Deutsche Bahn2,80 Euro als Dankeschön

Viel zu wenig Personal, Unmengen an Überstunden, nur geringe Wertschätzung der geleisteten Arbeit: Vier Mitarbeiter der Deutschen Bahn berichten aus ihrem Alltag. von  und

Ein Lokführer, 30 Jahre alt: "Ich mag meinen Job"

"Ich arbeite im Güterverkehr der Deutschen Bahn. Ich mag meinen Job und kann mir keine schönere Arbeit vorstellen. Nur: Schon seit Jahren fehlt es an Personal und Material, damit ich meine Arbeit gut machen kann und vor allem: um pünktlich zu sein.

Der Lokbestand wurde von der Bahn immer weiter reduziert. Wenn ich zum Schichtbeginn antrete, ist oft gar keine Lokomotive da, mit der ich den vorgesehenen Güterzug zum geplanten Bahnhof fahren kann. Ich muss dann mehrere Stunden warten, bis ein Zug ankommt, dessen Lok ich dann übernehmen kann. Das verlängert natürlich meine Arbeitszeit.

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Theoretisch muss ich an fünf Tagen pro Woche jeweils 7 Stunden und 48 Minuten arbeiten. In der Realität sind meine Schichten erheblich länger. Ich kenne Kollegen, die regelmäßig bis zu 60 Stunden pro Woche arbeiten und mehr als 1.000 Überstunden angehäuft haben. Die verfallen nicht, sondern werden von Jahr zu Jahr immer mitgeschleppt.

Abfeiern kann man die Überstunden selten, weil es schlicht an Mitarbeitern fehlt. Die Bahn bietet an, die Stunden in ein Langzeitkonto zu übertragen, damit sie zumindest auf dem Papier nicht mehr existieren. Dann sagt man, ich sei "meiner Arbeitszeit voraus". Ich könnte so zum Beispiel 500 Stunden früher in Rente gehen – in 35 Jahren! Das ist doch der blanke Hohn.

Viele Lokführer erreichen oft die maximal erlaubte Lenkzeit. Hat man dann sein Fahrziel nicht erreicht und gibt es keinen Kollegen zur Ablöse, muss der Güterzug bis zum nächsten Tag irgendwo aufs Abstellgleis. Dadurch kommt die Ware häufig mindestens einen Tag zu spät an. Dass die Kunden das hinnehmen, ist bewundernswert. Die DB kann froh sein, dass die Wirtschaft schwächelt. Würde sie jedes Jahr um vier oder fünf Prozent wachsen, wäre das Unternehmen erledigt. Die Mengen könnten wir niemals transportieren. Allein in meiner Dienststelle könnten wir locker zehn Prozent mehr Mitarbeiter gebrauchen.

Das größte Problem ist aber die fehlende Wertschätzung. Für Überstunden und Extraschichten bekommt man nicht mal mehr ein Dankeschön. Es ist selbstverständlich geworden, dass man bis zur Erschöpfung arbeitet. Vor ein paar Jahren erhielten bayernweit alle Lokführer im Güterverkehr ein Dankesschreiben für die geleisteten Überstunden, daran angeheftet war ein Gutschein für die Kantine – im Wert von 2,80 Euro! Eine Frechheit. Der Gutschein hat viele erzürnt, einige haben ihn aus Protest zurückgegeben.

Die Mitarbeiter müssen für alles den Kopf hinhalten: Verspätungen, Klimaanlagen, Preiserhöhungen, Einsparungen. Darum lese ich die Nachrichten zum Chaos in Mainz mit ein wenig Schadenfreude. Ich freue mich – egal wie böse das klingen mag – dass es endlich mal knallt. Darauf habe ich lange gewartet. Hoffentlich ändert sich jetzt was."

Leserkommentare
  1. >>Ein Lokführer, 30 Jahre alt: "Ich mag meinen Job"<<

    Dieser Mensch ist erkennbar stolz auf seine Arbeit und seinen Beruf, OBWOHL er bei der Bahn arbeitet.

    Das gilt leider für immer mehr Berufstätige in D.

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  2. ...beschert mir GoogleAdWords auch direkt unter dem Artikel eine Stellenanzeige der DB als Projektingenieur.

