Dass Nicolas Berggruen kein Wohltäter ist, sondern ein knallharter Investor, dürften Arbeitnehmervertreter und die Politik spätestens seit den jüngsten Stellenstreichungen bei Karstadt verstanden haben. Das darauf folgende Bitten und Betteln um Geld aus dem Privatvermögen des Milliardärs, der 2010 das insolvente Unternehmen übernommen hatte, blieb ungehört. Karstadt, so hieß es immer wieder, müsse aus eigener Kraft gesunden. Das bedeutete: Die dringend nötigen Modernisierungen sollten aus dem laufenden Geschäft finanziert werden.

Somit sind die 300 Millionen Euro, die durch den Verkauf der Sport- und Premiumsparte nun ins Unternehmen fließen sollen, auch ein Lichtblick. Während die Gewerkschaft Verdi von einem "ersten Schritt" spricht, sieht Handelsexperte Thomas Roeb den Teilverkauf wegen des Investitionsstaus der Häuser als "letzte Chance für Karstadt".

400 Millionen Euro waren einmal bis 2015 eingeplant für Modernisierungen. Wie viele tatsächlich geflossen sind, verrät Karstadt nicht. "Allein 2013 wurden an 42 Standorten Investitionen in sechsstelliger Höhe getätigt", heißt es in einer aktuellen Mitteilung. "Ein paar wichtige Projekte wurden umgesetzt, wie etwa die Renovierung von Karstadt in Düsseldorf oder das neue Modekonzept K-town", sagt Niklas Reinecke vom Handelsinformationsdienst Planet Retail. K-town sei gut angekommen. "Aber es haben die Mittel gefehlt, das großflächig auszurollen." In Köln und Göttingen wird bei K-town Mode für jüngere Kunden angeboten, in Räumen mit moderner Fabriketagenoptik. Dringend notwendig sei das neue Geld, so Reinecke, um neben Modernisierung besonders der regulären Häuser wieder mehr in Werbung und Marketing zu investieren. "Karstadt hat viele neue Marken eingeführt, diese aber nur zurückhaltend beworben", sagt der Experte.

Viele Unbekannte

Wie es um die Warenhäuser derzeit steht, weiß die Öffentlichkeit nicht. Denn Karstadt nennt keine aktuellen Zahlen. In einer Pressemitteilung von Anfang September sprach der scheidende Konzernchef Jennings von einem starken August. "Wir starten mit leichtem Rückenwind in diesen Herbst", sagte er. Experten erwarten jedoch, dass der Umsatz weiter gesunken ist: Im Geschäftsjahr 2012/13 sollen nach Schätzungen des Instituts für Handelsforschung Köln 2,7 Milliarden Euro in den Kassen des Unternehmens gelandet sein, ein Jahr zuvor waren es noch 3,13 Milliarden. "Zumindest für die 83 regulären Warenhäuser sieht es düster aus", sagt Handelsexperte Reinecke.

Und so wird wild spekuliert, was Benko und Berggruen nun vorhaben. Beide wollten sich auf Anfrage nicht näher zu ihren Plänen äußern. Sie eint, dass sie erfolglos um die Metro-Tochter Kaufhof geboten hatten. Der Karstadt-Konkurrent hatte früh modernisiert und konnte jüngst seine Gewinne etwas steigern. Nun könnten beide Investoren erneut versuchen, nach Kaufhof zu greifen und beide Unternehmen zur viel beschworenen "Deutschen Warenhaus AG" zusammenführen. Oder Metro könnte Karstadt-Teile übernehmen. "Sollte das Geschäft bei Karstadt künftig nicht in Gang kommen, steigern die Investitionen zumindest den Verkaufswert der 83 regulären Warenhäuser", resümiert Handelsexperte Reinecke.

Die Mitarbeiter aber müssen weiter zittern, und weiter zurückstecken. Denn, so erklärte Berggruen, der zweite Sanierungsstein liege "auf dem Tarifweg". "Wir sind total verunsichert", sagt die Berliner Betriebsrätin Beate Hofer. Karstadt-Aufsichtsrat Arno Peukes sprach von Alarmstimmung unter den Beschäftigten. Der Gewerkschafter sorgt sich, dass in den Luxushäusern mehr Verkaufsfläche an Edelmarken vermietet werden könnte und damit Arbeitsplätze des Stammpersonals bedroht würden. Berggruen habe sein Wort gebrochen, Karstadt als Ganzes zu erhalten.

Erschienen im Tagesspiegel