Der Machtkampf scheint vorerst durchgefochten: Der bisherige Finanzvorstand Joe Kaeser soll Siemens künftig führen. Der 56-Jährige, der eigentlich Josef Käser heißt, ist seit 33 Jahren bei dem Konzern. Gleich nach seinem Studium an der Fachhochschule Regensburg begann der gebürtige Bayer seine Laufbahn bei Siemens. Er hat die Korruptionsaffäre überlebt, er hat unter Peter Löscher alle Entscheidungen mitgetragen und gilt nun als beste Alternative für den Führungsjob. Über Kaeser heißt es, kein anderer kenne Siemens mit seinen unzähligen Verästelungen so gut wie er.

Löschers Vertrag wäre noch bis 2017 gelaufen. Der gebürtige Österreicher hatte im Jahr 2007 verheißungsvoll angefangen als Aufräumer im Siemens-Korruptionsskandal, der mit einem Gesamtschaden von drei Milliarden Euro der größte in der deutschen Nachkriegsgeschichte war. Doch dann lief scheinbar zu vieles schief: In jüngster Zeit häuften sich die Probleme bei dem Konzern mit seinen weltweit 370.000 Mitarbeitern. Den Ausschlag für die Absetzung von Löscher dürfte die Gewinnwarnung in der vergangenen Woche gegeben haben: Die angestrebten zwölf Prozent Rendite bis 2014 werden voraussichtlich nicht zu schaffen sein.

Während sich Siemens gerade in der Münchner Innenstadt am Wittelsbacher Platz eine neue Konzernzentrale errichtet, laufen die Geschäfte eher schlecht. In der Windkraft-Sparte ist es zu millionenschweren Pannen gekommen. Auch die Herstellung von 16 neuen ICE-Zügen wurde zum Desaster. Schon 2011 sollten die Züge für 3,7 Milliarden Euro fertig sein, doch die Elektronik funktioniert nicht. Nun wird damit gerechnet, dass frühestens 2014 geliefert werden kann.

Löscher versprach allen alles

Viel Geld verspielte Löscher mit dem An- und Verkauf von Firmenteilen, die sich als unrentable Fehlinvestitionen erwiesen – etwa beim Solargeschäft oder dem Einsatz für das gescheiterte Wüsten-Stromprojekt Desertec. Auch die Investments in der Medizintechnologie blieben erfolglos. Viele Krankenhäuser haben als Auftraggeber kein Geld. Zudem darbt die neue Siemens-Sparte Infrastruktur und Städte, die sich weltweit an wachsende Metropolen insbesondere in Schwellenländern richtet. Diese sollen mithilfe von Siemens ihre Infrastruktur, den Verkehr oder die Energienetze zukunftsträchtig machen. Die neue Sparte wurde erst 2011 mit einer großen Werbeaktion vorgestellt und sollte die bisherigen Sektoren Industrie, Energie und Medizintechnik ergänzen. Nur geht die Rechnung nicht auf: Den Städten und Ländern fehlt im Zuge der Finanzkrise das Geld. 

Löscher machte unbeirrt weiter. Er verkündete immer wieder neue Visionen für die Zukunft des Technologiekonzerns und versprach, so schien es, irgendwie allen alles. Der Jahresumsatz sollte von 78,5 auf mittlerweile utopisch erscheinende 100 Milliarden Euro steigen, zugleich sollte auch der Gewinn in die Höhe schnellen. Dann verkündete er ein drastisches Sparprogramm über sechs Milliarden Euro in zwei Jahren. Es wurde umstrukturiert, neu organisiert, aufgekauft und abgestoßen, sodass auch Kennern der Überblick verloren zu gehen drohte. Siemens mutierte zu einer Baustelle. Vergangene Woche schon verdichteten sich die Gerüchte über Löschers Absetzung. Der Börsenkurs stieg daraufhin – die Aktionäre werteten dies als ein Zeichen der Hoffnung.   

Kaeser ist durch und durch "Siemensianer"

Es heißt, Löscher musste auch gehen, weil er – der als bisher einziger Vorstandsvorsitzender nicht aus dem Konzern stammte – nie einen wirklichen Draht zu Siemens und zur Belegschaft finden konnte. 

Das ist bei seinem Nachfolger Joe Kaeser ganz anders. Aber ist er wirklich der richtige Mann? Auf jeden Fall braucht Siemens, so sagen es Beobachter, weniger Visionen, um die sich dann keiner kümmert, und wieder mehr Bodenhaftung. Dafür dürfte Kaeser stehen. Er gilt als ein Manager, der für Nachhaltigkeit und Langfristigkeit steht. Er soll auch durchsetzungsstark sein. Einer, der sagt, was er denkt. So kritisierte Kaeser in der Vergangenheit häufig den Kurs von seinem Vorgänger Löscher. Unklar ist noch, wohin sein eigener führt. Der Konzern verdient sein Geld in Märkten, die kaum Wachstum versprechen. Nun muss Kaeser Siemens entweder neu erfinden oder zeigen, dass er solide wirtschaften kann.