Deutsche BahnDer Mangelbetrieb

Die Bahn hat nur eine Chance, sich aus dem Chaos zu manövrieren: Sie muss Hunderte neue Stellwerksarbeiter einstellen. Doch wo sollen die herkommen? von 

So viele rote Ampeln zu übersehen, das muss man als Bahnchef erst einmal schaffen. Nicht nur in den Stellwerken hat der Konzern ein riesiges Problem, das zeigt der Personalnotstand in Mainz, der seit Tagen den Zugverkehr im Rhein-Main-Gebiet über weite Strecken stilllegt. Auch bei Schlossern, Servicetechnikern, Wagenmeistern und Lokrangierführern stehen die Ampeln längst auf Rot. Es gibt interne Präsentationen des Konzerns, in denen Personalexperten seit geraumer Zeit davor warnen, dass viele Bereiche der Belegschaft überaltern. Weil es dort zu viele ältere Arbeitnehmer gibt, viele Überstunden und viele Ausfälle durch Krankheit – aber zu wenig Nachwuchs. Mit roten Demografie-Ampeln haben die Warnenden das bebildert. Der Konzernvorstand hat dies bislang weitgehend ignoriert.

Am heutigen Mittwoch treffen sich nun der Vorstand, Betriebsräte und Gewerkschaften in Frankfurt, um das dringendste Personalproblem der Bahn zu klären. Selbst Bahnchef Grube ist dafür extra aus dem Urlaub angereist.

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Der Betriebsrat schlägt schon seit Jahren Alarm: Normalerweise sollten im Stellwerk Mainz drei Fahrdienstleiter gleichzeitig Dienst schieben, doch dort sitzen pro Schicht nur zwei Aufpasser, obwohl die Züge, die sie koordinieren müssen, natürlich nicht weniger werden. Ähnlich läuft es in Dortmund, wo 2012 wegen Krankheit oder abgefeierten Überstunden rund 1.400 Dienstschichten ausfielen. Oder in Hagen. Oder in Süddeutschland und in vielen kleinen Stellwerken auf dem Land sowieso, wo oft nur noch ein Mitarbeiter seinen Dienst tut. Bundesweit sind die Stellwerke der Bahn unterbesetzt. "Es fehlen derzeit 1.000 Fahrdienstleiter", sagt Uwe Reitz von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG, und warnt deshalb: "Mainz ist überall."

Quereinsteiger gesucht

Vielleicht legt eine Urlaubs- und Krankenwelle ja demnächst auch die Züge in Ulm, Stuttgart und Freiburg still, das sind jedenfalls diejenigen Standorte, für die der Konzern seit ein paar Tagen gleich mehrere Stellwerksmitarbeiter sucht. Derzeit hat die Bahn 26 Stellen für Fahrdienstleiter auf ihrem Karriereportal ausgeschrieben, insgesamt könnte der Konzern knapp 1.800 zusätzliche Mitarbeiter hierzulande gebrauchen, sagt die Stellensuchmaschine.

Händeringend ruft die Bahn nun auch Quereinsteiger auf, sich auf die vielen Stellen zu bewerben. Mit 600 zusätzlichen Stellwerkern, die noch 2013 eingestellt werden sollen, wolle sich die Netz-AG schnellstmöglich aus dem Personalengpass herausmanövrieren, kündigte deren Vorstandsvorsitzender Frank Sennhenn diese Woche an. Die Frage ist nur: Wo sollen die alle herkommen? Und will der Konzern nach jahrelangem Sparkurs wirklich zusätzliche Stellen schaffen?

Er muss es wohl oder übel, sagt Christian Böttger, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Er ist ausgewiesener Eisenbahnexperte, hat Gutachten zum Börsengang der Bahn erstellt und weiß: Mit dem Einsatz von Springern ist es nicht zu schaffen. "Denn das Problem ist: Sie müssen all diese Fahrdienstleiter erst einmal ausbilden, nicht nur an der bestehenden Technik, sondern auch jeweils im entsprechenden Stellwerk. Das dauert je Stellwerk mindestens ein paar Monate." Auch Gewerkschaftsvertreter Reitz winkt beim Stichwort "Personalumverteilung" ab: "Ich sehe überhaupt keine Möglichkeit, Mitarbeiter von anderen Standorten abzuziehen, ohne dort neue Lücken zu reißen. Kurzfristige Lösungen gibt es da nicht."

