Die moderne Textil- und Bekleidungsindustrie wird geliebt und gehasst zugleich. Einerseits ist sie ein Katalysator für Entwicklung und Industrialisierung. Weltweit macht sie einen Umsatz von geschätzt drei Billionen Dollar im Jahr; in manchen Herstellerländern wie Bangladesch gilt sie als Haupttreiber des Wirtschaftswachstums. Dort erwirtschaftet sie 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und 80 Prozent der gesamten Exporterlöse, und ihr wird ein Drittel der Armutsreduktion seit den neunziger Jahren zugeschrieben. Das ist eine beeindruckende Bilanz.

Die andere Seite sind miserable Arbeitsbedingungen und schwere Umweltverschmutzungen. Am 24. April 2014 jährt sich zudem der größte Industrieunfall in Südasien seit der Chemiekatastrophe in Bhopal vor 30 Jahren. Beim Einsturz des achtstöckigen Rana-Plaza-Gebäudes in Dhaka, Bangladesch, in dem eine Fabrik Bekleidung für den Export produzierte, wurden 1.133 Menschen getötet. Den Textilexporten des Landes hat dies nicht wirklich geschadet, sie wachsen weiterhin kräftig. Aber der Unfall hat eine intensive Debatte über die Nachhaltigkeit und die Arbeitsbedingungen in der Branche ausgelöst.

Die Industrie hat in Teilen darauf reagiert: Eine Reihe europäischer Marken haben das Abkommen über Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch unterzeichnet, zahlreiche US-Firmen schlossen sich einer vergleichbaren Allianz für Arbeitssicherheit an. Die Regierung von Bangladesch hat einen nationalen Handlungsplan ins Leben gerufen. Das Ziel der Initiativen ist ehrgeizig. Die Unterzeichner des Abkommens über Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch verpflichten sich ausdrücklich dazu, "eine sichere und nachhaltige Bekleidungsindustrie in Bangladesch zu schaffen, in der kein Arbeitnehmer Brände, Gebäudeeinsturz oder andere Unfälle fürchten muss, die mit angemessenen Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen verhindert werden könnten".

Für die Textilfabriken in Bangladesch heißt das: Sie müssen ihre Sicherheitsvorkehrungen überprüfen lassen. In einer ersten Phase werden fast 4.000 Fabriken zu vorläufigen Sicherheitsüberprüfungen aufgefordert. Darüber hinaus hat die Regierung von Bangladesch die Rechte der Textilarbeiter gestärkt. Im Juli 2013 novellierte sie die Arbeitsgesetzgebung, stärkte die Versammlungsfreiheit und Tarifautonomie und erhöhte den Mindestlohn von 38 auf 68 Dollar im Monat. Dies bedeutet zwar eine Verbesserung, aber nach wie vor sind die Monatslöhne etwa im Vergleich zu Kambodscha (80 Dollar) oder Indien (71 Dollar) sehr niedrig.

Insgesamt haben die Initiativen dazu geführt, dass 150 Unternehmen die Sicherheit entlang ihrer Lieferketten in über 1.700 Textilfabriken in Bangladesch erhöht haben. Positiv zu werten ist, dass der Unfall von Rana Plaza die Akteure der Textil- und Bekleidungsindustrie dazu brachte, die drängendsten Probleme in Bangladesch gemeinsam anzugehen.