Laufkundschaft hat das Botto Bistro nicht. Das kleine italienische Restaurant liegt in einem ziemlich hässlichen Einkaufscenter von Richmond, einer der weniger schönen Städte in der Bucht von San Francisco. Ringsum Lagerhallen, Parkplätze, Industriegebäude. Würden Davide Cerretini und Michele Massimo, die Besitzer des Botto Bistros, nicht einen ordentlichen Teil ihres Umsatzes in Werbung investieren, hier ließe sich vermutlich kaum jemand blicken. Dass der Laden trotz der ungünstigen Lage brummt, verdanken die beiden vor allem der Bewertungsplattform Yelp – allerdings auf verquere Weise. Denn seit einem Jahr liefert sich das Botto Bistro eine PR-Schlacht mit Yelp, die es bis in die wichtigsten Nachrichtenmedien der USA geschafft hat.

Den Anfang der Geschichte erzählt Cerretini so: 2013 hatte er für ein halbes Jahr Werbung auf Yelp geschaltet, für 500 Dollar pro Monat. Er hatte aber nicht den Eindruck, dass dadurch mehr Gäste in sein Restaurant kamen. Den Vertrag mit Yelp hat er deshalb nicht verlängert. Daraufhin habe der zuständige Anzeigenverkäufer von Yelp ihn über Monate hinweg immer wieder angerufen und bedrängt, doch weiter Werbung zu schalten.

Im April 2014 hatte Cerretini schließlich die Nase voll und erklärte dem Verkäufer unmissverständlich, er solle ihn endlich in Ruhe lassen. "Drei Stunden später waren mehrere Fünf-Sterne-Bewertungen auf unserem Yelp-Profil verschwunden. Dafür standen dort neue Ein-Stern-Bewertungen." Für Cerretini, seit 25 Jahren im Gastronomiegeschäft, stand außer Frage, dass Yelp seine Bewertungen manipuliert hatte. Er ging in die Offensive: Seine Gäste bittet er seither um schlechte Bewertungen auf Yelp. Als Gegenleistung für jede Ein-Stern-Bewertung gibt es die nächste Pizza für die Hälfte. Auf Tafeln in seinem Restaurant, auf Facebook und auf seiner Webseite bewirbt er die Aktion.

Cerretinis Gäste spielen mit. Auf dem Yelp-Profil hinterlassen sie Kommentare wie "Botto Bistro hat meine Ehe ruiniert. Das Essen ist so gut, dass es mir zu Hause nicht mehr schmeckt." oder "Der Koch lernt Italienisch mit seinem Smartphone. Poser." Richtig ein schlug die Aktion allerdings erst, als im August 2014 der Restaurantkritiker einer Lokalzeitung darüber berichtete – zusammen mit einer guten Bewertung des Essens. "Eine halbe Stunde später rief der San Francisco Chronicle an und schrieb darüber", sagt Cerretini, "noch mal zwei Stunden später wollte Time Magazine Online mit mir reden. Und dann hatte ich den Laden wochenlang voll mit Journalisten." Seitdem ist der Bistrochef eine lokale Berühmtheit. Noch immer kommen Leute, die nicht nur bei ihm essen, sondern auch seine Hand schütteln wollen. Auch geschäftlich war die Aktion ein voller Erfolg: Laut Cerretini hat das Botto Bistro heute 50 Prozent mehr Gäste als noch vor einem Jahr. "So sehr ich Yelp hasse", sagt er, "ich verdanke ihnen, wo wir heute stehen."

Cerretini ist nicht der Einzige, der schwere Vorwürfe gegen die Geschäftspraktiken von Yelp erhebt. Den größten Teil seiner Einnahmen erwirtschaftet das Unternehmen durch Werbeanzeigen auf der eigenen Seite – und dieser Markt ist hart umkämpft. Immer wieder muss Yelp sich gegen die Anschuldigung wehren, seine Anzeigenverkäufer würden zu unlauteren Mitteln greifen. Bereits 2010, zwei Jahre vor dem groß gefeierten Börsengang des Internetunternehmens, klagte etwa eine Tierklinik aus Long Beach gegen Yelp, weil ein Anzeigenverkäufer den Betreibern angeboten haben soll, schlechte Bewertungen verschwinden zu lassen, wenn die Klinik Werbeanzeigen schalte. Weitere Unternehmen schlossen sich der Klage an, die aber abgewiesen wurde. Ein US-Bundesgericht hat das Urteil im vergangenen Jahr bestätigt. Sinngemäß hieß es in der Begründung, Yelp kämpfe im Anzeigenverkauf zwar mit harten Bandagen, verstoße aber nicht gegen geltendes Recht.

Ruhe ist durch das Urteil nicht eingekehrt, im Gegenteil. Vor einigen Monaten hat die Dokumentarfilmerin Kailey Milliken aus San Francisco das Thema aufgegriffen. In ihrem Film Million Dollar Bully versammelt sie die Stimmen von Geschäfts- und Lokalbetreibern, die nach eigenen Angaben wie Cerretini von Yelp-Mitarbeitern bedrängt und erpresst wurden. Der Trailer wurde bereits im März veröffentlicht, Ende des Jahres soll der Film fertig sein.