FührungswechselJoe Kaeser muss Siemens neu erfinden

Der bisherige Finanzvorstand Joe Kaeser löst Peter Löscher als Siemens-Chef ab. Er gilt als bodenständiger Manager. Aber ist er der Richtige für den Job? von Patrick Guyton

Der designierte Siemens-Chef Joe Kaeser (Archivaufnahme aus dem Jahr 2011)

Der designierte Siemens-Chef Joe Kaeser (Archivaufnahme aus dem Jahr 2011)  |  © Guenter Schiffmann/Bloomberg/Getty Images

Der Machtkampf scheint vorerst durchgefochten: Der bisherige Finanzvorstand Joe Kaeser soll Siemens künftig führen. Der 56-Jährige, der eigentlich Josef Käser heißt, ist seit 33 Jahren bei dem Konzern. Gleich nach seinem Studium an der Fachhochschule Regensburg begann der gebürtige Bayer seine Laufbahn bei Siemens. Er hat die Korruptionsaffäre überlebt, er hat unter Peter Löscher alle Entscheidungen mitgetragen und gilt nun als beste Alternative für den Führungsjob. Über Kaeser heißt es, kein anderer kenne Siemens mit seinen unzähligen Verästelungen so gut wie er.

Löschers Vertrag wäre noch bis 2017 gelaufen. Der gebürtige Österreicher hatte im Jahr 2007 verheißungsvoll angefangen als Aufräumer im Siemens-Korruptionsskandal, der mit einem Gesamtschaden von drei Milliarden Euro der größte in der deutschen Nachkriegsgeschichte war. Doch dann lief scheinbar zu vieles schief: In jüngster Zeit häuften sich die Probleme bei dem Konzern mit seinen weltweit 370.000 Mitarbeitern. Den Ausschlag für die Absetzung von Löscher dürfte die Gewinnwarnung in der vergangenen Woche gegeben haben: Die angestrebten zwölf Prozent Rendite bis 2014 werden voraussichtlich nicht zu schaffen sein.

Anzeige

Während sich Siemens gerade in der Münchner Innenstadt am Wittelsbacher Platz eine neue Konzernzentrale errichtet, laufen die Geschäfte eher schlecht. In der Windkraft-Sparte ist es zu millionenschweren Pannen gekommen. Auch die Herstellung von 16 neuen ICE-Zügen wurde zum Desaster. Schon 2011 sollten die Züge für 3,7 Milliarden Euro fertig sein, doch die Elektronik funktioniert nicht. Nun wird damit gerechnet, dass frühestens 2014 geliefert werden kann.

Löscher versprach allen alles

Viel Geld verspielte Löscher mit dem An- und Verkauf von Firmenteilen, die sich als unrentable Fehlinvestitionen erwiesen – etwa beim Solargeschäft oder dem Einsatz für das gescheiterte Wüsten-Stromprojekt Desertec. Auch die Investments in der Medizintechnologie blieben erfolglos. Viele Krankenhäuser haben als Auftraggeber kein Geld. Zudem darbt die neue Siemens-Sparte Infrastruktur und Städte, die sich weltweit an wachsende Metropolen insbesondere in Schwellenländern richtet. Diese sollen mithilfe von Siemens ihre Infrastruktur, den Verkehr oder die Energienetze zukunftsträchtig machen. Die neue Sparte wurde erst 2011 mit einer großen Werbeaktion vorgestellt und sollte die bisherigen Sektoren Industrie, Energie und Medizintechnik ergänzen. Nur geht die Rechnung nicht auf: Den Städten und Ländern fehlt im Zuge der Finanzkrise das Geld. 

Löscher machte unbeirrt weiter. Er verkündete immer wieder neue Visionen für die Zukunft des Technologiekonzerns und versprach, so schien es, irgendwie allen alles. Der Jahresumsatz sollte von 78,5 auf mittlerweile utopisch erscheinende 100 Milliarden Euro steigen, zugleich sollte auch der Gewinn in die Höhe schnellen. Dann verkündete er ein drastisches Sparprogramm über sechs Milliarden Euro in zwei Jahren. Es wurde umstrukturiert, neu organisiert, aufgekauft und abgestoßen, sodass auch Kennern der Überblick verloren zu gehen drohte. Siemens mutierte zu einer Baustelle. Vergangene Woche schon verdichteten sich die Gerüchte über Löschers Absetzung. Der Börsenkurs stieg daraufhin – die Aktionäre werteten dies als ein Zeichen der Hoffnung.   

