Gäbe es nicht die Bilder von einem kleinen Häufchen Menschen in gelben Warnwesten und rotem ver.di-Aufdruck, dann würde dieser Streik in der breiten Öffentlichkeit wohl überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. So aber kann das ARD-"Morgenmagazin" zumindest zwei Minuten über den Parkplatz des Amazon-Lagers im bayerischen Graben filmen, auf dem sich ein paar Amazon-Mitarbeiter zum Streik versammelt haben. Streik bei Amazon? Stimmt, da war doch was!

Mittlerweile fast unbemerkt von der Öffentlichkeit bemüht sich ver.di seit mehr als einem Jahr, den US-Konzern in die Knie zu zwingen. Doch der Kampf für einen Tarifvertrag wird von den meisten Deutschen bestenfalls achselzuckend zur Kenntnis genommen. Die dünnen Meldungen der Agenturen verschwinden auch in diesen ersten Juni-Tagen rasch in den Meldungsspalten der Nachrichtenseiten. Erste Verrisse machen die Runde. Die Wirtschaftswoche analysiert bereits, "warum die ver.di-Kampagne gegen Amazon floppt". 

Tatsächlich gibt es auf den ersten Blick reichlich Gründe, im Vorstoß der Lagerpacker und ihrer Gewerkschaft lediglich einen Rohrkrepierer zu sehen. Amazon ist in diesem Konflikt – zumindest in der Öffentlichkeit – nicht in der Defensive. Löhne? Zahlen die Amerikaner üppiger als allgemein in der Logistikbranche üblich. Zumindest Teile der Belegschaft wehren sich sogar gegen eine "Negativdarstellung" ihres Arbeitgebers – mehr als 1.000 Mitarbeiter haben eine entsprechende Liste unterzeichnet. Anders als bei erfolgreichen ver.di-Kampagnen wie gegen Lidl oder Schlecker drängt sich nicht zwangsläufig das Gefühl auf, hier werden Menschen wie Sklaven ausgebeutet. Im Gegenteil: Die neun Lager von Amazon stehen in strukturschwachen Gegenden wie dem Nordosten Hessens. Hier ist erst einmal jeder Arbeitsplatz willkommen.

Doch diese oberflächliche Analyse verkennt, welche Macht der ver.di-Streik mittlerweile entfaltet hat – und wie erfolgreich er am Ende sein könnte. Die Gewerkschaft hat auf den großen Knall verzichtet, den eine Riesen-Demo in allen Verteilzentren ausgelöst hätte. Stattdessen kommt es seit Ostern 2013 immer wieder zu Streiks in einzelnen Lagern, die jedoch Monat für Monat in der Intensität zunehmen: "Wir streiken schneller und länger", sagt Hubert Thiermeyer, der bei ver.di Bayern für den Handel verantwortlich ist. Die Gewerkschafter verkürzen die Zeit zwischen den Arbeitsniederlegungen und blockieren die Arbeit an immer mehr Lagern. Nach Leipzig, Bad Hersfeld und Graben verweigerten am Dienstag auch Mitarbeiter im nordrhein-westfälischen Rheinberg die Arbeit. 

"Politik der kleinen Nadelstiche"

Auf diese Weise bearbeitet ver.di den Handelsriesen. Der Kunde bekommt das nur indirekt mit, weil sein Buch oder die DVD im schlimmsten Fall einfach nur später geliefert wird. Ob dies am Streik liegt oder weil die Ware schlicht gerade nicht auf Lager ist, erfährt er nicht. Doch das Management dürfte die Folgen genau mitbekommen. Nach Angaben der Gewerkschaft gehen Fahrzeuge später raus und Kisten werden nicht entladen. In Leipzig seien vergangene Woche 20.000 Päckchen liegengeblieben, berichtet ein Gewerkschafter.

"Eine Politik der kleinen Nadelstiche" nennt der Ökonom Hagen Lesch diese Strategie. Das Gewerkschaftslager versucht dabei nicht, den gesamten Betrieb für eine kurze Zeit lahmzulegen, sondern piesackt den Arbeitgeber immer wieder – zur Not über Jahre. Ver.di habe Arbeitgeber auf diese Weise schon häufig zum Einlenken gebracht, sagt Lesch mit Blick auf Tarifkonflikte bei Banken oder im Einzelhandel. "Beharrlichkeit kann zu einem insgesamt erfolgreichen Arbeitskampf führen."