Leserkommentare
  1. DAS wäre ja nun echt nichts neues, gerade bei der Bahn.

    Im Tagesgeschäft geht man mit Substanzverzehr vor die Hunde und träumt gleichwohl von Megaprojekten, internationalem Logistikkonzern und Börse.
    Man könnte lachen, wenn man nicht immer mal Bahn fahren müsste.

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    Das kommt davon, wenn Betriebswirte die ausschließliche Entscheidungsbefugnis haben - und nicht Ingenieure und andere Praktiker.
    Einzige Aufgabe des BWLlers ist, allein durch kaufmännische Entscheidungen den Börsenwert des Unternehmens zu steigern. Sie haben sich dabei ausschließlich an Ökonomischen Zwängen zu orientieren. Bei den vierteljährlich abzugebenden Quartalsberichten sind Jubelmeldungen gefragt.

    Wenn Fehler im System bestehen, die dringend behoben werden müssen, kann man unter solchen Vorrausetzungen nur eines machen: als erstes Heerscharen von "Kommuniationsexperten" - oft sind das Psychologen - auffahren, die die Fehler klein reden. Kommt es zu schweren Unfällen, sind die unternehmenseigenen Rechtsabteilungen gefragt, das Problem mit juristischen Taschenspielertricks aus der Winkeladvokatur klein zu halten. Hilft das wiederum nichts, lässt man das Unternehmen pleite gehen - und der Staat muss es dann richten. Letzteres ist in Großbritannien mit dem Privaten Streckennetzbetreiber passiert. Die Lehre, die man daraus zog, war, dass man das Netz verstaatlicht hat.

    Verkehrs- und Versorgungsinfrastrukturen gehören nicht in Private Hände! Sie dienen der Daseinsvorsorge und nicht der Generierung des kurzfristigen Profits. Wohin das führt, wenn man ein Infrastrukturunternehmen von Leuten führen lässt, die nur irgendwelche Lehr- und Glaubenssätze aus irgendwelchen Lehrbüchern nachbeten können, zeigt das Beispiel Mainz.

  2. "Die Bahn hat in den vergangenen Jahren auch die Ausbildungskapazität begrenzt." Sie hat nicht nur die Posten in den Stellwerken reduziert, sondern längst sind auch die Schulungskräfte und Simulationsgeräte knapp. "
    „Jahrelang hat der Konzern in Deutschland Stellen abgebaut und sein Mitarbeiterheer seit 1994 von 350.000 auf heute gut 180.000 Mitarbeiter verknappt.“
    Was soll man dazu noch sagen. Die Situation wurde bewusst so herbeigeführt. Wahrscheinlich hat jemand dafür auch noch ordentlich Lorbeeren geerntet. Und jetzt müssen andere das wieder ausbaden. Mit unserer Umwelt funktioniert das ja auch so ähnlich.
    Dass die Bahn als Arbeitgeber bei jungen Leuten nicht sehr beliebt ist, könnte mit ihren eigenen Erfahrungen zusammenhängen. Man erinnere sich beispielsweise an die ausgesetzten Kinder. Von denen will bestimmt keiner mehr Lokführer werden. Da helfen auch keine "auf cool getrimmten" Werbespots.

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    • an-i
    • 14. August 2013 12:07 Uhr

    ein Betrieb wird privatisiert, bzw. "für die Börse fit gemacht", dann geht alles schief und kommt wieder in die Staatshand zurück (was sich vorher nicht gelohnt hat) und wird wieder mit Steuergeldern saniert
    ...immer sind paar "Ratten" zwischengeschaltet die Geld raus ziehen...
    und dann kommt Herr Döring:...alle sollen aus dem Urlaub zurück...so was schwachsinniges kann nur vom einem FDP Generalsekretär kommen...

    • Simon_M
    • 14. August 2013 12:28 Uhr

    1. Der Staat ist selten ein guter Arbeitgeber
    2. Wenn ich mir die Stellenausschreibungen so anschaue (Maschinenbau) steht sehr oft dabei, dass ich a) ausdauernd und b) durchsetzungsstark sein muss. Fachlich ist wohl immer zweitrangig, Hauptsache studiert.

    Wenn alle in diesem Unternehmen "durchsetzungsstark" sind ist das dann eines dieser Ellenbogenunternehmen? Nein Danke, ich suche mir was schöneres.

