Niedersachsens Wirtschaftsminister und VW-Aufsichtsrat Olaf Lies (SPD) hat den Verantwortlichen für die Abgas-Manipulationen des Volkswagen-Konzerns ein kriminelles Vorgehen vorgeworfen. Diejenigen, die den Einsatz der Manipulationssoftware beschlossen hätten, hätten kriminell gehandelt und müssten dafür persönlich Verantwortung übernehmen, sagte Lies dem britischen Rundfunk BBC. Millionen Menschen hätten das Vertrauen in VW verloren, der Schaden sei gewaltig.

Viele Verantwortliche würden nun mit Sicherheit auf Schadenersatz verklagt, sagte das Aufsichtsratsmitglied weiter. Der Rückruf zur Beseitigung der Software müsse sehr schnell erfolgen. Nach Lies' Angaben hat der Aufsichtsrat des Konzerns erst kurz vor dem Bekanntwerden des Skandals vor knapp zwei Wochen selbst Kenntnis von den massiven Manipulationen erhalten. Nun müsse auch geklärt werden, warum das Kontrollgremium nicht früher informiert worden sei, sagte Lies der BBC.

VW hatte zuvor einen ersten Plan vorgelegt, um die Probleme in den Millionen betroffenen Fahrzeugen zu beheben. Das in Deutschland zuständige Kraftfahrtbundesamt setzte dem Konzern hierfür eine Frist bis zum 7. Oktober. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat bereits Strafermittlungen gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn eingeleitet. 

Mögliche Ermittlungen gegen Audi

Einem Medienbericht zufolge prüft die Staatsanwaltschaft Ingolstadt unterdessen, ob sie Ermittlungen gegen Verantwortliche bei der VW-Tochter Audi einleiten wird. "Wir haben ein Prüfverfahren in Bezug auf die Firma Audi eingeleitet. Wir prüfen derzeit alle Fakten, um entscheiden zu können, ob ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden muss", sagte Oberstaatsanwalt Wolfram Herrle den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Die Staatsanwaltschaft Ingolstadt sei gleich nach Bekanntwerden des VW-Skandals aktiv geworden und stehe bereits in engem Austausch mit der Staatsanwaltschaft in Braunschweig, sagte Herrle. Eventuell würden die Verfahren auch bei einer Staatsanwaltschaft gebündelt. Ingolstadt ist der Stammsitz der Audi AG.

Skandal weitet sich aus

Der Skandal weitet sich unterdessen immer mehr aus. In Großbritannien sind knapp 1,2 Millionen Autos der Volkswagen-Gruppe betroffen. Die britische Konzerntochter teilte mit, darunter seien mehr als 500.000 Wagen der Marke VW, knapp 400.000 Audi, rund 77.000 Seat, 132.000 Škoda sowie knapp 80.000 leichte Nutzfahrzeuge. Volkswagen werde einen Maßnahmenplan verkünden, um die Abgas-Charakteristika einiger Diesel-Fahrzeuge zu korrigieren, erklärte die britische Konzerntochter. Betroffene Kunden würden in den kommenden Wochen und Monaten auf dem Laufenden gehalten.

Auch in  Frankreich sind einem Bericht des Senders TF1 zufolge möglicherweise mehr als 900.000 Autos betroffen. Darunter seien VW-, Audi- und Škoda-Modelle. In Belgien sind es nach Angaben eines Autoimporteurs knapp 400.000 Dieselfahrzeuge. VW weitet zudem seine interne Überprüfung auf Brasilien aus. Dabei gehe es um den Kleinlaster Amarok, sagte ein VW-Manager. Grundsätzlich komme die umstrittene Technik in Brasilien nicht zum Einsatz. "Aber wir müssen das trotzdem bestätigen."

In Spanien zahlt VW Subventionen zurück. Dazu habe sich der Konzern bereit erklärt, teilte das Industrieministerium des Landes mit. Spanien hatte Verbraucher beim Kauf eines schadstoffarmen Autos mit 1.000 Euro je Fahrzeug unterstützt.

Ratingagentur: Skandal verändert ganze Branche

Die Ratingagentur Fitch äußerte unterdessen, der Abgas-Skandal bei Volkswagen werde die gesamte Autobranche verändern. Unter anderem dürften die Kontrollen strenger werden und damit die Kosten für Forschung und Entwicklung steigen. Weil Dieselfahrzeuge durch den Fall in einem schlechten Licht dastünden, könnten Wagen mit alternativen Antrieben künftig stärker gefragt sein. Es könne aber auch wieder eine Verlagerung hin zu Benzinern geben. Eine Abkehr von Dieselfahrzeugen würde sich auf europäische Hersteller stärker auswirken als auf ihre amerikanischen oder asiatischen Rivalen, so Fitch.

Am 28. September hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig die Ermittlungen gegen Martin Winterkorn, den zurückgetretenen VW-Vorstandschef, aufgenommen. Es soll geklärt werden, wie viel Verantwortung Winterkorn für die Abgas-Affäre trägt.