Der Schattenkönig, so haben sie ihn oft genannt. Jahrelang war Joe Kaeser nur der zweite Mann im Konzern. Er war derjenige, der Konferenzsäle und Hauptversammlungen erst nach dem Siemens-Vorstandsvorsitzenden betrat. Oben auf dem Podium war er bloß der etwas kleinere und etwas unbekanntere Mann an Peter Löschers Seite. Doch wenn Joe Kaeser sein breites Lächeln aufsetzte und ebenso präzise wie gewitzt Frage um Frage beantwortete, stahl er dem echten König oft die Show. Dann überstrahlte er den hölzern wirkenden Löscher. Kaeser liebte dieses Spiel, ja, er kokettierte geradezu damit: "Zwischen uns passt kein Stück Papier", sagte Löscher auf einer der letzten Aktionärsversammlungen. "Wir ergänzen uns wie Licht und Schatten", konterte Kaeser.

Jetzt steht Kaeser selbst im Rampenlicht. Der langjährige Finanzvorstand hat bei Siemens den Vorstandsvorsitz erklommen. Die bange Frage der Belegschaft lautet nun: Ist der Schattenkönig wirklich der Richtige, um die großen Probleme des Unternehmens zu lösen?

Eines zumindest kann man Kaeser nicht nachsagen: dass er nicht gerne an der Macht wäre. Er hat sich 33 Jahre lang bei Siemens durch viele Divisionen geackert. Hat sich vom einfachen Betriebswirt zum kaufmännischen Leiter diverser Abteilungen hochgedient, war Bereichsvorstand für Information und Communication Mobile und fand sich schließlich im Vorstand wieder, weil ihn Löschers Vorgänger Klaus Kleinfeld an seine Seite holte. Er ist ein echter Siemensianer, so wie es die Regenten des Konzerns seit 165 Jahren waren. Einzig Löscher bildete da eine Ausnahme.

Geht der Stellenabbau weiter?

Seit 2006 wacht Kaeser mit Argusaugen über die Finanzen des Konzerns, hat in Konferenzen auf jede Spezialfrage mehr als eine erklärende Zahl parat und hat Siemens zu dem gemacht, was Spötter "die Bank mit angeschlossenem Elektrokonzern" nennen. Er besorgte dem Konzern mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise tatsächlich eine Banklizenz, um sich notfalls Geld bei der Zentralbank zu leihen. Die Analysten und der Kapitalmarkt lieben ihn dafür, denn bei den Zahlen macht Kaeser so schnell keiner etwas vor.

Es gibt aber auch Siemensianer, denen genau das Sorgen bereitet: "Ich höre immer wieder, dass er die abstrusesten Zahlen von den absurdesten Projekten fordert", sagt ein Bereichsleiter, der nicht namentlich genannt werden möchte. Kaesers Job war es bisher, die Gewinne großzurechnen und die Kosten kleinzusparen. Nicht nur unter Löscher, auch unter seiner Ägide ist die Zahl der Mitarbeiter bei Deutschlands zweitgrößtem Arbeitgeber von 470.000 auf 370.000 Mitarbeiter gesunken.

"Das Geschäftsführungskonzept Marge vor Mensch der vergangenen Monate hat mehr zerstört, als die Marge retten konnte", sagt Wolfgang Niclas von der IG Metall Erlangen. Das jüngste Sparprogramm sieht einen weiteren Abbau von 10.000 Stellen vor, was viele Siemensianer verunsichert. Nun fragen sich Angestellte gerade an entlegenen Standorten: Gilt diese Vorgabe noch?