    5 Leserempfehlungen
  3. Nach dem ich das gelesen habe,

    fält mir nur darauf mit Sarkasmus zu sagen, willkommen in Deutschland.
    Wo die Löhne immer weniger werden, wo es immer mehr 450€ Arbeit gibt.
    Wo immer mehr Fachkräfte fehlen weil sie von der Leiharbeit in was auch immer für Positionen geschubst werden. Willkommen in der Deutschen Lohnentwicklung damit man noch staatliche Stütze zum überleben benötigt.

    Es ist traurig und beschämend wenn man sieht wie ein seit über 125 Jahrelanges Unternehmen das durch Deutsche Fachkräfte erst das geworden ist was war. Ich frag mich doch wirklich bei der Bahn bei den Globalen Spielen das sie wohl macht, ob sie eigentlich es verstanden hat das in Deutschland die Wurzel sind und man seine Leute fördert.
    Vielleicht sollten die Kriterien zur einer Einstellung überflogen werden.
    Vielleicht sollte der Aktienhandel an der Börse wieder fallengelassen werden. Vielleicht sollte man sich darauf mal verständigen mehr einzustellen und die Arbeiter auch richtig zahlen. In Übrigen ich hab als Kunde auch kein vertrauen zu der Bahn das liegt an dessen Führung. Vielleicht sollte das Unternehmen Bahn wieder in Staatliche Gewalt was es einst war.
    Wenn nicht freiwillig, muss halt mal jemanden was genommen werden zum wohle aller.

    P.s

    In Übrigen mag ich nicht wie man Menschen bezeichnet oder behandelt, ich mag es auch nicht wenn man Job sagt aber Arbeit damit gemeint ist.

    Ich brauche hier in Deutschland keine Verhältnisse wie in der USA oder Bezeichnungen dazu.

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    • Memnoch
    • 16. August 2013 13:12 Uhr

    Dem ist nichts hinzuzufügen!
    Alles wird bei der Bahn dem Ziel, geopfert, dass eine dicke schwarze Zahl unter der Bilanz steht. Doch wer sagt eigentlich, dass eine Daseinsvorsorgeeinrichtung wie die Bahn ausschließlich gewinnmaximierend arbeiten muss?

    ...wie hat die FDP das so schön in den Armutsbericht hineinformuliert...
    "Sinkende Reallöhne sind ausdruck struktureller Verbesserungen"

    Hier sieht man wie so etwas aussieht.

    Das traurige daran ist, das es wohl in vielen Betrieben in Deutschland ähnlich aus sieht. Genauso wie in meinem. Man hat einen erfahrenen Mitarbeiter Stamm, aber vorschläge von ihnen werden grundsätzlich in den Wind geschlagen.
    Im gegenzug werden dann völlig betriebsfremde Manager eingstellt, die von der Realtiät keine Ahung haben und völlig unrealistische Vorstellungen vom Arbeitsalltag haben.

    Im Idealfall, auch das kenne ich, bekomme sie Bonie ausbezahlt für Leistungen die andere erbracht haben und real für die Produktivität kontraproduktiv sind.

    MfG

    hier die richtige und nötige Mitarbeiterzahl bei angemessenen Gehältern zu erreichen:
    Koppeln sie das Gehalt der Vorstände mit Faktoren/Divisoren an die Anzahl der Mitarbeiter und an das niedrigste Gehalt und erst zweitrangig an das Wirtschaftsergebnis.
    Es werden mit Sicherheit keine Leute mehr entlassen und auch vernünftige Gehälter gezahlt.

    So lautet doch der übliche Tenor.

    Und dann liest man das:

    "Wir arbeiten seit Wochen am Limit; wir sind viel zu wenige in unserer Abteilung. Ständig sind Schichten unbesetzt, häufig muss man den Job eines fehlenden Kollegen mit machen."

    Ich kennen Menschen in anderen Branchen, die das gleiche erzählen. Demnach scheint es ein weit verbreitetes Phänomen zu sein.

    Es fehlt an Arbeitsplätzen, weil die Arbeitgeber ihre Arbeiter bis an den Rand ausbeuten, anstatt diese dankbar zu entlasten und damit mehr Arbeitsplätze zu schaffen.

    Aber Hauptsache am Ende des Jahres stehen 6 bis 7-stellige Zahlen auf dem Gehaltscheck der Manager.

    Schande denen, die das Land und die Menschen an den Abgrund treiben und sich dabei auch noch besonders toll fühlen.

