Infrastrukturprojekt : Der Große Kanal spaltet Nicaragua

Um den neuen Kanal durch Nicaragua zu bauen, erhält ein chinesischer Investor weitreichende Vollmachten. Hat Präsident Ortega das Land verkauft?

Falls dieses Projekt je Wirklichkeit wird, werden es die USA nicht mögen. Nicaragua will dem Panama-Kanal Konkurrenz machen – und lässt sich dabei von China helfen. Vor wenigen Tagen hat die nicaraguanische Nationalversammlung beschlossen, die Konzession für das pharaonische Bauvorhaben – geschätzte Kosten bisher: 40 Milliarden Dollar – an den Hongkonger Unternehmer Wang Jing zu vergeben. Mit deutlicher Mehrheit stimmten die 61 sandinistischen Abgeordneten, angeführt von ihrem Präsidenten Daniel Ortega, für den Beschluss. Die Opposition, die weniger als halb so viele Parlamentarier stellt, ist geschlossen dagegen.

Für Wang Jing scheint die Sache ein sicheres Geschäft. Das neue Gesetz garantiert seiner eigens gegründeten HKND Group (Hong Kong Nicaragua Canal Development Group) auf mindestens 50 Jahre hinaus das exklusive Recht, den Kanal zu bauen, zu betreiben und die Konditionen zu bestimmen. Und als wäre die Schiffspassage alleine noch nicht gigantisch genug, geht es noch um viel mehr: An den Stellen, wo die Schifffahrtsroute in die karibische See und den Pazifik mündet, sollen Tiefseehäfen entstehen, die den Kern zweier Freihandelszonen bilden. Dazu: Flughäfen, eine Eisenbahnlinie und eine Ölpipeline.

Nicaragua aber soll sich durch den Kanal zu einem völlig neuen Land wandeln, einem Land mit Zukunft, erklären der ehemalige Guerrillakämpfer Ortega und seine Gefolgsleute. Die Regierung wolle "mit dieser Investition das Leid der Armen beenden", zitierten mehrere Tageszeitungen den sandinistischen Fraktionschef Edwin Castro. Es sei "unpatriotisch", gegen den Kanal zu stimmen, schimpfte sein Parteigenosse Jacinto Suarez während der Parlamentsdebatte über das Megaprojekt. "Eines der größten Reichtümer Nicaraguas ist seine geographische Lage." Jetzt gelte es, das Vermögen zu nutzen: "Der globale Handel verlangt, dass dieser Kanal gebaut wird."

Die Hoffnung der Sandinisten scheint so groß wie die Not im Land. Nicaragua ist arm – nur Haiti ist unter den lateinamerikanischen Staaten ärmer. Besonders schlecht geht es der Landbevölkerung. Für sie bauten Ortegas Leute in den 1980er Jahren, als sie schon einmal regierten, Gesundheitsstationen. Sie schickten Lese- und Schreiblehrer in die Dörfer und verteilten Plantagenland. Doch die Armut blieb so groß wie je. Jetzt soll der Kanal es richten.

Die USA wollten einen Kanal durch Panama

Der Regierungschef verspricht seinem Land einen Wirtschaftsboom, der Nicaragua dem wohlhabenden Nachbarn Panama ähnlicher mache. Das Bruttoinlandsprodukt werde sich durch die künstliche Schifffahrtsstraße verdoppeln, die Zahl der formal registrierten Arbeitsplätze verdreifachen, stellte Ortegas Sekretär für öffentliche Bauvorhaben, Paul Osquit, dem Parlament in Aussicht. "Nach fünf Jahren werden wir mehr formale als informelle Jobs haben. Das bedeutet eine wirtschaftliche und soziale Transformation."

Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Was für manche wie eine naive, überzogene Träumerei klingen mag – Beispiele für gescheiterte Infrastrukturprojekte gibt es in der Entwicklungspolitik schließlich zur Genüge – geht zurück auf eine Jahrhunderte alte Idee. Angeblich weckte Nicaraguas Lage zwischen den zwei Weltmeeren schon zu spanischen Kolonialzeiten Begehrlichkeiten. Die zentralamerikanischen Staaten selbst beschlossen schon im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, noch bevor Nicaragua unabhängig wurde, den Kanalbau voranzutreiben. Später suchte Nicaragua vergeblich Verbündete dafür in Holland und Frankreich, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts auch in Japan und Deutschland. 

Doch die USA bevorzugten einen Kanal durch Panama. Sie taten alles, damit dessen Nachbarland ihnen nicht in die Quere kam.

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Kolonialismus

Schon mal von einer Gegend namens Tibet gehört?

Nun ist es zwar richtig, dass im China der Vergangenheit das Massakrieren unwilliger Teile der eigenen Bevölkerung mit wesentlich grösserem Engagement betrieben wurde, als das überseeischer Völkerschaften, nun gibt es aber zu dem Thema in Vietnam und der Mongolei auch andere Ansichten, die die vermeintliche Friedfertigkeit Chinas durchaus relativieren. Dass die glorreiche europäische Zivilisation es sich mit Recht verdient hat, ihre alles andere als glorreiche koloniale Vergangenheit um die Ohren gehauen zu bekommen, hat damit nichts zu tun. Man sollte nicht den Fehler begehen, eine Spezies selbstgerechter Ausbeuter blinden Glaubens durch eine andere zu ersetzen.

Ohnehin dürfte es schwierig sein, irgend eine fortgeschrittene Zivilisation auf diesem Planeten zu finden, die nicht auf den Leichenhaufen derer die zu schwach waren erfolgreich Widerstand zu leisten gegründet ist.

Dass der chinesische Kolonialismus in Mittelamerika jetzt zu ähnlichen Bedingungen dort aktiv wird, wie sie Anfangs des 20 Jhdts. den amerikanischen auszeichneten (der ohne Kolonien aber mit wirtschaftlicher Dominanz arbeitete), dürfte wohl nur den eingefleischtesten Fans des Regimes in Beijing nicht zu denken geben.

[...]
Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Umgangston. Danke, die Redaktion/jk

Armutsbekämpfung

Ich fragte nach dem Erfolg bestimmter Konzepte der Armmutsbekämpfung.
Offenbar läßt da der (von mir zugegebenermaßen in polemischer Absicht) zitierte Ansatz zu wünschen übrig, ist doch im Artikel von einer negativen Ausgangslage die Rede, insbesondere war die "Landbevölkerung" genannt.
Da können doch die bis bisherigen Konzepte nicht allzuviel gebracht haben, zumindest was die Breitenwirkung anbelangt.

Die Regierenden probieren es nun, indem sie eine neue Ressource in den Ring werfen.

Traum von einer besseren Zukunft

An dem Großen Kanal in Nicaragua scheint bis jetzt so ziemlich alles unklar. Man weiss nicht, wo er verlaufen soll, man weiss nicht, ob er überhaupt "machbar" ist und zu welchen Kosten, man weiss nicht, ob sich das ganze Projekt rechnet und wer es finanzieren soll. Was existiert ist ein vager Plan, den man getrost auch als Vision, wenn nicht als Traum bewerten kann. Vielleicht ist das auch der Schlüssel für den Beschluss: Nicaragua träumt von einer besseren Zukunft, Arbeitsplätzen, Infrastruktur und gesicherten hohen Einnahmen. Manchmal sind solche Träume der Beginn einer besseren Zukunft, manchmal zerplatzen sie aber auch wie Seifenblasen. Viele Träume haben auch den Nachteil, dass sie den Träumenden hindern, andere realistische Projekte in Angriff zu nehmen. Zu welcher Kategorie das Projekt später zählen wird, kann heute noch keiner sagen.