August Oetker : "Mein Vater war ein Nationalsozialist"

Jahrzehnte haben die Oetkers geschwiegen. Jetzt hat sich August Oetker im Interview mit der ZEIT erstmals zur Nazi-Vergangenheit des Konzerns geäußert.

Zum ersten Mal hat ein Mitglied der Familie Oetker über die braune Vergangenheit des Unternehmens Dr. Oetker gesprochen. August Oetker schildert im Gespräch mit der ZEIT ausführlich die NS-Verwicklungen des Unternehmens und die NS-Karriere seines Vaters Rudolf-August Oetker, der im Unternehmen seit 1941 tätig war und ihm seit 1944 vorstand. "Mein Vater war ein Nationalsozialist", sagte August Oetker. Der 69-jährige Sohn und Nachfolger von Rudolf-August Oetker ist heute Beiratsvorsitzender der Unternehmensgruppe.

Dass sich das Unternehmen bislang nicht mit seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus beschäftigt hatte, fand er schon lange schwer erträglich, konnte sich aber gegen den Vater nicht durchsetzen, räumt er offen ein. "Er wollte über diese Zeit nicht sprechen", sagt August Oetker. "Er hat gesagt: Kinder lasst mich damit in Ruhe." Auch nach 1945 sei sein Vater noch anfällig für rechtes Gedankengut gewesen, sagte August Oetker im Gespräch: "Das sind die Menschen bis heute. Und er war es auch." Der Vater starb 2007.

In den sechziger Jahre stiftete Rudolf-August Oetker seiner Heimatstadt Bielefeld eine Kunsthalle, mit der er das Andenken an seinen Stiefvater Kaselowsky bewahren wollte, der Dr. Oetker während der NS-Zeit führte und ein strammer Nationalsozialist war. Ein Großteil der Bielefelder Jugend protestierte, aber der Name Richard-Kaselowsky-Haus blieb 30 Jahre lang bestehen. Erst 1998 tilgte ihn eine rot-grüne Stadtratsmehrheit. Daraufhin ließ Rudolf-August Oetker sämtliche als Leihgaben ausgestellten Bilder mit dem Lkw abholen.


Die NS-Vergangenheit der Familie Oetker Rudolf-August Oetker war einer der größten Unternehmer der deutschen Nachkriegszeit. Nach seinem Tod haben die Oetkers nun ihre NS-Familiengeschichte aufarbeiten lassen.

"Er hat gesagt: Mit dieser Stadt machen wir nichts mehr. Er sah in dem Beschluss Unzuverlässigkeit und Illoyalität. In dieser Frage hat er sich bis zu seinem Tod nicht beruhigt", erinnert sich August Oetker an diese Zeit. Er selbst habe die Rücknahme der Bilder "als Trotz empfunden", sagte Oetker. "Ich hätte es nicht gemacht." Die Bilder zurückgeben möchte er aber trotzdem nicht: "Wir können uns nicht einfach über das hinwegsetzen, was uns der Vater aufgetragen hat. Das muss wohl die nächste Generation entscheiden."

Öffentlich hatte Rudolf-August Oetker nie zugegeben, wie tief er und sein Unternehmen mit dem Nationalsozialmus verstrickt waren. "Vielleicht wollte er nicht der gewesen sein, der er war. Vielleicht wollte er einen Teil seines Lebens redigieren. Das kann ich nachvollziehen. Aber dadurch wird es nicht besser", sagte Oetker. 

Er ließ daher die Vergangenheit des Unternehmens während der NS-Zeit wissenschaftlich untersuchen. "Ich hatte das Gefühl: Jetzt geht es an die Fakten, jetzt wird der Nebel gelichtet", sagte August Oetker.  

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Kommentare

58 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Der erste Schritt

zieht gewöhnlich noch weitere Schritte nach sich und mit Geld kann man eben viele Dinge finanzieren.

Man kann damit Aktionen gegen Nazis finanzieren, man kann Aufklärungsarbeit bei den Jugendlichen leisten. Er könnte auch seinen Einfluss dazu nutzen, das ihn die von ihnen angesprochenen Unternehmen auch unterstützen und in dieser Frage Stellung beziehen und noch vieles mehr.

Was er noch alles tun wird, wird man sehen aber ohne finanzielle Mittel wird sich das sehr schnell im Sande verlaufen. So realistisch sollte man schon sein.

Lichtblick

Damit hast du zwar recht, was ich aber tatsächlich für ein Novum in Sachen "Aufarbeitung" aus Unternehmerperspektive halte, ist dieser Passus:

"Auch nach 1945 sei sein Vater noch anfällig für rechtes Gedankengut gewesen, sagte August Oetker im Gespräch: "Das sind die Menschen bis heute. Und er war es auch."

Dieses Eingeständnis bringt in der Tat eine neue Qualität in die Debatte. Sonst ging es ja immer darum, sich hinter dem vermeintlichen Schnitt im Jahre 1945 zu verstecken. Daß jetzt mal einer aus dieser Riege eingesteht, daß die Leute danach trotzdem noch dieselben waren, ist für sich genommen schonmal begrüßenswert.

Amoral

"Wir haben das unglaubliche Glück, dass wir diese Zeit nicht erleben und somit keine Gewissensentscheidungen treffen mussten..." Was für eine amoralische und verlogene Argumentation. Amoralisch, weil eine humane Grundhaltung keine Frage des Glücks ist, sondern moralischer Werte, verlogen, weil es bei der angesprochen Haltung der Oetkers, Nazis, Unterstützer von Verbrecherorganisationen, Arisierungs- und Kriegsgewinnler, nicht um "Gewissens-" Entscheidungen ging, sondern um Geld, Macht, Ansehen. Ihr Versuch der Relativierung fällt auf Sie selbst zurück! Abstoßend!