Nervosität an den Finanzmärkten hat wieder zugenommen. Was ist los?

Andrew Wilson: In den vergangenen beiden Wochen haben wir einen Ausverkauf auf dem Anleihemarkt gesehen. Es gab sehr große Abflüsse. Fast ohne Ausnahme sind die Renditen von Staatsanleihen weltweit gestiegen. Noch stärker sind die Spreads von Unternehmensanleihen gestiegen. Das ist sehr ungewöhnlich. Zuletzt haben wir so etwas 2007 gesehen.

Anzeige

Frage: Was sind die Gründe?

Wilson: Ursache war eine Kombination aus verschiedenen Faktoren: Die Bemerkungen von Bernanke waren eine Art Weckruf. Die US-Notenbank könnte ihre Anleihekäufe früher als gedacht zurückfahren. Gleichzeitig müssen wir auch sehen, dass sich die konjunkturellen Aussichten gebessert haben. Die USA dürften in diesem Jahr um zwei bis zweieinhalb Prozent wachsen.

Frage: Das ist nicht grandios.

Wilson: Aber schon eine Verbesserung. Es reicht, um die Fed zumindest über einen früheren Ausstieg nachdenken zu lassen.

Frage: Wann wird die Fed ihre Anleihekäufe zurückfahren?

Wilson: Es ist schwer, den genauen Zeitpunkt vorherzusagen. Das wird ganz klar von den Konjunkturdaten abhängen. Die Häuserpreise auf dem US-Immobilienmarkt sind bereits gestiegen, die Erholung schreitet voran. Dadurch entstehen wiederum viele neue Jobs. Wenn wir weiterhin eine Verbesserung sehen, was sehr wahrscheinlich ist, dann könnte die Fed im vierten Quartal so weit sein, zu handeln, vielleicht auch schon im September.

Frage: Was bedeutet das für die Finanzmärkte?

Wilson: Die Märkte befinden sich jetzt schon in der Übergangsphase. Sie passen sich an eine neue Welt an, in der die Notenbanken weniger Anleihen kaufen und die Zinsen steigen. Die Anleihen, die Investoren aktuell im Portfolio haben, werden in der neuen Welt nicht sehr lukrativ sein. Deshalb sind die Verkäufe, die wir aktuell sehen, kein Wunder. Überraschend ist nur, wie schnell das vonstatten geht. Wir denken, dass die Investoren überreagieren.

Frage: Sie sprechen von einer Übergangsphase. Vielleicht ist es einfach Zeit, dass die Luft aus der Blase entweicht.

Wilson: Der Bullenmarkt für Anleihen hat 30 Jahre gedauert - er kann nicht ewig andauern. Wir müssen uns auf eine andere Welt einstellen, uns abfinden mit geringeren Erträgen. In diesem Umfeld wird es zunehmend schwer, eine herausragende Performance zu erzielen. Ich würde aber nicht so weit gehen, von einer Blase zu sprechen.

Frage: Steigen die Zinsen?

Wilson: Wir befinden uns definitiv in einer Phase steigender Zinsen.

Frage: Wie sieht Ihre Prognose aus?

Wilson: Die Rendite für zehnjährige US-Treasuries dürfte bis Jahresende in Richtung 2,75 Prozent steigen – vielleicht etwas höher, vielleicht etwas tiefer. Bis wir fünf, sechs oder sieben Prozent sehen, wird es noch lange dauern. Irgendwann werden wir dahin zurückkehren, aber unserer Ansicht nach nicht in den nächsten zwei Jahren.

Frage: Was heißt das für Sie als Investor?

Wilson: Entscheidend ist, sehr breit zu streuen. Wer sich zu sehr auf einen Bereich konzentriert, läuft Gefahr, von plötzlichen Einbrüchen überrascht zu werden. So etwas kann man derzeit nie ausschließen. Wir reduzieren unsere Positionen in den großen Bondmärkten wie den USA. Stattdessen suchen wir nach Anleihen, die mehr Rendite versprechen. Hochzinsanleihen von Unternehmen und einzelne Schwellenländern sind aus unserer Sicht attraktiv, gerade nach dem jüngsten Einbruch. Der Markt ist zwar nicht billig, aber ich würde sagen: fair bewertet. Einige Mortgage Backed Securities (MBS) sind ebenfalls lukrativ.

Frage: Sie gehen also höhere Risiken ein.

Wilson: Nicht unbedingt. Es kommt darauf an, wie man Risiko definiert. Mancher denkt, dass Anleihen aus Schwellenländern riskant sind aufgrund ihrer hohen Volatilität. Das ist die traditionelle Denkweise. Aber was hat man von vermeintlich sicheren Staatsanleihen, wenn deren Rendite derart niedrig ist, dass sie nicht einmal die Inflation ausgleicht? Das Risiko, unter dem Strich mit US-Treasuries zu verlieren, halte ich für höher.

