Das Kernkraftwerk Grohnde in Niedersachsen © Julian Stratenschulte/dpa

Es ist kein politisches Gutachten und doch ist es hochpolitisch. Die großen deutschen Energieversorger können den Ausstieg aus der Kernenergie bezahlen, lautet das Ergebnis eines Stresstests, den Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel in Auftrag gegeben hatte und der jetzt vorliegt. Der Minister hatte wissen wollen, ob RWE und Co. auch künftig noch für die Beseitigung des Atommüll werden aufkommen können. In den vergangenen Monaten waren die Zweifel daran gewachsen.

Zwar haben die Energiekonzerne in den vergangenen Jahren insgesamt 38,3 Milliarden Euro zurücklegen müssen, um damit in Zukunft den Abriss der Kernkraftwerke und die Endlagerung des Atommülls zu bezahlen. Doch inzwischen stellt eine Reihe von Studien infrage, dass sie diese Summen auch wirklich aufbringen können. Schließlich liegt das Geld nicht auf einem Konto, sondern es steckt in den Unternehmen, ist investiert in Kraftwerke, Kohlegruben oder Beteiligungen im Ausland. Mit denen aber lässt sich immer schlechter Geld verdienen, und so sinkt der Wert der einst so gewinnträchtigen Energiekonzerne.

In so einer Situation mag kein Minister die wirtschaftliche Kraft der Konzerne schlecht reden – er würde damit ja nicht nur deren Kurs schaden, sondern möglicherweise auch der eigenen Kasse. Denn jede AKW-Verschrottung, die der Eigentümer nicht mehr selbst finanzieren kann, wird am Ende die Bundesregierung und damit der Steuerzahler finanzieren müssen.

Der Stresstest soll dem Ministerium und den Unternehmen erst einmal helfen – im Kampf gegen die schlechten Nachrichten und den Werteverfall. Ob das allerdings gelingen wird, ist fraglich. Denn die Wirtschaftsprüfer spielen verschiedene Szenarien durch, die einen höchst unterschiedlichen Finanzbedarf ergeben. Je nach Entwicklung beispielsweise der Zinsen oder des Ertrags der Kapitalanlagen werden im besten Fall nur 29 Milliarden Euro an Rückstellungen gebraucht, im schlechtesten hingegen 77 Milliarden – und damit deutlich mehr als das angesparte Geld. "Das Szenario mit den hohen Rückstellungswerten halten wir für unwahrscheinlich", argumentiert Gabriel, denn dabei würden "langfristig höhere wirtschaftliche Verluste unterstellt". Doch ist das wirklich so unwahrscheinlich?

Erneuerbare Energien als starke Konkurrenz

Für die alte Energiewirtschaft ist derzeit eines offensichtlich: Sehr rosig sind ihre Perspektiven nicht. Damit sind langfristig auch höhere wirtschaftliche Verluste nicht ausgeschlossen. Der Boom und Preisverfall bei den erneuerbaren Energiequellen setzt ihr Geschäftsmodell unter massiven Druck, während die Energiegewinnung durch Gas und Braunkohle zunehmend weniger lukrativ wird. Damit sinkt automatisch der Wert der Unternehmen und ihrer Anlagen – also der Kohlegruben und Kraftwerke, mit denen eigentlich das Geld für den Ausstieg aus der Kernenergie eingenommen werden soll.

Den Energiekonzernen, so könnte man sagen, geht es so wie einst dem Computerhersteller IBM nach der Erfindung der PCs. Und es ist noch nicht absehbar, ob sie sich in der veränderten Energiewelt noch einmal neu erfinden können – oder ob sie langsam aber sicher klein geschrumpft werden.

Wie aber sichert man im letzteren Fall rechtzeitig die Milliarden Euros an Rückstellungen, damit die Konzerne den Atomausstieg bezahlen? Nimmt man den Unternehmen das Geld weg, treibt man sie im schlimmsten Fall in die Pleite. Lässt man es dort, ist es vielleicht irgendwann nicht mehr da.

Der Stresstest ist kein politisches Gutachten, sondern eine Wahrscheinlichkeitsrechnung von Wirtschaftsprüfern. Aber es wird politisch genutzt werden – spätestens wenn die Bundesregierung die entscheidende Frage irgendwann wirklich beantworten will: Wie sichert sie die Rücklagen?

Erst einmal wird die Bundesregierung in den kommenden Tagen allerdings eine Kommission "zur Überprüfung der Finanzierung des Kernenergieausstieges" einsetzen. Die soll dann prüfen, wie das Problem gelöst werden könnte – das doch laut Stresstest eigentlich gar nicht da ist.