Im Moment sind es nur Spekulationen – und bislang ist der Lebensmittel-Lieferdienst Amazon Fresh auch nur in den USA aktiv. Aber die großen deutschen Supermarktketten, zum Beispiel Rewe, gehen fest davon aus: Irgendwann wird Amazon ihnen auf ihrem angestammten Markt Konkurrenz machen und den Kunden auch in Deutschland außer Büchern, Elektronik und Klamotten auch Fleisch, Obst und Gemüse nach Hause liefern. Für diesen Moment laufen sich die Supermärkte schon mal warm. 

Was kommt da auf die Kunden zu? ZEIT ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was genau plant Amazon?

Schon heute kann man Lebensmittel auf amazon.de bestellen – aber keine frischen. Mit Amazon Fresh würde sich das schlagartig ändern. In den USA gibt es den Service seit 2007, damals noch auf die Stadt Seattle beschränkt. Seither hat sich Amazon Fresh aber ausgebreitet. Aktuell werden Kunden in Los Angeles, San Francisco, San Diego, New York City, Philadelphia und New Jersey beliefert. Im September könnte Amazon Fresh nach Großbritannien kommen, vermutet das britische Fachmagazin The Grocer.

In Deutschland sucht Amazon einem Bericht des Fachblogs "Exciting Commerce" zufolge Mitarbeiter für den Aufbau lokaler Verteilstationen, die auch für Lebensmittellieferungen wichtig sein könnten. Genaueres über die Pläne des Logistik-Konzerns weiß man aber noch nicht.

Warum wäre der Einstieg von Amazon so heikel?

Anders als zum Beispiel in Großbritannien ist der Onlinehandel mit Lebensmitteln in Deutschland noch nicht weit fortgeschritten. Bislang bestellen nur wenige ihren Wocheneinkauf im Netz, obwohl inzwischen zahlreiche Ketten diese Möglichkeit anbieten. 

Am weitesten ist Rewe, das in etwa 70 Städten Lebensmittel nach Hause liefert. Die Metro-Tochter Real beschränkt sich mit ihrem Lieferangebot derzeit auf Berlin, Köln/Bonn und Hannover. Deutschlandweit per Paket liefern die DHL-Tochter Allyouneed Fresh und myTime.de, der Onlineableger der norddeutschen Bünting-Gruppe. Edeka hält sich bislang noch zurück.

Alle haben das gleiche Problem: Die Margen im Lebensmittelhandel sind in Deutschland durch die starke Konkurrenz der Discounter sehr gering, die mehr als 40 Prozent des Marktes besetzen. Die Kunden erwarten Niedrigpreise – und sie sehen gar nicht ein, im Onlinehandel einen Teil der Lieferkosten zu übernehmen. Zugleich sind die Kosten gerade in diesem Segment aber hoch: Die Bestellungen müssen kommissioniert, verpackt und unter Einhaltung der Kühlkette pünktlich geliefert werden. Das kratzt am Gewinn.

Amazon ist bekannt dafür, kaum Investitionskosten zu scheuen, um in einem neuen Geschäftsfeld Fuß zu fassen, selbst wenn damit auf absehbare Zeit kein Gewinn zu erwirtschaften ist. In den USA hat Amazon für Fresh sogar eine eigene Lieferflotte aufgebaut. Die Supermarktketten könnten auf lange Sicht unter Druck geraten – zumal sie gleichzeitig mit ihren Läden gegen Aldi und Lidl bestehen müssen.

Der Markt ist groß. Ist da nicht genügend Platz für alle?

Vielleicht nicht, wenn Amazon seine Finger im Spiel hat. Die Rewe Group hat die Erfahrung gemacht, welche fatalen Konsequenzen der Onlinehandel auf stationäre Geschäfte haben kann: Das Unternehmen gab seine Elektronikkette Pro Markt vor zwei Jahren auf, weil die Märkte sich nicht mehr gegen die Konkurrenz behaupten konnten. So eine Pleite soll sich im Lebensmittelhandel auf keinen Fall wiederholen. Deshalb investiert Rewe derzeit massiv in seinen Lieferdienst.

Dass Amazon Fresh automatisch zum Hit wird, ist aber genauso wenig ausgemacht. Der Dienst würde in Deutschland voraussichtlich erst einmal zu Testzwecken in Ballungszentren starten. In den USA zahlen Fresh-Kunden außerdem eine Jahresgebühr von 299 Dollar, umgerechnet 270 Euro, um die Lieferungen frei Haus zu bekommen. Das klingt nicht nach einem Modell, das sich derzeit einfach so auf Deutschland übertragen ließe.

Kennt sich Amazon überhaupt mit Lebensmitteln aus?

Was nicht ist, kann ja noch werden. Hersteller von Markenartikeln würden Amazon als neuen Partner sicher begrüßen. Amazon würde ihnen einen weiteren relevanten Absatzkanal für ihre Produkte eröffnen – dadurch wären sie weniger abhängig von den großen Supermarktketten, die häufig schon dafür Gebühren verlangen, dass sie Markenprodukte überhaupt ins Sortiment aufnehmen. Gleichzeitig schrumpft der Platz im Supermarkt-Regal, weil die Ketten immer mehr Eigenmarken etablieren, an denen sie mehr verdienen können.