Gerade war die Aufregung etwas abgeklungen, da meldete sich Mark Fox erneut zu Wort. Starbucks werde, sagte der Chef des britischen Starbucks-Geschäfts in einem Interview mit dem Evening Standard, für mindestens drei weitere Jahre in England kein normales Niveau an Steuern zahlen. Man müsse erst sein Mojo zurückgewinnen und in die Gewinnzone zurückkehren, so Fox. Kritiker sahen in den Kommentaren ein weiteres Beispiel für die Dreistigkeit des Konzerns – und riefen die Briten zum Boykott des Unternehmens auf.

Die US-Kaffeehauskette steht in Großbritannien, dem größten europäischen Markt des Konzerns, unter Druck, seit vor knapp zwei Jahren herausgekommen war, dass Starbucks seit dem Start in England im Jahr 1998 nur 8,6 Millionen Pfund an Steuern gezahlt hat. Als Begründung hatte der Konzern auf hohe Verluste wegen der enormen laufenden Kosten seiner Läden verwiesen. In der Politik kam die Ausrede nicht gut an. "Das ist eine Beleidigung für jeden hart arbeitenden Briten", sagte Parlamentsmitglied Margaret Hodge. Selbst Ministerpräsident David Cameron schaltete sich ein und kündigte an, den Vorsitz im G8-Gipfel im kommenden Jahr dazu nutzen zu wollen, gegen die Steuertricks internationaler Konzerne aggressiver vorzugehen.

Starbucks hat mithilfe geschickter Unternehmensstrukturen und der Verlagerung von Geschäftszweigen in Niedrigsteuerländer wie die Niederlande und die Schweiz die Steuerlast über Jahrzehnte systematisch heruntergerechnet. Die Rechte für Marken und Logo etwa liegen bei einer Holding in den Niederlanden, an die die britische Mutter hohe Lizenzgebühren zahlt, die dann vom Gewinn abgezogen werden. Die Kaffeebohnen für den europäischen Markt wiederum werden von einer Tochter in der Schweiz eingekauft – ohne jemals Schweizer Boden zu berühren. Von dort werden sie für einen Aufpreis weiterverkauft.

Konzerne ignorieren Steuerdebatte

"Viele haben lange gedacht, dass vor allem Technologiekonzerne wie Apple, Google und Amazon solche Schlupflöcher ausnutzen können. Starbucks hat gezeigt, dass es im Grunde jede Firma kann, selbst wenn sie Läden vor Ort hat", sagt Edward D. Kleinbard, Steuerexperte an der University of Southern California. Erst in den vergangenen Jahren, sagt auch Rebecca Wilkins von der Organisation Citizens for Tax Justice, seien derartige Praktiken "internationaler Mainstream" geworden.

Heute fließen 15,5 Prozent aller ausländischen Investitionen von US-Konzernen in die Niederlande – vier Fünftel davon gehen an sogenannte Holdings, wie sie etwa Starbucks nutzt. Luxemburg mit seinen gerade mal 550.000 Einwohnern meldete 2012 ausländische Direktinvestitionen von rund 2,4 Billionen Dollar – mehr als Deutschland und Frankreich zusammen. Und Apple alleine verschob zwischen 2009 und 2012 nach einem Bericht des US-Senats mehr als 74 Milliarden Dollar nach Irland, wo der Konzern dank eines Spezialabkommens weniger als zwei Prozent an Unternehmenssteuern zahlt.

"Das Beispiel Starbucks zeigt, dass weder Investoren noch Steuerbehörden eine klare Vorstellung davon haben, was große multinationale Konzerne wirklich machen", sagt Edward Kleinbard. Auf Hunderte von hochgerüsteten Steuerexperten in den Unternehmen komme in vielen Fällen nur eine Handvoll Mitarbeiter in den Steuerabteilungen der Regierungen. Entsprechend sicher fühlen sich die Großkonzerne – und zeigen sich uneinsichtig. Die Kontroverse um die Steuervermeidungspraktiken, konterte Starbucks' Großbritannien-Chef Mark Fox trocken, störe ihn "nicht im Geringsten". Von Apple hieß es zu den Vorwürfen der Steuertrickserei nur, "unser Erfolg in Europa und dem Rest der Welt ist das Ergebnis der harten Arbeit unserer Mitarbeiter und ständiger Innovation, nicht das irgendwelcher Arrangements mit der Regierung".