  4. Unsere Überflieger haben das verbockt, die die sich als "Leistungsträger" betrachten, eine Art Übermenschen. Denen wir angeblich den Wohlstand des Landes (des Landes wohlgemerkt, nicht aller Bürger) verdanken. Die denen man aber auch nicht 2% mehr Steuern abverlangen darf, weil sie sonst
    in die Schweiz oder nach Honkong fliehen, oder sich greinend auf den Boden werfen, und keinen tollen Ideen mehr produzieren mögen. Woraufhin angeblich alles den Bach runter geht.
    Das höhere Management, Verwaltungsräte, und ihre Gesinnungsgenossen in der Politik, oft erkennbar an den weißesten Hemden, feinsten Seidenkrawatten, und hoch getragnen Nasen. Sie haben die Lufthoheit in diesem Land, sie privatisieren, strukturieren, feuern, und optimieren die Rendite auf Teufel komm raus. Egal welche Krisen kommen, egal was im Chaos endet, sie sind immer noch obenauf und werden vermutlich nach der nächsten Wahl auch wieder gepampert von unserer Regierung, die ihre Gesinnung teilt, und täglich mit ihnen Smalltalk pflegt.

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    Das was Sie schreiben mag stimmen, aber das liegt nunmal in der Konzeption der DB. Wer einen so bedeutenden Teil des Lebens vieler Menschen privatisiert, der darf sich nicht wundern, dass die Qualität darunter leidet. Die Vorzüge der Marktwirtschaft, welche durch Wettbewerb geschaffen würden, existieren nicht. Die Bahn hat als oberstes Interesse, und das kann Mensch einer AG gar nicht verdenken, den Gewinn. Dabei wird dann so viel gespart und gekürzt wie es eben geht. Der Bahn das vorzuwerfen ist nicht korrekt. Sie unterliegt den Strukturen des kapitalistischen Wirtschaftens und handelt danach. Das kann mensch schlecht finden und verwerflich, aber es systemimmanent. Die vollständige Vergesellschaftung durch den Bund, könnte diese Sachen wieder verändern, aber das kostet nunmal Geld. Deswegen müssen die Bürger_innen durch die Wahl und die Parteien entscheiden, ob sie das Grundrecht auf Freizügigkeit auch durchsetzen wollen.

    eines enthemmt agierenden, marktradikalen Kapitalismus. Solange die Manager und Räte noch nicht durch Computer mit künstlicher Intelligenz ersetzt wurden, werden wir immer wieder auf diese narzistischen Psychopathen treffen. Es gibt sie auf Schritt und Tritt; nicht nur bei großen Unternehmen wie der DB. Dieser Tage habe ich gelesen, dass jede/r Dritte in diesem deutschen kapitalistischen System von psychologischen Problemen heimgesucht wird bzw. wurde. Und so soll ganz Europa bald aussehen ?

    • AvisFu
    • 16. August 2013 20:32 Uhr

    die sich sofort aus dem Staub machen wenns bergab geht, eben unsere liebe Wohlfühlelite

    Pervers. Der ganz normale neoliberale Wahnsinn. Der ganze Artikel bzw die beschriebenen Zustände sind kaum zu ertragen. Doch, auch einer AG verdenke ich das. Absolut.
    Nebenbei, in vielen Einzelhalten des Verhaltens der Unternehmensführung habe ich auch meinen eigenen Chef wiedererkannt, und unsere Firma hat keine zehn Mitarbeiter...

    "Willkommen in Deutschland" ?!
    Ich würde weiter gehen:
    "Willkommen in der Welt des 21. Jh."

    DerSchmusekurs der sozialen Marktwirtschaft ist vorbei. Die Wirtschasft ist nicht für die Menschen da sondern die Menschen für Wirtschaft (Elite).

