Wer die Büroräume von Jay Edelsons Firma in Chicago betritt, der könnte meinen, in der Zentrale von Facebook oder Google gelandet zu sein. In einem Eckraum mit bodenhohen Fenstern steht eine Tischtennisplatte, in der Küche gibt es gesundes Gratis-Essen und die Logos sind in knalligem Orange gehalten. Die Angestellten und der Chef tragen nicht Anzug und Bluse, sondern Jeans und Pulli – und natürlich gibt es auch in Los Angeles und San Francisco Büros.

Dabei ist Edelson PC, so der Name der Firma, ziemlich das genaue Gegenteil eines Tech-Unternehmens. Oder anders gesagt: der Feind. Denn Edelson hat sich auf Klagen gegen das Silicon Valley spezialisiert. Amazon, Apple, Google: Mit fast allen großen Namen hat sich der Jurist bereits angelegt. "Wir sind ein Start-up, das zufällig im Rechtsgeschäft ist", formuliert es der Jurist. Wann immer die Technologie einen Sprung nach vorn macht, springt Jay Edelson mit.

Sein jüngstes Opfer ist Facebook. Der Gigant aus Menlo Park ist ins Visier von Edelson geraten, seit er Gesichter auf Fotos automatisch erkennt und den Freunden zuordnet. Der Vorwurf: Das Netzwerk habe ohne die Zustimmung der Nutzer heimlich die größte private Datenbank biometrischer Daten geschaffen – und sich damit zu weit aus dem Fenster gelehnt.

Jay Edelson ist einer der profiliertesten Anwälte für Sammelklagen, bei denen es um die Frage geht, wie viel die Privatsphäre in Zeiten des Internets noch wert ist. Seine ersten Klagen reichte er zum Beginn des Tech-Booms Anfang des Jahrtausends ein. "Die Firmen konnten damals im Grunde tun und lassen, was sie wollten", erzählt Edelson. Sie hätten die Daten als Gut angesehen, das ihnen "unglaubliche Summen" einbringen konnte. Inzwischen hat sich der Spieß umgedreht: Nach eigenen Angaben hat Edelson mehr als eine Milliarde Dollar an Ausgleichszahlungen erkämpft. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Sammelklagen gegen Tech-Unternehmen rasant gestiegen.

Auf der Suche nach neuen Kriegsschauplätzen durchforsten die Mitarbeiter seines Investigativteams, zu denen neben drei Juristen auch ein Computeranalyst gehört, die Tech-Welt nach neuen Erfindungen, Algorithmen und Apps, die mit Jahrzehnte alten Gesetzen kollidieren.

In den USA wird Datenschutz zum Thema

Vor drei Jahren nahm sich Edelson Netflix vor. Der Streamingdienst hatte es zur Firmenpolitik gemacht, Daten der Nutzer zu Vorlieben und Sehverhalten auch dann zu speichern, wenn die ihre Abonnements längst gekündigt hatten. Seine Firma berief sich auf den Video Privacy Protection Act – ein Gesetz aus dem Jahr 1988, das es Videotheken verbietet, Daten ihrer Kunden herauszugeben. Netflix einigte sich mit Edelson, zahlte neun Millionen Dollar und versprach, die Daten künftig innerhalb eines Jahres nach Kündigung zu löschen. Seine Klagen, ist der 42-Jährige sicher, hätten dazu geführt, dass Unternehmen mit den Informationen ihrer Nutzer vorsichtiger umgehen. Und je weiter oben in der Nahrungskette er ansetze, desto größer sei eben die Chance, dass die Änderungen nach unten durchsickern.

Seit Edward Snowden die Aufmerksamkeit im Sommer 2013 auf die massenhafte Sammelwut der Geheimdienste gelenkt hat, ist auch die amerikanische Öffentlichkeit empfänglicher für das Thema. Gesetzgeber drängen auf Regelungen, die den Nutzern stärkere Rechte bei der Kontrolle ihrer Informationen einräumen, Verbraucherschutzorganisationen beklagen offen Datenschutzverletzungen, auch im Wahlkampf versuchen die Kandidaten, mit dem Schutz der Amerikaner im Netz zu punkten. "Bis dahin dachte ich, es würde noch mindestens fünf Jahre dauern, bis die Debatte um die Daten mit der Technologie aufschließt", sagt Edelson über die Zeit vor dem Whistleblower. Snowden habe die Entwicklung beschleunigt. Seitdem entscheiden auch die Richter im Zweifel lieber für als gegen die Privatsphäre.