Morgens kurz vor neun in Wolfsburg-Fallersleben. Am Bahnhof steht die Zukunft Volkswagens in der Herbstkälte, wartet auf den Bus und versprüht Sorglosigkeit: junge Ingenieure auf dem Weg zur Arbeit. Ein paar unterhalten sich über die Konstruktion von Fahrstühlen für Hochhäuser. Es geht um reiche Golfstaaten, in deren enorm hohe Wolkenkratzer Aufzüge sehr schwer einzubauen seien. "Allein der Druckausgleich! Und stell Dir vor, da reißt mal ein Kabel!"

Wie man Dieselmotoren so konstruiert, dass sie die Abgasvorschriften auf legalem Weg einhalten, ist im Moment eher nicht so ihr Thema. "Klar, die Kollegen aus der Motorenentwicklung, im Vertrieb und im Marketing, die rotieren jetzt", sagt auf Nachfrage einer, Anfang 30, mit modischem Vollbart. Er forscht an Karten für autonom fahrende Autos. "Hier macht sich eigentlich niemand Sorgen."

Alles ganz entspannt in Wolfsburg? Von wegen. Seit Volkswagen vor zwei Wochen zugab, Dieselautos in den USA so manipuliert zu haben, dass sie nur scheinbar die gesetzlichen Abgasgrenzwerte erfüllten, herrscht Krisenstimmung auch in der Stadt, in der das weltumspannende Unternehmen seinen Ursprung nahm. Fast jeder Einwohner arbeitet für den Autokonzern, ob direkt oder indirekt. Viele haben ihre Altersvorsorge in VW-Aktien angelegt. Falls dieser Skandal die Existenz von Volkswagen gefährdet, was nicht ausgeschlossen ist, könnten auch ihre Häuser wertlos werden. Ihre ganze wirtschaftliche Existenz hängt an dem Unternehmen. 

Ohne VW gäbe es Wolfsburg nicht

Ebenso wie die Existenz der Stadt. Weil er mit deutlich geringeren Einnahmen bei der Gewerbesteuer rechnet, verhängte Oberbürgermeister Klaus Mohrs Anfang der Woche eine Haushaltssperre und einen Einstellungsstopp. 

Nur wenige Kommunen in Deutschland sind so eng mit einem Unternehmen verbandelt wie Wolfsburg mit VW. Der Ort wurde 1938 von den Nazis eigens für das spätere VW-Werk geschaffen. Später wuchs Wolfsburg mit dem Konzern. Heute tut die Stadt viel, um als eine Art zweites wirtschaftliches Standbein Touristen anzulocken. Es gibt ein Kunst- und ein Wissenschaftsmuseum, ein Designer-Outlet, ein Tanzfestival und die Autostadt, die jährlich von 2,2 Millionen Menschen besucht wird. Doch hinter allem steckt Geld von Volkswagen.

Mini-Beetles in der Autostadt © Alexandra Endres

Rund 70 Prozent des Haushalts von Wolfsburg hänge an den Gewerbesteuereinnahmen, sagt Gerhard Lippert vom Bund der Steuerzahler in Niedersachsen. Das ist weit mehr als der Landesdurchschnitt, der bei etwa 40 Prozent liegt. Offiziell ist nicht zu erfahren, wie viel VW zahlt. Doch eigentlich ist die Rechnung ganz einfach: Außer dem Konzern, seinen Zulieferern und Dienstleistern, die an ihm hängen, gibt es nicht viel mehr in Wolfsburg.

Und bislang ist die Stadt damit gut gefahren. Pro Einwohner nahm sie im vergangenen Jahr mehr als 2.000 Euro an Steuern ein, etwa doppelt so viel wie eine durchschnittliche niedersächsische Kommune. Dafür investierte sie wie die Großen: Kindergärten, Schulen, Fußballplätze, Straßen; in Wolfsburg ist alles gut in Schuss. Schulden hat die Stadt keine, sondern im Gegenteil Geld auf der hohen Kante.

Gute Voraussetzungen, ein paar dürre Jahre zu überstehen, sollte man meinen. Dennoch will kaum jemand Offizielles öffentlich darüber reden, was die Haushaltssperre für die Stadt bedeuten könnte. Unter der Hand sagen viele, dass die Bürger besorgt und verunsichert seien. Schließlich wisse niemand so richtig, wie viel Geld Volkswagen in den USA werde zahlen müssen und wie die Kunden reagieren.

Glaubt man denen, die sich dann doch äußern, interessieren sich die Kunden in Deutschland bisher nicht groß für die Manipulationen. In der Wolfsburger Autostadt zum Beispiel, einer hundertprozentigen Tochter des Konzerns, wo jährlich fast 170.000 VW-Fahrer persönlich ihren neuen Wagen abholen. Kaum einer frage nach dem Abgasskandal, sagen die Angestellten. In den USA hingegen stagniert der Absatz von Volkswagen, während die Verkaufszahlen der Konkurrenz wachsen.