    Seit vielen Jahren tobt der Wirtschaftskrieg. Jeder will diesen gewinnen (ein Platz unter den 100 Reichsten der Welt). Da braucht es die freie Marktwirtschaft.
    Irgendwo im Zusammenhang mit der Weimarer Republik, habe ich gelesen:
    "Die Großgrundbesitzer, die Großunternehmer und die Banken waren unzufrieden mit den Gewinnen" und unterstützten die, die später den 2. Weltkrieg begannen.
    Die Menschen sind wieder zu Soldaten gemacht worden. Die, die im Niedriglohnsektor arbieten, sind die Frontkämpfer. Sie opfern sich (werden geopfert) für den Endsieg. Sie sind nichts wert, wenn andere (China ...) noch billigere Arbeitskräfte rekrutieren können.
    40 Prozent der Arbietskräfte im BAhnberich wurden eingespart innerhalb weniger Jahre. Der Rest muß unbezahlte Überstunden machen und Krankheiten in Kauf nehmen (burn out).

    Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen einem Arbeiter und einem Dixiklo:
    Beide können vermietet werden und aussortiert, wenn sie n icht merh funktionieren.
    Erst wenn zu wenige da sind, gibts Probleme .....
    Das ist nicht polemisch, das ist so. 18500 Leiharbeitsfirmen vermieten 900.000 Leiharbeiter (das das mal Menchen waren, interessiert die Politik nicht). Das BIP, das Wachstum zählt - sonst gar nichts.

  5. Wow, ich dachte solches "wegen Personalmangel am Limit"-Arbeiten gäbs so krass nur in Branchen Richtung Krankenhaus, Altenheim und Kita, also da, wo "nichts Greifbares" produziert wird.

    Liebe Redaktion, wie ist das denn eigentlich wohl rechtlich, wenn man 1000 oder auch 500 Überstunden gesammelt hat? Sowas ist ja nicht mehr hinnehmbar und kann doch nicht mehr eindeutig legal sein? Und wie funktioniert eigentlich das Kontrollsystem der Bahn (ich meine die Kontrolle durch die öffentliche Hand, die Hauptbesitzer der DB ist)? 1000 Überstunden allein auf einer Person müssen ja wohl auch mal vor den Augen irgendwelcher Parlamentarier auftauchen, die über den Laden mitwachen sollen, oder nicht?
    Man muss nicht viel wissen, um zu verstehen, dass in einem Betrieb, wo ein einzelner 1000 Überstunden sammeln kann, einiges offenbar ziemlich falsch läuft.

    Danke für diese kleinen Berichte an die ZON!

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    • Hkong13
    • 16. August 2013 17:47 Uhr

    Was wollen sie von einem Aufsichtsrat wie Döring erwarten? Brüderle hat ja schon die Privatisierungs Trompete geblasen.
    Das sind die Oberschinder schlechthin. Ich bin Unternehmer und mir ist völlig rätselhaft was eine solche Partei mit Wirtschaft zu tun hat.
    Wer seine Mitarbeiter schindet hat nichts davon.

  6. "Vor ein paar Jahren erhielten bayernweit alle Lokführer im Güterverkehr ein Dankesschreiben für die geleisteten Überstunden, daran angeheftet war ein Gutschein für die Kantine – im Wert von 2,80 Euro!"

    Das ist so unfassbar dreist und geschmacklos, dass ich mich frage, ob die Idee von Tobias Schlegl oder Volker Pispers stammte. Echt Wahnsinn. Die Deutsche Bahn ist eine Peinlichkeit auf allen Ebenen. Man sollte als Kunde der Bahn wohl niemals vergessen, dass man selbst nicht zu der Gruppe gehört, die am schlechtesten behandelt wird, auch wenn es manchmal schwer vorstellbar ist. Jetzt müssen diejenigen das Bahn-Disaster an vorderster Front ausbaden, die sowie schon geknechtet werden. Aber wenigstens einmal Essen frei.

    41 Leserempfehlungen
    • Bornie
    • 16. August 2013 13:00 Uhr

    Bei der deutschen Bahn AG war da nicht der Herr Mehdorn Vorstandsvorsitzender?
    Der ist doch jetzt bei BER oder?
    Da wundert man sich über gar nix mehr.

    12 Leserempfehlungen
    • IQ130
    • 16. August 2013 13:03 Uhr

    Natürlich liebten die meisten dort ihren Job.
    Seit aber über 100 000 Mitarbeiter abgebaut wurden, sind viele einfach überlastet. Damit steigt überproportional die Unzufriedenheit.

    Das fitness-Programm für den Börsengang konnte vieles nur schlechter machen.

    Merkel und co sehen einfach nur zu - Schröder und co können leicht reden.

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  • Schlagworte Bahn | Güterverkehr | Krankenstand
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