Amazon-Chef Jeff Bezos © David Ryder/Getty Images

Ein Unternehmen ohne Mitgefühl für die Angestellten. Arbeiten bis zur Selbstaufgabe. Kontrolle durch Kollegen. So haben Reporter der New York Times die Arbeit bei Amazon in den USA in einem großen Dossier beschrieben. Vorstandschef und Gründer Jeff Bezos will das nicht hinnehmen und wehrt sich. "Der Artikel beschreibt nicht das Amazon, das ich kenne", schrieb Bezos in einer E-Mail an die Mitarbeiter. 

Der Bericht stelle einzelne Geschichten über "schockierend gefühllose Managementpraktiken" in den Vordergrund, schrieb Bezos. "Ich bin überzeugt, dass jeder, der bei einem Unternehmen arbeitet, wie es in der New York Times beschrieben wurde, verrückt wäre, zu bleiben. Ich weiß, dass ich so ein Unternehmen verlassen würde." 

Die Reporter der New York Times hatten nach eigenen Angaben mit mehr als 100 früheren und aktuellen Amazon-Mitarbeitern gesprochen. Sie berichten unter anderem von Fällen, in denen Menschen nach Familientragödien oder Gesundheitsproblemen ohne Mitgefühl behandelt worden seien. So sei eine Mitarbeiterin am nächsten Tag nach einer Fehlgeburt auf eine Dienstreise geschickt worden, und krebskranke Beschäftigte hätten schlechte Arbeitsbewertungen erhalten. Auch insgesamt sei das Betriebsklima schroff: "Ich habe fast jeden, mit dem ich arbeitete, am Schreibtisch weinen gesehen", sagte ein frühere Mitarbeiter aus dem Buch-Marketing der Zeitung.

"Die Toleranz muss gleich null sein"

Bezos rief seine Mitarbeiter in dem Brief dazu auf, sich an die Personalabteilung oder direkt an ihn zu wenden, wenn ihnen herzloses Vorgehen von Managern bekannt ist. "Selbst wenn es seltene oder Einzelfälle sind, unsere Toleranz für einen solchen Mangel an Mitgefühl muss gleich null sein."  

Die Mail endet mit den Worten: "Hoffentlich erkennen Sie das beschriebene Unternehmen nicht wieder. Hoffentlich haben Sie Spaß daran, mit einem Haufen brillanter Mitarbeiter zu arbeiten, die die Zukunft prägen wollen und dabei Spaß haben."

Kritik auch an Amazon Deutschland

Der New York Times-Artikel beschreibt aber auch, dass viele Mitarbeiter die Arbeitsbedingungen als kreativ und motivierend sehen. Einige erzählen, sie würden über ihre Grenzen gehen und Dinge erreichen, von denen sie nicht dachten, sie erreichen zu können. Ein Mitarbeiter wird mit den Worten zitiert, Amazon sei der großartigste Ort, den man hassen kann. 

In Deutschland geriet Amazon vor einigen Jahren in die Kritik, nachdem in einem TV-Bericht von schlechten Lebensbedingungen für saisonale Beschäftigte für Logistikzentren die Rede war. Die Gewerkschaft ver.di versucht auch, mit Streiks einen Tarifvertrag auf dem Niveau des Einzel- und Versandhandels durchzusetzen. Das Unternehmen sieht sich dagegen als Logistiker und verweist auf eine Bezahlung am oberen Ende des Branchenüblichen.