  3. Man sollte nicht so tun, als wäre das Problem nur bei der Deutschen Bahn zu Hause. Viele Sparkommissare in den Unternehmen vernichten die Substanz, um sich selber eine Krone durch Bonuszahlungen aufzusetzen. Die Zahlen, die dann präsentiert werden, klingen wunderbar - und niemand bemerkt mehr, dass Kundenbeziehungen sowie die Loyalität der Mitarbeitenden auf den Hund kommen, ganz davon zu schweigen, dass die Qualität der Produkte in arge Mitleidenschaft gerät. Was hier bei der Bahn zu besichtigen ist, ist in anderen Unternehmen demnächst auch auf dem Tisch.

    Insofern wird es Zeit mit guten und neuen Innovationen Geschäft zu machen anstatt mit immer neuen "Synergie" - sprich Einsparungsrunden - die eigene Belegschaft vor die Wand zu fahren. Schon mein Opa sagte: Zu viele Häuptlinge, zu wenig Indianer.

    Herr Grube wird das Problem schnell lösen und versprechen, dass in 14 Tagen das Problem behoben sei - dank seiner Vermittlung. Eigentich sind da nur die Ferien zu Ende und es geht weiter wie bisher.

    Tolle Leistung

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  4. Der weg zur Börse war der Weg in Privatisierung. Effizienz und schlanke Strukturen das oberste Gebot. Der Mensch und die steigenden Bedürfnisse nach Mobilität zum überleben sekundär!

    Ausbildung kostet, also Ausbildungsplätze reduzieren. Hohe Personalkosten durch neue Tarife absenken. Überalterung begleitet von Frustration über Arbeitsverdichtung haben hohe Ausfallzeiten zur Folge.
    Das alles ist mir aus dem Gesundheitswesen bekannt. Genau der gleiche Brei mit dem Unterschied dass viele Häuser an große Konzerne verkauft wurden. Ausverkauf mit der Folge des Pflegenotstandes. Fachkräftemangel wird mit Verträgen in den Philippinen entgegengewirkt. Gut und billig! So wie in den 70` gern. Ob jetzt Stellwerksbediener für 7,00 Euro aus Polen kommen um unser Dilemma zu beenden? Das wird sehr interessant! Hauptsache der Wirtschaft im Land geht`s gut. Die Menschen sind da eher nebensächlich.

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    • olegj
    • 14. August 2013 17:54 Uhr

    denn wir leben ja schließlich auch in einer "marktkonformen Demokratie".

    Oder ist es schon einfach nur Markt? Frau Merkle, Sie übernehmen.

  5. ...die Bundesbahn steht doch im Prinzip stellvertretend für so viele auf Kurzzeitwirkung beschränkte Maßnahmen & Projekte der Bundesregierung: Sei es EURO-Politik, Energiepolitik, Rentenreform, Hartz-IV, Lohndumping-Förderpolitik, Vernachlässigung der Autobahnen etc...etc...

    Der Neoliberalismus hinterlässt am Ende eine gewaltige Wüste - es ist i. d. Regel das bevorzugte Wirtschaftssystem der 3. Welt...mit all ihren Begeiterscheinungen.

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  6. Personalkosten von 170.000 Menschen weg und stetig gestiegene Preise bei sinkenden Strecken und kaum Investitionen? Ist das alles für Berlin und Stuttgart verwendet worden?
    Wird Bielefeld eigentlich noch von der Bahn angefahren? Ach nee, gibt`s doch gar nicht!

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    Im Prinzip wurde bei der Bahn gearbeitet, wie auf dem Dampfer mit dem Phileas Fogg dem Buch "In 80 Tagen um die Welt" den Atlantik überquerte und nach England zurückkehrte. Ein Kosten dämpfendes Transportmodell, da Aufwendungen für Kohle eingespart werden konnten. Man verfeuerte die Holzaufbauten. Müßig zu erwähnen, dass die Passage zwar preiswert, das Schiff hinterher aber unbrauchbar war.

  7. Im Prinzip wurde bei der Bahn gearbeitet, wie auf dem Dampfer mit dem Phileas Fogg dem Buch "In 80 Tagen um die Welt" den Atlantik überquerte und nach England zurückkehrte. Ein Kosten dämpfendes Transportmodell, da Aufwendungen für Kohle eingespart werden konnten. Man verfeuerte die Holzaufbauten. Müßig zu erwähnen, dass die Passage zwar preiswert, das Schiff hinterher aber unbrauchbar war.

