Der Chef der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube © John MacDougall/AFP/GettyImages

Manchmal muss Rüdiger Grube weit zurück in die Vergangenheit schauen. Zumindest, wenn ein besonders interessierter Kunde den Bahnchef dazu auffordert. "Schauen Sie mal ins Kursbuch von 1939", sagt ein älterer Herr mit Glatze, die Hosenträger über den fülligen Bauch gespannt, in völlig ernsthaftem Ton, "damals hielten die Dampfzüge noch in Charlottenburg, Friedrichstraße, Alexanderplatz, Schlesischer Bahnhof – und damals war das Verkehrsaufkommen genauso hoch wie heute." Warum also heute Fernzüge nicht mehr dort und am Bahnhof Zoo halten könnten?

Es ist Bahnkunden-Sprechstunde im Nordwesttrakt des Berliner Hauptbahnhofs. Grube ist auf Einladung des Deutschen Bahnkunden-Verbandes gekommen, um sich die Nöte der Kundschaft anzuhören. Die allerdings nicht so ganz gewöhnlich ist. Wenn der Satz zutrifft, es gebe in Deutschland 80 Millionen Bundestrainer, dann stimmt auch, dass es ebenso viele Bahnchefs gibt. Rund 35 von ihnen, die meisten Männer jenseits der 50, sitzen an diesem Montagabend im vierten Stock in der Bahnkantine dem Bahnchef gegenüber.

Mit diesen Ko-Bahnchefs hat der tatsächliche Vorstandsvorsitzende durchaus zu kämpfen. Sie wollen nicht einfach nur das vorhandene Angebot der Deutschen Bahn nutzen und von A nach B kommen. Sie haben genaue Vorstellungen davon, wie man es besser machen kann. Manche sind offenbar irgendwie auch in der Branche tätig oder befassen sich zumindest schon jahrelang intensiv mit der Bahn. Sie sind nicht nur gekommen, um eine Frage zu stellen – sie möchten am besten gleich eine konkrete Idee vorbringen. Die in der Regel vor ihrer Haustür liegt. Das Mainzer Chaos ist im Berliner Hauptbahnhof weit weg.

Doch die Zuhörer werden erst mal auf eine Geduldsprobe gestellt. Über eine halbe Stunde lang trägt Grube vor, wie er die aktuelle Lage der Deutschen Bahn beurteilt und was er als die größten Herausforderungen ausgemacht hat: Er lobt die positiven Ergebnisse der Bahnreform von 1994, er bekundet seinen Stolz auf seine Mitarbeiter und bekräftigt den Willen, die Bahn zu einem der zehn beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland machen zu wollen. Er räumt ein, dass er mit dem Informationsservice für die Kunden "überhaupt nicht zufrieden" sei und dass die Finanzierung für den Erhalt und Austausch der Gleis-Infrastruktur "hinten und vorne nicht" reiche.

"Sie wissen das ja"

Das alles rattert Schnellsprecher Grube mit vielen Zahlen herunter. Er flicht den einen oder anderen Fachbegriff ein, immer wieder ergänzt um den Einschub "das kennen Sie ja alles" oder "Sie wissen das ja" – der Bahnchef weiß, zu wem er hier spricht. "Sie sind die Insider", schmeichelt er seinem Publikum. Und gibt sich doch standfest: "Wir wissen, wo wir hin wollen und wir wissen, was wir dafür machen müssen."

Das allerdings glauben auch seine Zuhörer zu wissen. Der eine hat einen Vorschlag, wie der Fernverkehr doch keinen Bogen um Potsdam machen müsste; ein anderer hat einen Tipp für eine schnellere Instandsetzung der durch das Hochwasser immer noch lädierten Dämme; ein Dritter klagt über die vielen hässlichen Lärmschutzwände entlang der Strecken. Ein paar, die täglich von Berlin nach Wolfsburg pendeln, sind mit den Verbindungen unzufrieden. Eine Schwerbehinderte im Elektrorollstuhl bekommt Applaus, als sie ausführlich beschreibt, wie viele Aufzüge in den Berliner Bahnhöfen oft wochenlang defekt seien.