Frage: Wie sieht es mit Staatsanleihen aus Südeuropa aus. Die Renditen sind ebenfalls etwas höher.

Wilson: Da bleiben wir vorsichtig. Die Situation in Europa ist nach wie vor extrem fragil. Es gibt zwar ein paar Fortschritte, etwa sinkende Lohnstückkosten. Aber ein langer Weg steht noch bevor, bis Europa wieder zu nachhaltigem Wachstum zurückkehrt.

Leserkommentare
  1. Schön, dass gegen den Medienmainstream und das priolsche Attacgelaber endlich wieder klar gesagt wird, dass die hypertrophierten Beamtenapparete im Süden der Kern des Übels waren und sind..
    Hier heißt es kürzen. Natürlich interessant, dass die Griechen das dann nicht gemacht haben :D

    Haushaltkonsolidierung wird auch von unseren Staatsdiener am meisten gewünscht- aber nicht aus Nächstenliebe, sondern aus Eigensinn ,, da sie ,wie eine verbeamtete Foristin hier, mal schrieb " den Ast auf dem (ich) sitze nicht absägen will"..

    das muss man sich mal vorstellen!! wir dürfen also arbeiten ,dass unsere ach so notwendigen Staatsdiener ihre Premiumbezüge weiter haben.
    Mit ihrer Effizienz vereinfachen sie uns das Leben ja vorbildlich

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ach_ne
    • 20. Juni 2013 7:09 Uhr

    Respekt! Nur vermutlich völlig falsch. Das Interview wurde wohl in Englisch geführt. Das englische "pension" meint aber nicht nur Pensionen, sondern auch Renten. Es dürfte sich wohl um eine schlampige Übersetzung handeln, da sonst wohl nicht auf die Menschen im Allgemeinen sondern auf die Beamten im Speziellen hingewiesen worden wäre.
    Zudem darf angenommen werden, dass der Fachmann mehr Ahnung vom Renten- und Pensionssystem hat, um nicht auf den Gedanken von überhöhten Pensionsansprüchen zu kommen. Der Standardfehler, der immer gemacht wird, ist, das Pensionsniveau mit dem durchschnittlichen Rentenniveau zu vergleichen. Der Fehler liegt hierbei darin, dass übersehen wird, dass es den einfachen Dienst praktisch nicht mehr gibt, es also eines gewissen überdurchschnittlichen Bildungsniveaus bedarf, um überhaupt in den Genuss einer Pension kommen zu können. Zugleich könnte man auch nicht ganz unberechtigt darauf verweisen, dass die gute Altersversorgung ein Ausgleich für die eher mäßige Bezahlung in der Arbeitsphase darstellt, was dem Staat insgesamt billiger kommt, da nicht wenige nur eine geringe Zahl an Jahren ihren hohen Pensionsanspruch genießen können (dem Schichtdienst z.B. bei der Polizei sei Dank).

  2. Ein Blick in ein Geschichtsbuch würde Herrn Wilson verraten, dass es noch nie eine Nation gab, die langfristig schuldenfrei war, sofern ihr Wirtschaftssystem nicht auf der Ausbeutung außergewöhnlicher Ressourcen oder dem überfallen und Ausplündern anderer ressourcenreicher Länder beruhte. Das das nicht möglich ist liegt am Zinssystem, wie Herrn Wilson als Topbanker mit Sicherheit bekannt ist.

    Daran wird auch seine Strategie, Südländer und Rentner ausbluten lassen zu wollen, sowie unser Geld zu verschleudern (von welchen Reichtümern redet der eigentlich? Das meiste ist bereits verpfändet - nur die Auszahlung fand noch nicht statt) nichts ändern. Sie wird nur den Druck in dem Kessel der ihm und Seinesgleichen um die Ohren fliegen wird, noch erhöhen.

    15 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte gehen Sie mit sachlichen Argumenten auf andere User ein. Danke, die Redaktion/ls

    • nr-3
    • 19. Juni 2013 21:11 Uhr

    wie hieß nochmal die Bank die Griechenlands EU-Beitritt beschönigt und damit erst möglich gemacht hat ...

