Browsergames : Diamanten gegen Daten

Browsergames wie "Big Farm" oder "Forge of Empires" haben den Computerspielemarkt revolutioniert. Doch die Anbieter schlampen beim Jugend- und Datenschutz.
Screenshot aus dem Browserspiel "Big Farm" © Goodgamestudios

Ragu Silvertongue ist ein freundlicher älterer Mann mit grauem Haar und Vollbart. Er hat sich einen groben Umhang mit Pelzbesatz umgeworfen, um seinen Hals baumeln zwei Lederbändchen. Wie aus Horn oder Knochen sehen die Anhänger daran aus. Ragu Silvertongue ist mein Berater. Er sagt mir, dass ich ein Haus bauen soll, um meine eigene Stadt zu gründen. Wird gemacht, Ragu.

Meine Stadt steht im Internet, bei Forge of Empires, einem sogenannten Free-to-play-Spiel des Hamburger Anbieters Innogames. Forge of Empires ist ein Aufbauspiel, bei dem die digitalen Stadtgründer ihre Siedlung von der Steinzeit an durch die Epochen führen, Jagdhütten und Bauernhöfe errichten und Rohstoffe sammeln. Dass der Name des Spiels an den PC-Spieleklassiker Age of Empires von Microsoft erinnert, ist kein Zufall.

Forge of Empires läuft ohne Installation im Browserfenster. Außerdem kann man es kostenlos spielen, wie alle Free-To-Play-Spiele, zu denen auch das vergleichbare Goodgame Empire von Goodgamestudios oder My Free Zoo des Bamberger Anbieters Upjers gehören. Eine Registrierung mit Mailadresse, Passwort und einem Spitznamen reicht völlig aus.

Reales Geld ausgeben können die Spieler aber dennoch: Ragu, mein Berater, empfiehlt mir, meine Stadt zu verschönern, damit meine Untergebenen sich wohlfühlen. Ich wähle eine schmucke Säule und will sie per Klick in der Landschaft platzieren – geht nicht. 60 Spiel-Diamanten müsste ich dafür zahlen, die habe ich aber nicht. Kostenlos kann ich einen Blumengarten anlegen, einen Obelisken oder ein Denkmal errichten oder einen Baum pflanzen, doch das ist mir zu öde. Also bleiben zwei Möglichkeiten: Murrend die Diamanten erspielen. Oder kurz die Kreditkarte zücken und per Überweisung von realem Geld die virtuellen Edelsteine erkaufen.

Hunderte Millionen registrierte Nutzer

Innogames erwirtschaftet so gut wie seinen kompletten Umsatz über die letztere Methode. Im Geschäftsjahr 2012 waren das 50 Millionen Euro, für 2013 strebt Finanzvorstand Armin Busen ein Wachstum von 50 Prozent an. In der Branche ist das üblich. Der Markt für Computerspiele wächst rasant.

Browsergames sind auf dem Markt längst etabliert. Mit Versionen von erfolgreichen konventionellen Spielserien wie Anno oder Command & Conquer sind Gamesgrößen wie Ubisoft und Electronic Arts auf den Zug aufgesprungen. Innogames zählt weltweit rund 100 Millionen registrierte Nutzer, Goodgamestudios 140 Millionen, Upjers 55 Millionen, Branchenveteran Gameforge sogar über 400 Millionen. Aktiv sind davon meist nur fünf bis zehn Prozent, sagen die Anbieter.

Die wenigsten der Spieler zahlen allerdings für Spielwährung und Premiuminhalte mit realem Geld. Etwa 95 Prozent spielten kostenlos, sagt Andreas Haase, Sprecher von Goodgamestudios. Der Umsatz der Unternehmen kommt vor allem von den Spielern mit viel Geld und wenig Zeit, die schnell den Aufstieg zum virtuellen Herrscher oder Großgrundbesitzer schaffen wollen. "Ein Teil der Premiumnutzer zahlt bei uns über die Spieldauer hinweg mehr, als er für ein Retailprodukt im stationären Einzelhandel ausgeben würde", sagt Busen. Das können in Extremfällen dreistellige Summen sein.

