Viel Papier gibt es in den Büros von Georg Dettendorfer nicht. Für ihn müssen Daten schnell, mobil und allzeit verfügbar sein. Denn bei dem Spediteur aus Nußdorf am Inn ist ohnehin ständig alles in Bewegung. Täglich schickt er bis zu 500 Lastwagen in Europa auf die Straße. Sein gesamtes Geschäft ist komplett digitalisiert. Aktenschränke oder Unterlagenhaufen sucht man in dem Familienbetrieb vergebens –  die braucht kein Mensch.

Nur der Gesetzgeber – denn seit Januar gilt das Mindestlohngesetz. Und das legt fest, dass Unternehmen akribisch festhalten, wann Mitarbeiter ihren Dienst angefangen und beendet und wie lange sie gearbeitet haben. Dafür findet Dettendorfer, Firmenchef in der achten Generation, klare Worte: "Diese Dokumentationspflicht ist für uns ein Drama", sagt er. "Das regt mich auf wie die Sau."

Seine Urahnen sind schon mit Flößen über den Inn gerudert, seine Urgroßväter haben den Transport mit Automobilen ins Rollen gebracht und er hat die Firma mit viel Technik zukunftsfit gemacht. Aber seit das Gesetz in Kraft ist, verbringt er einen Großteil der Arbeitszeit damit, Stundenzettel auszuwerten und Ämtern hinterherzutelefonieren. Lesen, Lochen, Abheften: Das ist jetzt auch sein Job. Eine Mitarbeiterin hat er eigens dafür abgestellt, um ihm zu helfen. Trotzdem kommen beide kaum noch hinterher. "Bisher müssen wir alles per Hand dokumentieren", regt sich Dettendorfer auf, "Ich komme mir vor wie in der Steinzeit."

Was den Speditionsunternehmer derzeit in den Wahnsinn treibt, kann der Deutsche Gewerkschaftsbund nicht nachvollziehen: "Seit der Erfindung der Stechuhr können Arbeitszeiten in Deutschland aufgezeichnet werden", heißt es in der DGB-Zentrale in Berlin, "das ist die Grundlage jeder Lohnzahlung." Und die DGB-Spitze findet es auch "ganz zentral, dass das dokumentiert wird. Gerade im Minijobbereich gibt es viel Schmu und etliche schwarze Schafe auf Arbeitgeberseite. Es wird mehr gearbeitet als vorgesehen und sehr viel weniger bezahlt, als angemessen wäre." Deshalb feiern die Gewerkschaften die Einführung des Mindestlohns als "einen historischen Fortschritt". Endlich würden nun auch Geringverdiener so bezahlt, dass sie von ihrer Arbeit leben könnten.

Gewerkschaftler verstehen die Klagen nicht

Über den entbrannten Tumult um die Ausgestaltung des Gesetzes, insbesondere die Klagen über die Dokumentationspflichten, schütteln die Gewerkschaften nur den Kopf. Diese treffe nur die Branchen, "die bisher durch verstärkten Missbrauch aufgefallen sind". Zu denen, die jetzt stundengenau die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter erfassen müssen, zählen neben den Speditionen auch der Bau- und Messebau, Hotels und Gaststätten, Schausteller, Personenbeförderer, Forst- und Fleischwirtschaft sowie Gebäudereiniger. Also vor allem Branchen, deren Arbeitskräfte nicht täglich an festen Orten arbeiten oder an Stechuhren vorbeilaufen. Aber warum solle es in Zeiten, in denen jeder mit elektronischen Geräten bestückt ist, ein Problem sein, genau die Arbeitszeiten zu erfassen? "Wir leben im 21. Jahrhundert – und die Arbeitgeber tun so, also ob sie mit Block und Bleistift unterwegs sein müssten", so DGB-Verantwortliche.

Dettendorfer könnte ihnen das erklären: Seine Lastwagen sind auf mehrere Firmenstandorte in Deutschland, Polen und Italien verteilt. Seine 120 deutschen Fahrer, die 55 polnischen und ein paar ungarische touren permanent durch Europa. Für die deutschen Fahrer gilt in Deutschland natürlich der Mindestlohn. Ob das auch für deren Fahrten ins Ausland gilt, konnte ihm bisher noch keiner beantworten. Weder das Arbeitsministerium als Urheber des Gesetzes, noch die drei Rechtsanwälte, die er gefragt hat. "Momentan sagt jeder etwas anderes."

Jeder Grenzübertritt wird notiert

Für die in Polen angestellten und für die in Deutschland eingesetzten ungarischen Fahrer gilt der Mindestlohn auch – jedenfalls so lange sie durch Deutschland fahren. Natürlich zeichnen elektronische Fahrtenschreiber akribisch die Fahrtzeiten auf – und damit den Anfang und das Ende jeder Reise. Nur: Mit dem Arbeitsbeginn und Ende stimmt das meist nicht überein, weil auch Lade- und Wartezeiten sowie die Fahrzeugpflege zur Arbeitszeit gehören. Die müssen also noch gesondert erfasst werden. Und was die Fahrtenschreiber gar nicht aufzeichnen können: Wann hat ein polnischer Fahrer die deutsche Grenze überquert und wie lange ist er durchs Land gefahren? Auch für diese Transitzeit steht ihm der Mindestlohn zu. Bei jedem Grenzübertritt müssen die Fahrer derzeit tatsächlich den Stift zücken und Uhrzeiten notieren. Diese Meldungen schicken sie regelmäßig in die Zentrale.