Hausbriefkasten am Eingang der Agentur für Arbeit in Schwerin, Mecklenburg-Vorpommern © Jens Büttner/dpa

Viele Jahre behielten zahlreiche Politiker den Gedanken an die Vollbeschäftigung für sich. Nun reden plötzlich sehr viele davon: Der Arbeitsmarkt ohne Arbeitslose wird Wirklichkeit, hatte zuletzt Frank-Jürgen Weise angekündigt, Chef der Agentur für Arbeit. Die Bundeskanzlerin erhob die Vollbeschäftigung ebenfalls zum Ziel – und Horst Seehofer hat sie den Bayern längst versprochen. Schließlich wächst die Wirtschaft bundesweit und die Arbeitslosenzahlen sinken stetig. Aber profitiert auch die breite Mitte vom großen Jobwunder?

Es ist noch nicht ausgemacht, wann das Ziel erreicht sein wird. Liegt die Arbeitslosigkeit zwischen zwei und drei Prozent, sprechen Arbeitsmarktforscher jedenfalls von Vollbeschäftigung. Einige Regionen haben die schon erreicht, etwa die bayerischen Städte Ingolstadt oder Freising mit 2,3 und 2,4 Prozent. Baden-Württemberg bringt es derzeit auf 4 Prozent.

Dagegen sind die Quoten im Osten noch hoch, entlang der polnischen Grenze, an der Ostsee und im Harz sind mehr als zehn Prozent der Bevölkerung arbeitslos. Das wird auch so bleiben, prognostiziert das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Einen "harten Kern beträchtlicher Größe bei der Arbeitslosigkeit" werde es weiter geben. Das liegt am "Mismatch": daran, dass in Regionen mit Strukturproblemen kaum neue Stellen entstehen. Und daran, dass eine große Gruppe von Geringqualifizierten kaum noch Anstellungen in der hochtechnisierten Dienstleistungsgesellschaft findet. Jeder fünfte Ungelernte wird wohl ohne Job bleiben. Trotzdem, so heißt es beim IAB, ließe sich die Zahl der Arbeitslosen von derzeit 3 Millionen (6,9 Prozent) noch locker halbieren.

Kommen paradiesische Zeiten? Leider nein

Die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland wächst, seit 1993 kamen fünf Millionen neue hinzu. 42,6 Millionen Erwerbstätige – das ist Rekord. Selbst die Krise 2008 erhöhte die Arbeitslosigkeit kaum. Bald erreichen die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter und kleinere Jahrgänge folgen nach. Dann könnten zwei bis fünf Millionen Stellen unbesetzt bleiben, weil Fachkräfte fehlen, schätzt Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky vom Thinktank 2b Ahead.

Steuern wir auf paradiesische Zeiten zu, in denen sich die breite Mitte bald die schönsten Stellen aussuchen kann? Mitnichten.

Zwar prognostiziert Zukunftsforscher Jánszky ein "neues Machtgefühl der Mitarbeiter", weil Headhunter und Unternehmen künftig um Beschäftigte werben werden. Doch profitieren davon nur die Hochqualifizierten, vor allem Akademiker. Bei denen beträgt bereits jetzt die Arbeitslosenquote 2,5 Prozent. Zumindest Studierte technischer und wirtschaftsnaher Fachrichtungen sind voll beschäftigt, Geisteswissenschaftler eher nicht. Auch die Statistik sagt: Gute Ausbildung schützt nicht vor Jobverlust. Akademiker verlieren im Schnitt genauso häufig ihren Arbeitsplatz wie Ungelernte. Sie finden nur schneller einen neuen – weil sie dafür oft weit wegziehen.

Flexibilität bleibt wichtig

Beweglichkeit wird auch in Zukunft das zentrale Motiv auf dem Arbeitsmarkt bleiben, sagt Jánszky: Es werde 30 bis 40 Prozent weniger Festanstellungen auf Lebenszeit geben. Selbst Hochqualifizierte würden immer häufiger nur auf Projektbasis arbeiten, alle zwei bis drei Jahre für eine andere Firma. Das kann herausfordernd und abwechslungsreich sein. Für die breite Mitte der Beschäftigten wird das bedeuten: Sie haben keinen festen Arbeitsplatz und genießen nicht das Privileg des steten Gehaltsanstiegs mit dem Lebensalter.