Daten- und Verbraucherschützer aber haben ein Problem mit den Browsergames: Sie könnten Jugendliche leicht zum Geldausgeben verführen, sagen sie. Und sie eröffnen dem Nutzer viele Möglichkeiten, die Kontrolle über seine persönlichen Daten zu verlieren.    

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Der Großteil der Ausgaben von Kindern in solchen Spielen

dürfte gut vom Taschengeldparagraphen gedeckt sein und ehrlich, dem der sich vom eigenen Kind die Kreditkarte stibitzen (vulgo: Klauen) lässt, dem ist doch mit Jugendschutz nicht zu helfen.
@ 3 Klar kann man stand alone spielen, kostet schnell 50 Euro, ist auch nicht unbedingt immer sonderlich komplex, also auch schon mal nach einem Monat ausgespielt und Interaktion mit anderen ist oft auch nur nicht möglich.
Ist halt Geschmacksache, aber kein Grund das Eine zu preisen und das Andere runterzumachen.
Übrigens sind auch "Vollpreisspiele" nicht wegen der Spielfreude am Markt, dazu ging es vielen guten Spielen zu schlecht und die neuen browser oder online-games hängen natürlich auch am smartphone und tablet boom.

Legales Raubrittertum 2.0

Dank solcher 0nlinespiele hat vor einigen Monaten mein minderjähriger Sohn mich ohne mein Wissen um einige hundert Euro ärmer gemacht. Da ich mir sicher war, dass er nur kostenlose Spiele spielen bzw. herunterladen konnte und ich auch nirgends Bank- oder Kreditkarteninformationen hinterlassen hatte wiegte ich mich in der trügerischen Sicherheit, dass mit seinen Onlinespielereien schon nichts passieren könne. Dass er während des spielens durch solche Upgrades die Telefonrechnung belasten könnte lag jenseits meiner Vorstellungskraft. Da der Telefonanbieter O2 / Alice seinen Kunden keine Abrechnungen zumailt habe ich das erst gemerkt, als die Widerrufsfrist schon verstrichen war. Da ein Nachweis, dass der jeweilige Spieler minderjährig ist schwierig ist, konnte mir selbst die Verbraucherzentrale, wo das Problem längst bekannt ist, nicht weiterhelfen.
Und eine komplette Sperrung solcher Download-Fallen führt die Telefongesellschaft nur durch wenn man die Hotline ausdrücklich danach fragt.

Das sollten Sie aber nun nicht nur

auf eine Seite schauen, sondern vielleicht auch mal mit Ihrem Sohn klären, was geht oder was nicht.
Dazu gehört m.E. "Du gibst nur Dein eigenes Geld aus".
Wenn man das nicht tut, muss man sich nicht wundern, dass die Menschen nicht klüger werden und alle naslang auf neue Möglichkeiten einsteigen impulsiv Geld zu verzocken. Die Vorgänger der heutigen Browser-Game-Kids waren die Klingelton-Kids, aber irgendwann sollte, zumindest bei den Eltern, auch mal ein Lerneffekt einsetzen.

Den Kindern ist oft gar nicht bewusst, dass sie etwas kaufen

weil in den Spielen Punkte bzw. Spielgeld sammeln und ausgeben ganz geschickt mit echtem Geld vermischt ist, so dass die Kleinen das oft gar nicht bemerken. Inzwischen wurden Google & Co. immerhin dazu verdonnert, dass auf den attraktiven Buttons wenigstens "kaufen" steht - zuvor stand da bloß etwas wie "Klick hier!". Da hilft es dann nicht viel, dem Kind zu sagen, dass er nichts kaufen soll (was ich natürlich auch gemacht habe) wenn das ganz unbewusst beim fröhlichen rumklicken passiert.