Ein Lebensmittelstand auf einem Markt in Ouagadougou © Issouf Sanogo/AFP

"Mach Fotos und werde dafür bezahlt!" Wer so eine Anzeige auf Facebook sieht, der vermutet dahinter wahrscheinlich kein seriöses Unternehmen. Aber 4.000 Menschen in 30 Ländern der Welt bekommen tatsächlich Geld dafür, dass sie mit ihrem Handy in den Lebensmittelladen um die Ecke gehen, Fotos von Waren machen, den Preis notieren und Bilder und Daten ins Netz hochladen. In einigen Entwicklungsländern bestreiten eifrige Sammler sogar ihren Lebensunterhalt damit.

Die Firma, die mit diesen Anzeigen Zuarbeiter anwirbt, heißt Premise und ist ein Start-up im SoMa-Distrikt von San Francisco, dem Hotspot der Branche. Die etwa 30 Mitarbeiter bekommen täglich Tausende von Fotos und Datenpunkten aus aller Welt und erstellen damit ökonomische Charts, die präziser sind als die monatlichen Berichte der Regierungen. Ob Indien, Brasilien, China oder Vietnam – Premise verfolgt die Preise für Brot, Gemüse und Coca-Cola im Tagesrhythmus, genau und ungeschönt. Aber das soll nur der Anfang sein: Mit derselben Technik lassen sich auch soziale Missstände und politische Stimmungen in Echtzeit erfassen. Die Welt wird plötzlich transparent auch in Ländern, von denen wir bisher nur sehr löchrige Informationen besaßen.

"99 Prozent des Handels in der Welt laufen heute noch auf der persönlichen Ebene, in bar", sagt Brian Corey, der zu den ersten Mitarbeitern von Premise gehörte und heute als Manager für das weltweite Geschäft, für das Netzwerk und die Aufbereitung der Daten verantwortlich ist. Während Wirtschaftsdienste wie Bloomberg den Handel an den großen Wirtschaftsplätzen der Welt akribisch und en detail erfassen können, ist die Wirtschaft der Entwicklungsländer immer noch eine große Datenwüste. Es gibt Firmen, die diese Lücke zu stopfen versuchen, indem sie Satellitenaufnahmen auswerten und darauf Algorithmen ansetzen, um herauszufinden, wie die Menschen leben. Die beiden Premise-Gründer David Soloff und Joseph Reisinger hatten vor drei Jahren eine Eingebung, erzählt Corey: Warum bittet man die Leute nicht selber, die notwendigen Mikro-Daten zu liefern?

Fotos vom Kilopreis der Bananen

Wer ein Premise-Zuträger werden will, der lädt sich zunächst eine App auf sein Android-Handy. Dann bekommt er eine Aufgabe, etwa in den nächsten Laden zu gehen, die Bananen im Angebot zu fotografieren, den Kilopreis in ein Formular einzutragen und alles an Premise hochzuladen. Hat er drei- oder viermal gezeigt, dass er diesen einfachen Job zuverlässig erledigen kann, fragt ihn Premise nach seinen Zahlungsinformationen. Das kann ein Bankkonto sein oder PayPal, in manchen Ländern wird das Geld aber auch in Handy-Freiminuten ausgezahlt – insgesamt 13 Bezahlungswege gibt es. "Wenn sie das erste Mal bezahlt werden, das ist der 'Wow!'-Moment", erzählt Corey. Dann merkt der Handybesitzer in einem ländlichen indischen Dorf, dass hinter der Anzeige kein Betrüger steckte. Und er erzählt die Erfolgsgeschichte seinen Freunden und Angehörigen – so beginnt die zweite Stufe der Rekrutierung.

Reich nach westlichen Maßstäben wird man mit den Handyaufnahmen nicht – ein Datenpunkt wird mit einem Betrag zwischen einem Cent und einem Dollar belohnt, je nach Land und Aufwand. Aber fleißige Zuträger, die täglich auf Datenjagd gehen und viele verschiedene Produkte auswerten, können im Monat auf dreistellige Dollarbeträge kommen. In manchen Ländern ist das schon ein gutes Einkommen.

Premise mag diese fleißigen Mitarbeiter. "Uns ist es lieber, wenn einer uns hundert Datenpunkte schickt, als wenn 100 Zuträger je einen Datenpunkt schicken." Das verbessert die Konsistenz und Qualität der Daten – und das Foto ist ein Beleg, dass der Mitarbeiter auch tatsächlich im Laden war und nicht zu Hause seine Daten erzeugt hat.

Die Datenqualität ist Premise inzwischen auch von unabhängigen Institutionen bescheinigt worden. Die Welternährungsorganisation FAO bezeugt, dass sich in den Premise-Daten Trends 25 Tage früher abzeichnen als in offiziellen Berichten.