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  8. Mich würden insbesondere 3 Fragen interessieren.

    ---> Ist es wirklich ein Unterkapazitätsproblem? Ich kenne keine Abteilung die bei einem 50% Krankenstand in der Urlaubszeit noch funktionieren würde. Man kann ja nicht einfach doppelt soviele Leute einstellen, falls mal jemand krank wird.

    ---> Warum sind 50% der Leute krank (Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn noch nie einen Krankenstand von 50% in Abteilungen mit 10 Mitarbeitern erlebt)? Ist das eine Art Streik aus Frustration über die Arbeitsbedingungen oder ist das eine Epidemie, die im Stellwerk ausgebrochen ist?

    ---> Sind die Urlaubsreisenden inzwischen zurückgekehrt? Könnte man Ihnen nicht einen finanziellen Anreiz geben das zu tun?

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    • Mike M.
    • 14. August 2013 13:36 Uhr

    Das ist doch absurd - den Bahnhof einer Großstadt lahmzulegen. Wegen fünf Leuten im Mallorca-Urlaub bzw. mit Halsschmerzen warten täglich tausende von Pendlern.

    Natürlich könnte die Bahn aus anderen Standorten eins, zwei Leute abordnen. Dagegen würde sich wohl auch kein Betriebsrat wehren, der einigermaßen bei Trost ist. Gegen Sonderprämien werden sich im Bundesgebiet wohl auch freiwillig fünf Stellwerker finden, die für zwei Wochen in Mainz ihren Dienst tun. Klappt das nicht, dürfte bei der Bahn ein ziemlich mieses Betriebsklima herrschen.

    M.E. steckt dahinter eine Machtprobe zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerschaft auf Kosten der Fahrgäste, die nun mal auf die Dienstleistungen des Monopolisten "Deutsche Bahn" angewiesen sind.

    Nur waren da noch Eisenbahner Vorgesetzte. Die meisten Bahnhofsvorsteher waren selbst auch Fahrdienstleiter oder Weichenwärter und konnten selbst auch einen Dienst übernehmen. Und Eisenbahner waren multifunktional. Sie konnten mehrere Stellwerke in einer Region bedienen. Heute ist jede Funktion einer eigenen AG nebst eigener Verwaltung zugeordnet.
    Der Zustand ist Ergebnis der Politik. Und Politiker a la Döring, die irgendwie in den Aufsichtsrat gelangt sind wie ehedem Wiesheu, betrachten die Eisenbahn als Spielzeug. Die Manager lachen sich innerlich verrückt.
    Hier fahren Affen Panzer!

    • Charly
    • 14. August 2013 21:59 Uhr

    es ist wohl so, dass man für diesen Job den Bahnhof sehr genau kennen muss (jede einzelne Weiche auswendig). Also kann man nicht einfach jemanden von Wiesbaden abziehen.

    Bei einer vernünftigen Risikoanlayse sollte in einem Großkonzern so etwas auffallen. (deshalb gibt es z. B. in jedem Flugzeug einen Copiloten, )
    Dann könnte man z. B. wirklich in Mainz 50 % mehr Personal vorhalten und diese dann (für die einfacheren) Bahnhöfe in der Umgebung als mobile Reserve schulen.
    Man muss das ja nicht für ALLE Positionen machen, aber für solche neuralgische offensichtlich ja.

    Zum anderen sind ja nur 4 Personen krank, 3 sind im Urlaub.
    Und dass in einem 15- köpfigen Team mal 4 Personen krank sind, ist selten, aber kann schon mal vorkommen. (z. B. einer längerfristig und dann geht noch ein Darmvirus um...)

    Das Team ist offensichtlich völlig unterbesetzt, die Leute schieben Überstunden vor sich her. Manche hatten in dem Jahr noch keine drei Tage Urlaub am Stück. Wenn das Team ausreichend besetzt wäre, wäre vermutlich der Krankenstand niedriger und man könnte solche Probleme leichter ausgleichen.

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  • Schlagworte Bahn | Börsengang | Deutsche Bahn | Berlin | Dortmund | Freiburg
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