Mit Matthias Müller an der Spitze will Volkswagen einen Neustart machen. Der bisherige Porsche-Chef übernimmt das Amt von Martin Winterkorn, der am Mittwoch angesichts der Affäre um Abgasmanipulationen seinen Rücktritt erklärt hatte. Die Entscheidung wurde auf der Aufsichtsratssitzung des Konzerns getroffen. Müllers Nachfolger bei Porsche wird offenbar Produktionsvorstand Oliver Blume. Über die Personalie soll aus formalen Gründen aber erst in der kommenden Woche entschieden werden.

"Müller kennt den Konzern und wird die Aufgabe mit ganzer Kraft angehen", sagte Aufsichtsratschef Berthold Huber. Den Abgas-Skandal nannte er ein moralisches Desaster. Volkswagen werde alles tun, um das verlorengegangene Vertrauen Schritt für Schritt zurückzugewinnen. Betriebsratschef Osterloh forderte einen Neuanfang und einen Kulturwandel. Aufsichtsrat Wolfgang Porschen sagte, die Familien Porsche und Piëch stünden "voll und ganz" zu Volkswagen.

"Wir können und werden diese Krise bewältigen", sagte Müller. Er übernehme die Aufgabe in Zeiten, in denen VW vor nicht gekannten Herausforderungen stehe, sei aber zuversichtlich. "Wir werden im Konzern noch strengere Regeln einführen. So ein Skandal darf sich nie wiederholen", sagte Huber. Erste Mitarbeiter seien bereits beurlaubt worden. 

Müller ist seit fast vier Jahrzehnten im Konzern. Seit 2010 führt der 62-Jährige den Sportwagenhersteller Porsche. Die Personalie war bereits gestern bekannt geworden.

Michael Horn bleibt US-Chef

Neben der Vorstandsposition wurden im Aufsichtsrat weitere Personalentscheidungen getroffen. VW-Vertriebschef Christian Klingler verlässt den Konzern "aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über die Geschäftsstrategie". Der Chef des US-Geschäfts, Michael Horn, behält seine Position.  

Zugleich wird das Nordamerika-Geschäft von VW neu geordnet: Die Märkte USA, Mexiko und Kanada werden in der neu geschaffenen Region Nordamerika zusammengefasst. Die Leitung übernimmt der bisherige Škoda-Chef Winfried Vahland. Ihm folgt Bernhard Maier, der bislang Vorstand für Vertrieb und Marketing bei Porsche war.

Der Schritt ist Teil einer neuen Unternehmensstruktur, bei der die zwölf Marken des Konzerns in vier Gruppen unterteilt werden. Dabei sollen die einzelnen Marken stärker vom Konzernvorstand koordiniert werden und mehr Verantwortung für die Regionen erhalten.

Die Hauptmarke VW sowie die beiden Schwesterunternehmen Seat und Škoda sollen jeweils durch ein Vorstandsmitglied in der obersten Konzernführung vertreten werden. Bei VW ist dies der frühere BMW-Manager Herbert Diess. Für die Sportwagen wird eine Gruppe mit Porsche, Bentley und Bugatti gebildet, die vom neu gekürten Konzernchef Matthias Müller geleitet wird. Die von Rupert Stadler geführte Gruppe aus Audi, dem Luxussportwagen Lamborghini und dem italienischen Motorradhersteller Ducati bleibt unverändert. Der Holding für die Lkw-Töchter MAN und Scania steht weiter der von Daimler zu Volkswagen gewechselte Andreas Renschler vor.

Müllers Aufgabe ist gewaltig

Schon Stunden vor Beginn der Sitzung des VW-Aufsichtsrates war am frühen Morgen das Präsidium des Kontrollgremiums in Wolfsburg zusammengekommen. An der Vorbesprechung nahmen der Interimsvorsitzende des Präsidiums, Berthold Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), Großaktionärsvertreter Wolfgang Porsche sowie Betriebsratschef Bernd Osterloh und dessen Stellvertreter Stephan Wolf teil.

Müller muss den Weltkonzern aus der tiefen Vertrauenskrise führen, in die der Abgas-Skandal den größten europäischen Autobauer gestürzt hat. Osterloh forderte ein grundlegendes Umdenken. "Wir brauchen für die Zukunft ein Klima, in dem Probleme nicht versteckt, sondern offen an Vorgesetzte kommuniziert werden. Wir brauchen eine Kultur, in der man mit seinem Vorgesetzten um den besten Weg streiten kann und darf", betonte er in einem Schreiben an die Mitarbeiter. Als VW-Chef komme nur "eine Persönlichkeit mit großem technischen und unternehmerischen Sachverstand und gleichzeitig großer sozialer Kompetenz" infrage.

Die Folgen der Manipulationen haben außer Winterkorn bereits weitere Spitzenmanager den Job gekostet. Bei den Töchtern Porsche und Audi müssen der für Forschung zuständige Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz und Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg gehen.