Kaeser ist durch und durch "Siemensianer"

Es heißt, Löscher musste auch gehen, weil er – der als bisher einziger Vorstandsvorsitzender nicht aus dem Konzern stammte – nie einen wirklichen Draht zu Siemens und zur Belegschaft finden konnte. 

Das ist bei seinem Nachfolger Joe Kaeser ganz anders. Aber ist er wirklich der richtige Mann? Auf jeden Fall braucht Siemens, so sagen es Beobachter, weniger Visionen, um die sich dann keiner kümmert, und wieder mehr Bodenhaftung. Dafür dürfte Kaeser stehen. Er gilt als ein Manager, der für Nachhaltigkeit und Langfristigkeit steht. Er soll auch durchsetzungsstark sein. Einer, der sagt, was er denkt. So kritisierte Kaeser in der Vergangenheit häufig den Kurs von seinem Vorgänger Löscher. Unklar ist noch, wohin sein eigener führt. Der Konzern verdient sein Geld in Märkten, die kaum Wachstum versprechen. Nun muss Kaeser Siemens entweder neu erfinden oder zeigen, dass er solide wirtschaften kann.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Kaeser ist der falsche, weil nicht Dipl.-Ing.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG2.0
    • 28. Juli 2013 14:40 Uhr

    .....denn auch darin hat sich Siemens nicht in letzter Zeit bewährt. Das Hauptproblem ist jedoch nicht nur in der Technologie zu sehen, obwohl ein Superprodukt à la i-Phone, Google oder FaceBook helfen würde.

    Das Problem ist das gleiche wie bei der Bundeswehr, der Post oder der Bahn. Es sind Kampfmaschinen der alten Deutschland AG. Sie wurden für ein Schlachtfeld optimiert, die nicht mehr existiert. Und obwohl es Dinos gibt, die bis heute in entfernten Nischen überlebten, müssen die meisten Platz machen für wendigere Spezien. Nur ein hervorragendes Management Team hat da eine gewisse Chance.

    • msknow
    • 28. Juli 2013 15:21 Uhr

    Was passiert mit Wirtschaft, wenn Unternehmer von Spekulanten dirrigiert werden? Und was musste geschehen, dass Unternehmer glauben, die Spekulation sei das eigentlichen Unternehmen?

  2. In der Vergangenheit ist Siemens vor allem dadurch aufgefallen, dass irgendwelche Konzernsparten verkauft wurden. Man fragte sich da immer, welche Strategie dahinter steckt. Osram z.B. ist eine Gewinn erwirtschaftende, innovative Firma. Es gab überhaupt keinen Grund, diese abzustoßen.

    Viele Felder hat Siemens auch fahrlässigerweise aufgegeben. Warum werden von Siemens keine Computer mehr hergestellt? Es gab mal eine Handy-Sparte, welche verkauft wurde. Warum hat man diese nicht zu einer Smartphone-Sparte weiterentwickelt? Die Finnen schaffen das auch. Überhaupt wird der gesamte Bereich der Informationstechnologie von deutschen Firmen sträflich vernachlässigt.

    @1
    Das ist ein bisschen platt, was Sie da sagen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Weil die S4004 schon überhaupt keine Chance mehr hatte gegen die IBM360er Serie. Und das ist schon über 40 Jahre her.

    ... und ich bin schon ein bisschen zerknirscht. Aber schauen Sie sich den #3 mal an, das ist die Vorstufe.

    • RGFG
    • 28. Juli 2013 13:29 Uhr

    die von deutschen Firmen stammten und dann bei den Japanern oder Amis zum Erfolg wurden - vom Fax angefangen über das Mobiltelefon usf. - ob das damals schon die BWLer waren, die es verbockt haben oder ob da nicht auch die viel gepriesenen Ingenieure ihre Finger im Spiel hatten...

    Dem kann ich nur zustimmen. ICN war auch zukunftsfähig mit den richtigen Weichen.