    Lösung natürlich, wer hätte das gedacht, mehr Geld ausgeben

    ganz nach dem Vorbild des großen Bruders, denn da gehts hin

    14 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • hairy
    • 20. Juni 2013 8:01 Uhr

    http://en.wikipedia.org/wiki/Goldman_Sachs#Controversies

    Ich sehe nicht recht, was solche Interviews bringen sollen. Es wird ja gar nicht scharf nachgefragt. Etwa dazu, dass bei der Verschuldung in Südeuropa unsere unreglementierte Finanzindustrie ja immer weiter Kredite hinunterverschleudert hat, zu lächerlichen Zinsen. Und dass unsere Politiker eine effektive Neuverschuldungskontrolle verpennt haben. Da waltete dann der 'freie Markt', um hernach vom Steuerzahler gerettet zu werden. Und derselbe Steuerzahler wählt zB in D-land entsprechende Politiker dennoch.

    Das europäische Finanz-Netzwerk ist ja bereits durch "ehemalige" Mit-Goldman-Sachsler entsprechend etabliert und funktionstüchtig. Natürlich ganz im Sinne der (ha ha ha) freien Märkte!! Herr Wilson sagt schon ganz richtig: Wir alle werden zahlen müssen. Soviel zur schöngefärbten Pseudomotivationsfloskel für den geneigten Lemming und Gemeinschaftspathos. Die eigentliche Botschaft: Die Mehrheit wird zahlen (auf Verdeih und Verderb), einige werden etwas zahlen (da sie problemlos Kosten umlegen werden -siehe Mehrheit-) und einige wenige werden auch in dieser Casinoinszenierung gar nicht zahlen....im Gegenteil, sie werden eher und zum wiederholten Male daran verdienen. Erst die Rettung dann das Vergnügen. In der Welt von Goldman Sachs sieht es nicht so aus als ob man sich an "geringere Gewinne" gewöhnen würde. Das wäre geradezu revolutionär, und ich glaube nicht an den Weihnachtsmann!

  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte gehen Sie mit sachlichen Argumenten auf andere User ein. Danke, die Redaktion/ls

  4. "Der Sozialismus ist daran gescheitert, daß er keiner war.
    Der Kapitalismus könnte daran scheitern, daß er wirklich einer ist."

    21 Leserempfehlungen
    • DS23
    • 19. Juni 2013 21:25 Uhr

    Es tut ihm aufrichtig leid, dass die Umverteilung von den vielen kleinen (durch produktive Arbeit und nachhaltige Anlagen erworbenen) Vermögen zu den wenigen grossen (leistungslos erbeuteten) noch einige Zeit weitergehen muss.

    Ist, wie zuvor schon erwähnt, ein Resultat des Zinssystems, und wenn man das schon nicht in Frage stellen kann oder will, der Unfähigkeit unserer gekauften politischen Klasse, diesem menschenverachtenden Treiben und seinen Akteuren wirksam Fesseln anzulegen.

    Ihr seid die Ersten....

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wie auch sonst, politiker werden von lobbyisten und wirtschaftsbossen gelenkt. die jungen revoltieren und denken über ihre zukunft nach und die älteren und gesaddelten fürchten um ihre pfründe. so ist die welt, so war sie und so wird sie vermutlich auch bleiben, wenn nicht... ja was denn wohl?
    die politiker sollen es richten und sind an allem schuld und sie verdienen auch noch geld damit, also wirklich, das ist doch nicht zu fassen, wo kommen wir denn hin.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/sam

  5. 7. [...]

    "Wenn [...] eine Krisis ausbricht, [...] so halten wir eine zwiefache Politik je nach Lage der Dinge für angezeigt. Im Fall, wo die Speculation trotz aller Warnungen sich ins Maßlose überstürzte, möge man sie auch die Folgen ihrer Handlungen tragen und die Krisis einfach durch Liquidation heilen lassen. [...] Denn wenn der Staat leicht zur Hülfe sich herbeiläßt, so liegt auch die Befürchtung sehr nahe, daß die Speculanten, sich auf diese Hülfe verlassend, ihr leichtsinniges Treiben bald von neuem anfangen und immer wieder dieselbe Gefahr heraufbeschwören."
    aus Geschichte der Handelskrisen, Max von Wirth, 1858

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... unserer "Mutti" bei?

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde gekürzt. Die Redaktion/ls

  6. ... unserer "Mutti" bei?

    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    so weit er sich eben konsolidieren lässt.
    Aber der Artikel sollte anscheinend den Wahlkampf befeuer und der Opposition den Rücken stärken ,dass alles über Wachstum gehe..

    Wachstumsimpuse werden sowieso in Griechenland im Verwaltungsapparat versickern: es braucht einfach Kürzungen der Verwaltungsausgaben.
    Jeder Pensionär ab A 13 ist quasi Millionär ,weil immer von dem von unten nach oben umverteilen gesprochen wird.
    Viele BEamte, die ja bekanntermaßen oft grün wählen, sind also reich, nach der Logik der Kapitalismuskritiker hier im Forum
    Sofern das mal gelöst wäre , hätte der Staat genug Geld

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service