ZEIT ONLINE: Das erste Gutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen erschien im September 1973 und trug den Titel Auto und Umwelt. Heute, fast genau 42 Jahre später, machen die von Autos verursachten Umweltprobleme noch immer Schlagzeilen. Wie konnte es so weit kommen?

Martin Faulstich: Autofahren ist eben immer attraktiver geworden – mit dem Effekt, dass dadurch die Umwelt und die menschliche Gesundheit immer noch gefährdet werden. Das einzelne Auto ist zwar heute in der Regel sparsamer und sauberer als vor 40 Jahren; aber alle Autos zusammen legen deutlich mehr Kilometer zurück als früher.

ZEIT ONLINE: Der technische Fortschritt war zu langsam, um die Umwelteffekte der zusätzlich gefahrenen Kilometer quasi unschädlich zu machen?

Faulstich: Die PS-Zahl der Fahrzeuge ist gestiegen, ebenso wie ihr Gewicht – und das hat im Grunde alle Effizienzfortschritte wieder aufgezehrt.

ZEIT ONLINE: Gilt das auch für die Stickoxidemissionen, die jetzt ins Visier geraten sind?

Faulstich: In der Summe sind die Fahrzeuge jedenfalls nicht sauber genug geworden. Sonst würden nicht in vielen deutschen Städten Überschreitungen der Stickoxid-Grenzwerte in der Atemluft gemessen.

ZEIT ONLINE: Offenbar tragen manche VW-Modelle dazu in besonderer Weise bei. Was ist aus Ihrer Sicht schlimmer: Die von VW eingestandene Manipulation der Software, also der Betrug am Kunden und an der Umwelt, oder der Umstand, dass die auf der Straße gemessenen Abgaswerte der Fahrzeuge von sehr viel mehr Herstellern deutlich über den auf dem Prüfstand gemessenen Werten liegen, ohne dass ihnen bisher Betrug nachgewiesen werden konnte?

Faulstich: Die Manipulation stört mich deutlich mehr; das ist schlicht eine kriminelle Handlung. Unabhängig davon ist es sinnvoll, neue, realitätsnähere Tests auf den Weg zu bringen. Nur dann erhält der Kunde vernünftige Informationen über den Kraftstoffverbrauch und den Schadstoffausstoß.

ZEIT ONLINE: Im Fokus des Skandals stehen bisher nur VW und Dieselautos. Erwarten Sie, dass demnächst noch andere Firmen in Nöte geraten, womöglich sogar wegen der Emissionen von Benzinfahrzeugen?

Faulstich: Es würde mich jedenfalls wundern, wenn es nicht so wäre – allein schon wegen der engen Kooperation der Automobilfirmen untereinander und mit den einschlägigen Instituten. Man hat ein Unternehmen zuerst entdeckt und das steht nun am Pranger – mit dem Effekt, dass inzwischen lebhaft darüber gestritten wird, ob es besser ist, Benzin oder Diesel zu fahren oder ein Fahrzeug dieser oder jener Marke. Mich ärgert das, weil es von der eigentlich zentralen Herausforderung ablenkt, und die heißt: Wie soll in Zukunft Mobilität organisiert und bewirtschaftet werden?