Ein Großteil des Putenfleischs von Discountern in Deutschland ist einer Studie zufolge mit gefährlichen Keimen belastet. Bei einer bundesweiten Stichprobe seien auf 88 Prozent der Fleischstücke antibiotikaresistente Keime nachgewiesen worden, teilte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) mit. Die Organisation verlangte, den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast deutlich zu reduzieren.

Für die Untersuchung hatte der BUND in zwölf Städten frisches, abgepacktes Putenfleisch bei Aldi, Lidl, Real, Netto und Penny gekauft und im Labor untersuchen lassen. Getestet wurde auf sogenannte MRSA-Keime – Bakterien, gegen die viele Antibiotika unwirksam sind. Untersucht wurde auch das Vorhandensein von ESBL-produzierenden Keimen. Das sind Bakterien, die Antibiotikaresistenzen an andere Bakterien weitergeben können. Das Labor wurde 42-mal bei MRSA fündig und 30-mal bei ESBL. Nur sieben der 57 Proben waren unbelastet.

Zum Vergleich testete der BUND auch vier Proben aus Hofschlachtereien, bei denen die Puten alternativ gehalten worden waren. Dabei wurden keine Belastungen nachgewiesen.

Laut BUND können die gefährlichen Keime auf Menschen übertragen werden, wenn etwa das rohe Fleisch mit dem gleichen Messer geschnitten wird wie andere Lebensmittel, die dann roh verzehrt werden. Das durchgegarte Fleisch sei nicht gefährlich.

1.450 Tonnen Antibiotika pro Jahr

Die Leiterin Agrarpolitik beim BUND, Reinhild Benning, nannte die Studienergebnisse "schockierend, aber nicht überraschend". In der deutschen Tierhaltung würden jährlich 1.450 Tonnen Antibiotika für 800 Millionen Euro eingesetzt.

Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger forderte eine repräsentative, flächendeckende Erhebung; dafür müssten Bund und Länder sorgen. Der Handlungsbedarf sei aber bereits klar. Keime, die mit Antibiotika nicht mehr bekämpft werden können, seien "eine der größten Gesundheitsgefahren".

Die Politik müsse klar vorgeben, in welchem Umfang der Einsatz dieser Medikamente in der Tierhaltung reduziert werden soll, sagte Weiger. Die Verwendung sogenannter Reserveantibiotika, die bei Menschen als ein letztes Mittel gegen resistente Keime eingesetzt werden, müsse umgehend verboten werden. Zudem sollten Tierärzte Antibiotika nicht mehr sowohl verordnen als auch verkaufen können.

BUND fordert Halbierung des Antibiotika-Einsatzes

Benning sagte, der Antibiotika-Einsatz in der Tiermast müsse um mindestens die Hälfte sinken. Sie verwies auf Dänemark und die Niederlande: Beide hätten die Antibiotika-Gabe deutlich zurückgedrängt.

Der agrarpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Friedrich Ostendorff, schloss sich der Handlungsaufforderung an. Obwohl der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung seit Langem bekannt sei, fehlten "ernst gemeinte Konsequenzen des Landwirtschaftsministers und der Tierhaltungsindustrie".

Unterdessen kündigte der Deutsche Bauernverband steigende Preise für Schweine- und Geflügelfleisch an. Der Preis werde in den nächsten Monaten um vier Cent je Kilogramm steigen, sagte Verbandspräsident Joachim Rukwied der Neuen Osnabrücker Zeitung. Hintergrund sei die Initiative Tierwohl von Handel und Erzeugern, bei der teilnehmende Bauern für bessere Haltungsbedingungen in ihren Ställen Ausgleichszahlungen vom Einzelhandel erhalten sollen. Der Handel zahlt dabei vier Cent pro verkauftes Kilogramm Fleisch in den Fonds.