Wer es begrüßt, dass Jeff Bezos die renommierte Washington Post gekauft hat, der weiß nicht, wofür der Amazon-Chef steht. Bezos glaubt nicht an die Zukunft von Print-Medien. Er geht davon aus, dass gedruckte Zeitungen in 20 Jahren höchstens noch als Coffee-Table-Variante in auserlesenen Hotellobbys herumliegen. Stattdessen sollen Zeitungen auf Tablet-Computern gelesen werden. An sich wäre das kein Problem. Natürlich ist guter Journalismus auch im Netz möglich – nur halt nicht mit Jeff Bezos.

Guter Journalismus, geben wir es zu, ist zu einem guten Teil unrentabel. Artikel, die sich der meinungsschwachen Randgruppen unserer Gesellschaft annehmen, gelehrte Betrachtungen, die das Problembewusstsein der Leser schärfen wollen, statt fertige Lösungen an die Hand zu geben, differenziert argumentierende Rezensionen und so weiter: Früher, in analogen Zeiten, ahnte man, dass solche Sachen kaum gelesen werden. Genauer wollte man es gar nicht wissen. 

Heute bestätigen Web-Analysen, dass sie nicht gelesen werden. Wer sich aber zu gutem Journalismus bekennt, wird auch den unrentablen Stücken im Netz ein Plätzchen einräumen. Sie taugen fürs Renommee und spiegeln die alte Verleger- und Autorenüberzeugung, dass guter Journalismus einen ideellen, einen gesellschaftlichen Wert hat. Ob Jeff Bezos den Wert des Schwerverkäuflichen anerkennen wird? Ob er als Mäzen für den guten Journalismus der Washington Post aufkommen wird?

Diese Hoffnung ist angesichts von Amazons bisheriger Erfolgsgeschichte leider geradezu lachhaft. Es ist ja nicht das erste Mal, dass Bezos auf der anderen Seite seines angestammten Geschäftsbereichs tätig wird, dass er von der Distribution übergreift auf die Produktion. Erst hat Amazon Bücher nur verkauft, jetzt publiziert das Unternehmen selbst welche. Erst hat Amazon Filme verliehen und verkauft, jetzt produziert es selbst welche. Erst hat Amazon Zeitungen als Kindle-App verkauft, jetzt verlegt Bezos selbst welche.

Welch schöne Konsequenz! Und jedes Mal, bei den Büchern, bei den Filmen, und bald wohl auch bei der Zeitung zeigt sich, dass Jeff Bezos nur einen Wert kennt: den ökonomischen. Gut ist, was sich gut verkauft. Ob dann in einem Buch Henry James (Literatur) drin steckt oder E.L. James (Schund), macht keinen Unterschied. Ebenso unterschiedslos dürfte es für Bezos sein, ob jemand wie Edward Snowden etwas enthüllt oder Paris Hilton sich enthüllt: Beides ist Content. Sein Wert bemisst sich einzig an der Reichweite seiner Verbreitung.

Die Washington Post als Plattform für fan fiction

Nun haben sich bekanntlich Zeitungen in den letzten Jahren zunehmend schlechter verkauft. Aber Bezos wäre nicht Bezos, wenn er in ihnen nicht ein Potenzial schlummern sähe. Gerade hat er mit dem Programm Kindle Worlds gezeigt, dass sich sogar aus Sachen Geld schlagen lässt, die sich früher gar nicht verkaufen ließen. Kindle Worlds monetarisiert die Welt der sogenannten fan fiction, literarische Parallel-, Seiten- und Weitererzählungen von urheberrechtsgeschütztem Material wie etwa Harry Potter. Von mehreren populären Erzähl-Universen hat Amazon nun das Urheberrecht gekauft und für Nutzer von Kindle Worlds freigegeben. Die Schreiber der fan fiction haben seither die Möglichkeit, aus ihrem kommunikativen Hobby ein kleines Geschäft zu machen, und ihre Texte mit einem Preis versehen übers Selfpublishing zu verticken.

Das könnte auch als Modell für die Washington Post taugen. Die würde sich dann zu einem Mega-Blog entwickeln, der sich um ein paar Edelfedern gruppiert. Die Washington Post würde also zu einer zweiten Huffington Post, mit dem Unterschied allerdings, dass der Masse der freiwillig Beitragenden eine kleine Erwerbsquelle eröffnet wird.