  3. ... dann wäre Kaeser der richtige!
    .
    Siemens ist zwar "Eine Bank mit angeschloßener Elektroabteilung" (alter Haussprech) aber Finanzexpertise kann man zukaufen, hat dienende Funktion.
    .
    Neue Geschäftfelder und Ideen hat die Abt. "Erbsenzähler" in den letzen 100 Jahren in keinem Industrieunternehmen gebracht.
    .
    Außer "verkauft diese Sparte" und "werft Leute raus!"
    .
    Wenn Siemnes wüste, was es wüste und die die wissen das auch einbringen dürften, wäre der Laden gut.
    .
    Meint
    Sikasuu

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Unrichtiges auch Jahre später zu wiederholen, macht es nicht glaubwürdiger. Zu den Themen habe ich 1999 vom damaligen Finanzchef Hrn.Jochen Neubürger eine offene Antwort bekommen. Siemens hat zwar seit Jahren einen größeren Finanzbereich, aber es macht damit keine Bankfunktionen.

  4. Weil die S4004 schon überhaupt keine Chance mehr hatte gegen die IBM360er Serie. Und das ist schon über 40 Jahre her.

    Antwort auf "Viele Fehler "
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    TA hatte eine gute und erfolgreiche Großrechnerserie. Kaum von Siemens übernommen, wurde, unterstützt durch enorme öffentliche Fördersummen, alles durch billigere IBM-Klone ersetzt und bald war alles am Ende. Dann gab es da noch eine Firma die vor / zeitgleich mit Sun Unix-Workstations herstellte, von Siemens übernommen ... und so weiter und so weiter.

  5. ... und ich bin schon ein bisschen zerknirscht. Aber schauen Sie sich den #3 mal an, das ist die Vorstufe.

    Antwort auf "Viele Fehler "
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Finanzleute leiten Banken und kaufen sich technische Expertise zu.
    Techniker leiten Technikfirmen und kaufen sich Finzanzexpertise zu.
    .
    Merke: Man sollte wenigstens die Grundlagen seines Geschäftsfeldes beherschen, damit man die Tragweite von Entscheidungen im Markt übersehen kann.
    .
    BWL&Jur. sind zwar hübsche Berufsfelder, die aber vergessen, das sie "dienende" Funktionenen haben.
    .
    Beide können keinen Euro Mehrwert schaffen..... aber der Ansatz, das die Leute am "Schraubstock" das Geld reinbringen, das der Finanzchef verspielt, ist ja in einer Zeit, in der eine Bank Gewinnen aus dem NICHTS generieren kann, genau so veraltet wie ein Wählscheibentelefon :-)
    .
    Gruß an die Arche II und ihre Passagiere(1)
    .
    von
    Sikasuu
    .
    (1) Verweis auf "Anhalter durch die Galaxie", D.Adams

    • RGFG
    • 28. Juli 2013 13:29 Uhr

    die von deutschen Firmen stammten und dann bei den Japanern oder Amis zum Erfolg wurden - vom Fax angefangen über das Mobiltelefon usf. - ob das damals schon die BWLer waren, die es verbockt haben oder ob da nicht auch die viel gepriesenen Ingenieure ihre Finger im Spiel hatten...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Viele Fehler "
  6. Siemens will also Löscher feuern, um das Feuer zu löschen.

    Nun aber Spaß beiseite: Dieser Vortandswechsel wird nicht viel bringen in einem Unternehmen, in dem die Abteilungen traditionell gegeneinander arbeiten. Man muss bei Siemens schon massiver aufräumen, wenn man noch etwas positives bewirken will.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG2.0
    • 28. Juli 2013 14:46 Uhr

    ....Sie irren. Wenn das das Problem wäre, hätte Löscher es in den Griff bekommen. Was wir bei Siemens sehen, ist eine Institution, deren Ethik, Führungsstrukturen, Belohnungssysteme, Aquisesysteme uswuswusw alle für die Rahmenbedingungen der Vergangenheit ausgetüftelt wurden. Es ist, als wolle der Pate seine Unternehmungen legalisieren. Das ist eine Lebensaufgabe und oft wird man scheitern. Es war einfacher einen Tiger zu erfinden als den Tyrannosaurus umzubauen.

    • chrs0r
    • 28. Juli 2013 13:41 Uhr

    der im Studium erworbene Titel nach 30 Jahren Managementtätigkeit noch irgendwas über die Qualität des Führungsstils aussagen. Wer sowas behauptet hat schlicht keinen blassen Schimmer.

    via ZEIT ONLINE plus App

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Gerhard Cromme | Peter Löscher | Unternehmen | Siemens AG | Siemens AG
Service