Der lang erwartete Konzernumbau von Siemens-Chef Joe Kaeser fällt umfangreich aus: Der seit August amtierende Manager will das Unternehmen stärker auf Energietechnik und moderne Fabrikausstattung ausrichten. Zugleich wendet sich der Vorstandschef von den traditionsreichen Bereichen Medizintechnik und Schwerindustrie ab.

Aus Kaesers Sicht muss der Konzern schlanker und schlagkräftiger werden. Denn schon länger erzielt Siemens weniger Rendite als der US-Rivale General Electric, mit dem der Elektrokonzern derzeit um den französischen Konkurrenten Alstom bietet.

Kaeser schafft deshalb die vier Großsektoren seines Vorgängers Peter Löscher ab und gliedert das Unternehmen mit seinen 360.000 Mitarbeitern künftig in neun Divisionen. Dem Konzern habe die langfristige Perspektive gefehlt, sagte Kaeser zum Auftakt einer Pressekonferenz, in der er und sein Führungsstab die Pläne am Morgen präsentierten. Er wolle die "Disziplin im Konzern wiederherstellen", das Unternehmen straffer führen und die Hierarchien abflachen, sagte Kaeser.

Die Gesundheitsversorgung – für die Siemens bisher viele Geräte baute – entwickle sich hin zur Molekulardiagnostik und anderen Biowissenschaften, sagte Kaeser. Die Medizin entferne sich von der traditionellen Gerätemedizin, wie sie Siemens ausrüstet. Daher werde das Feld künftig eigenständig geführt, wenn auch vorerst nicht in eine eigene Rechtsform ausgegliedert. Er schloss nicht aus, Anteile der Sparte am Kapitalmarkt anzubieten. 

Information weltweit per Videoschalte

Das Geschäft für Hörgeräte will Siemens ausgliedern und an die Börse bringen. Der Rest der Sparte bleibt zwar im Konzern – soll aber von Oktober an eigenständig außerhalb der neun Divisionen geführt werden und damit unabhängig vom Organisationsaufbau des restlichen Konzerns. Damit soll das Geschäft, das inhaltlich ohnehin Überschneidungen mit den übrigen Feldern hatte, flexibler werden.

Am Nachmittag will er seine Pläne der Belegschaft erläutern. Die Veranstaltung vor 250 Mitarbeitern in Berlin wird per Video weltweit in Unternehmensteile übertragen. 

Inmitten des Übernahmestreits um die Energiesparte von Alstom verliert zudem Energietechnikchef Michael Süß seinen Posten im Siemens-Vorstand. Die Shell-Managerin Lisa Davis übernimmt das Segment im August.

Der tiefgreifende Umbau des Elektrokonzerns hatte in den vergangenen Wochen die unteren Führungsebenen und die Belegschaft stark verunsichert. Mit der Präsentation der Pläne ende eine lange Phase quälender Unsicherheit und es kehre Erleichterung ein, beschrieb ein verantwortlicher Mitarbeiter der Gesundheitssparte im Gespräch mit ZEIT ONLINE die Stimmung im Konzern. Gerade das Verschlanken der Führungsstruktur kommt demnach bei der Belegschaft gut an. Kaeser sei bei den Mitarbeitern im Vergleich zu seinem Vorgänger hoch angesehen, vor allem, weil er die Nähe des Personals suche. 

Ob weitere Stellen abgebaut werden, ist unklar

Inwieweit der Umbau Stellen kosten wird, teilte Siemens bisher nicht mit. Der Konzern hatte Ende 2013 den Abbau von 15.000 Arbeitsplätzen beschlossen.

Besonderes Augenmerk legt Kaeser neben der Energieerzeugung auf das Digitalisierungsgeschäft für Produktionsfirmen, das in der neuen Division Digital Factory geführt wird. Das Segment soll bis zu 20 Prozent operative Rendite abwerfen und die bislang ertragreichste Medizintechnik noch überflügeln. In den jeweiligen Divisionen hat sich Siemens Renditeziele zwischen fünf und 20 Prozent vorgenommen. Eine neues Gesamtrenditeziel für den Konzern rief Kaeser allerdings nicht aus. Sein Vorgänger war an der Ambition von zwölf Prozent für den Konzern gescheitert und musste gehen.