Mehrere Stunden hatten die Bahn-Personalvorstände über den Forderungen der Bahn-Gewerkschaft (EVG) gesessen, um am Ende doch auf deren Wünsche einzugehen. Für die EVG war die Situation der perfekte Hebel, um grundsätzlich über die Personalsituation des Konzerns zu sprechen. In den Verhandlungspausen verteilten die Arbeitnehmer gut gelaunt Pizza und gönnten sich Rauchpausen. Schließlich ging es nicht mehr nur um Stellwerkleiter und das Chaos am Mainzer Hauptbahnhof, sondern auch um Lokführer und Zugbegleiter. Und es ging um die Frage, wie viel Einfluss die Gewerkschaft künftig auf die Personalsituation des Konzerns mit seinen 193.000 inländischen und weltweit 300.000 Mitarbeitern haben wird. Gewerkschaft und Konzernbetriebsrat hatten daher die Personalvorstände der Bahn nach Frankfurt eingeladen.

Betrieb für Betrieb werde in den kommenden Wochen die personelle Besetzung sämtlicher Konzerngesellschaften für 2013 auf den Prüfstand gestellt, sagte ein sichtlich von den Verhandlungen abgekämpfter Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber nach dem Treffen. Unternehmen und Arbeitnehmerseite wollten als Konsequenz aus den Problemen in Mainz nun "gemeinsam daran arbeiten, dass sich ein solches Debakel nicht wiederholt". Wie viel zusätzliches Personal die Bahn kommendes Jahr einstellen werde, wollte Weber nicht sagen. Dies werde "der Prozess der nächsten Wochen zeigen".

EVG-Chef Alexander Kirchner sieht in dem Verhandlungsergebnis "einen wesentlichen Erfolg" seiner Gewerkschaft. Nun werde die laufende Personalplanung und jene für das kommende Jahr "endlich am tatsächlichen Bedarf ausgerichtet". Die Überprüfungen in den rund 400 Gesellschaften des Bahn-Konzerns würden voraussichtlich bis zum 15. Oktober laufen. Am 4. November finde ein erneutes Treffen zwischen Gewerkschaft, Betriebsrat und Bahn statt, bei dem die Ergebnisse diskutiert werden sollen.

Neun Millionen Überstunden

Insgesamt, so errechneten die Arbeitnehmervertreter, stauten sich im Konzern mittlerweile neun Millionen Überstunden auf. Kirchner sieht in der Mainzer Situation daher "nur die Spitze des Eisberges". In den vergangenen Tagen hätten er und seine Leute aus allen Ecken des Bundesgebietes Informationen über erhebliche Unterbesetzungen bekommen. Jetzt gehe es um bessere Arbeitsbedingungen – und um Selbstverständlichkeiten: "Dass man an dem Tag in den Urlaub gehen kann, an dem man es geplant hat".   

Personalmangel ist bei der Bahn längst keine Seltenheit mehr –es ist die Regel. Mittlerweile gehen die Ausfälle am Stellwerk am Mainzer Hauptbahnhof in die zweite Woche. Ein Krisengipfel jagt den nächsten. Und noch immer wirkt vieles in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt chaotisch: Einige Züge fahren, aber nicht nach Plan; Reisende landen irgendwo in Mainz, können aber kaum abschätzen, an welchem Bahnhof. Ein Maßnahmenpaket der Bahn soll das Problem lindern, wenn kommende Woche die Schulferien in Hessen und Rheinland-Pfalz enden und noch viel mehr Pendler die Bahn nutzen. Eine endgültige Lösung wird es vor Ende August aber nicht geben.

Doch die Bahn will das Chaos schnell beheben. Bahnchef Rüdiger Grube rief Mitarbeiter im Urlaub an, um sie zur Rückkehr an ihren Arbeitsplatz zu bewegen. Am Mittwoch besuchte er für drei Stunden die verbliebenen Arbeiter im Stellwerk in Mainz.

Bei der EVG in Frankfurt war Grube, der selbst seinen Urlaub abgebrochen hatte, nicht. Seine Anrufaktion sorgte dort auch eher für Unmut. Die Bahn indes verteidigte seinen Vorstoß. "Im Interesse unserer Kunden, des Unternehmens und aller unserer über 300.000 Mitarbeiter hat er eine Handvoll Kollegen angerufen und sie darum gebeten, sich zu überlegen, ob sie nicht ihren Urlaub verschieben könnten", sagte ein Konzernsprecher. "Ausdrücklich sollten sie eine Nacht darüber schlafen."