Blick auf das RWE-Braunkohlekraftwerk Neurath (Archivbild) © Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Es ist eine Kapitulationserklärung mit Ansage. Der Verlust in Höhe von fast drei Milliarden Euro, den RWE an diesem Dienstag präsentierte, hat historische Bedeutung. Er zeigt: Das Energiegeschäft nach dem Modell großer Konzerne, das mehr als sechs Jahrzehnte lang verlässlich Geld in die Kassen des Unternehmens brachte, funktioniert längst nicht mehr. Aber das war schon vor der Veröffentlichung der RWE-Bilanz klar.

Überraschend an den Verlusten ist, dass sie noch höher ausfallen als erwartet. Für die RWE-Beschäftigten und -Anteilseigner, unter ihnen einige notorisch klamme nordrhein-westfälische Kommunen, sind das keine guten Nachrichten. Noch schlimmer ist aber: RWE-Chef Peter Terium scheint kein Konzept zu haben, wie er seinen Konzern aus der Krise führen soll. Stattdessen fordert er mehr Unterstützung von der Politik.

Dabei ist das schon einmal schief gegangen. Nachdem die deutsche Regierung erstmals den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen hatte, bauten Teriums Vorgänger Jürgen Großmann und Harry Roels unbeirrt weiter Kohle- und Kernkraftwerke. Statt sich auf die neuen Realitäten einzustellen und ihr Geschäft anzupassen, setzten sie auf die Lobby-Kraft der deutschen Energiekonzerne und machten in Berlin Druck für den Ausstieg aus dem Ausstieg. Die Strategie war nur vorübergehend erfolgreich: bis zum Störfall von Fukushima.

Milliarden für die Kohle

Noch 2005 – das Erneuerbare-Energien-Gesetz war da schon fünf Jahre alt – investierte RWE Milliarden in den Bau von konventionellen Kohle- und Gaskraftwerken. Und das sind genau die Anlagen, die RWE jetzt Probleme bereiten. Man braucht ihren Strom nicht mehr. Zwar ist die Bedeutung der Kohle zuletzt gerade wegen der Energiewende wieder gestiegen. Denn Kohlekraftwerke liefern auch dann Strom, wenn weder Wind weht noch die Sonne scheint, und sie tun es billiger als umweltfreundliche Gaskraftwerke. Nur reicht die Nachfrage nicht aus, um die fossilen Kraftwerke auszulasten, denn Ökostrom hat Vorrang im Stromnetz. Die mit viel Geld gebauten Anlagen werfen kaum noch Gewinn ab.

Andere Stromkonzerne haben ganz ähnliche Probleme. In ganz Europa haben die seit der Jahrtausendwende große zusätzliche Kapazitäten an Kohle- und Gaskraftwerken aufgebaut. Doch zugleich entstanden auch viele neue Solar- und Windkraftanlagen – und Europas Nachfrage nach Energie sinkt.

Das alte Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr, trotzdem machten die Versorger weiter wie bisher. Einer aktuellen Greenpeace-Studie zufolge hielten die großen vier Konzerne, die den deutschen Strommarkt beliefern – E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW – im Jahr 2011 rund drei Viertel aller konventionellen Kapazitäten und nur etwas mehr als sechs Prozent der Erneuerbaren, Wasserkraft nicht eingeschlossen. Zwei Jahre später war ihr Anteil an den Erneuerbaren sogar noch gesunken.

RWE erzeugt nur rund vier Prozent seines Stroms aus Wind und Sonne. Fast 80 Prozent hingegen kommen immer noch aus fossilen Kraftwerken, vor allem Kohle. Dabei würfen die Erneuerbaren auch für RWE inzwischen deutlich mehr Gewinn ab, schreibt Greenpeace unter Bezug auf Daten der Bank JP Morgan. Und es sind nicht nur die Umweltschützer, die die Energiekonzerne kritisieren. Die Schweizer Großbank UBS kommt in einer Studie zu einem ähnlichen Ergebnis. Ihre Analysten schreiben, dass die Versorger rund 30 Prozent ihrer fossilen Kraftwerke in Europa schließen müssten, nur um ihre Profite zu halten.

Sparkurs ohne Konzept

Investieren müssten sie dafür in die Erneuerbaren: in Wind und Sonne und in kleinere, dezentrale Erzeugungsstrukturen. Aber RWE-Chef Terium hat dafür kein Geld. RWE ächzt unter Schulden - Terium muss sparen. Er streicht Tausende Stellen, halbiert die Dividende, legt Kraftwerke still. Er bietet die Öl- und Gasfördertochter Dea zum Kauf, und er hat sich von den kommunalen RWE-Anteilseignern vorsorglich eine Kapitalerhöhung genehmigen lassen, die Geld in die Kassen bringen soll.

Ein neues Geschäftsmodell entsteht daraus nicht. Terium selbst wirbt zwar für einzelne RWE-Projekte zur dezentralen Energieversorgung. Aber er weiß wohl selbst, dass der Vorsprung der Konkurrenz auf dem Gebiet groß ist. Seine Hauptbotschaft am Dienstag war deshalb eine andere: RWE soll künftig Geld dafür erhalten, dass es seine fossilen Kraftwerke als Reserve für wind- und sonnenarme Zeiten ständig in Bereitschaft hält. Zugleich kündigte Terium an, dass die schlechten Zeiten im laufenden Jahr wohl anhalten werden.

Damit begeht Peter Terium den gleichen Fehler wie seine Vorgänger: Er fordert von der Politik, seinen Konzern zu retten, statt selbst umzudenken. Es ist eine Kapitulation mit Ansage.