Der Oberbürgermeister will zeigen: "Es wird in dieser Stadt weitergehen"

Doch in der Wolfsburger Autostadt scheint die Krise weit weg. Die Anlage ist ein privates Gelände direkt am Mittellandkanal, ihre Gebäude sind neu und gepflegt, die Rasen frisch gemäht, die Lagunen ruhen still, und über allem strahlt die Sonne. Ein paar Besucher schlendern zwischen den Grünflächen umher, Kinder tollen über eine Kletterskulptur. In den Pavillons, wo man sich über alle großen Automarken informieren kann, werden die Gäste freundlichst begrüßt. Das Leitthema der Volkswagen-Schau hier ist ausgerechnet umweltfreundliche Energie. Ein junger Mann erzeugt auf einer Schaukel Strom für einen Schnappschuss und lässt sich das digitale Foto dann per E-Mail zuschicken. Draußen ragen über allem die beiden Türme, in denen fabrikneue Volkswagen auf ihre neuen Besitzer warten. Eine Idylle.

Oberbürgermeister Mohrs will eigentlich auch nicht über die VW-Krise und die Finanzlage seiner Stadt sprechen. Er steht in der Wolfsburger Auto-Uni auf einer Bühne und macht ein bekümmertes Gesicht. Mohrs ist gekommen, um die Teilnehmer eines Kongresses über Kinderarmut zu begrüßen, trotz des ganzen Stresses, den Volkswagen ihm gerade bereitet. Für den Pädagogen ist die Lage der Kinder ein Herzensthema.

Wolfsburgs Oberbürgermeister Klaus Mohrs © Alexandra Endres

Später äußert sich Mohrs gegenüber ZEIT ONLINE dann doch zur Frage, was der Abgasskandal für seine Stadt bedeutet. Etwa 60 bis 80 Prozent seiner Zeit sei er derzeit damit beschäftigt. "Die Stadt Wolfsburg und der Konzern sind besonders eng miteinander verbunden. Spätestens mit der Gewinnwarnung war für uns deshalb klar, dass sich die wirtschaftliche Lage der Stadt verändert, und dass wir uns darauf einstellen müssen."

Im Moment bedeutet das, dass Wolfsburg manche Investitionen in die Zukunft verschiebt. Den Wohnungsbau, Schulen und Kindergärten will Mohrs zwar nicht vernachlässigen. "Die Details sind aber noch alle im Fluss." Zumal noch nicht absehbar ist, wie groß der wirtschaftliche Schaden tatsächlich sein wird. Manche Experten erwarten etwa, die Stadt werde möglicherweise bereits von Volkswagen vorab gezahlte Gewerbesteuer zurückerstatten müssen. Mohrs erklärt dazu, das sei im Moment noch nicht absehbar. 

Arbeiter bieten ihre Boni an

Sorgenvoll sei die Stimmung, aber auch konzentriert, sagt der Oberbürgermeister. "Es ist nicht das erste Mal, dass Wolfsburg und Volkswagen in einer Krise stecken. Wir haben gelernt: Wenn wir die Probleme gemeinsam angehen, sind die Chancen sehr viel größer, eine Lösung zu finden. Und diese Stimmung finde ich – bei aller Sorge – auch ausgeprägt in der Bevölkerung." Er jedenfalls tue alles um den Bürgern zu vermitteln: "Es wird in dieser Stadt weitergehen."

Glauben ihm die Wolfsburger das? Wer in der Fußgängerzone Wolfsburgs Passanten anspricht, trifft fast nur auf VW-Arbeiter. Sie sagen: Wir halten zu unserem Unternehmen, egal, was passiert. Auf Facebook hat sich eine Gruppe gleichen Namens gebildet. VW-Werker bieten an, ihre Boni zum Wohl des Konzerns zu opfern. Volkswagen als Ganzes sei ja kein kriminelles Unternehmen, sagt einer, die Arbeiter leisteten ehrliche Arbeit. Die Leute scheinen entschlossen, die Krise gemeinsam zu wuppen.    

Ob das klappen wird? Olaf Niehus ist sich da nicht so sicher. Der 45jährige Maschinenbauingenieur sitzt für die Grünen im Rat der Stadt, wo er sich im Finanzausschuss engagiert. Bei Volkswagen bildet er Industriemechaniker und Mechatroniker aus. Auch seine Frau arbeitet für den Konzern.

"Wenn es Volkswagen schlecht geht, dann geht's uns allen schlecht"

"Ich weiß nicht, ob der Oberbürgermeister wirklich so gelassen ist", sagt Niehus. "Mit den Rücklagen können wir noch zwei, drei Jahre lang gut zurechtkommen. Selbst wenn wir Investitionen verschieben, hätten die Kindergärten, Straßen, Fußballplätze und anderen öffentlichen Einrichtungen immer noch einen hohen Standard. Aber wenn es Volkswagen schlecht geht, dann geht’s uns allen schlecht."

Viele im Werk hätten Angst um ihren Job, sagt Niehus. Auch er macht sich Sorgen. Und er fühlt sich von seinem Arbeitgeber verschaukelt: "Ich wache jeden Morgen auf und hoffe, alles sei nur ein böser Traum gewesen", sagt er. "Es ist, als sei man 20 Jahre lang mit jemandem zusammen gewesen und stellt dann plötzlich fest: Der ist ja ganz anders."

"Was sage ich den Azubis?"

Olaf Niehus, VW-Ingenieur und Ratsherr der Grünen in Wolfsburg © Alexandra Endres

Niehus hat daran geglaubt, dass Volkswagen tatsächlich der umweltfreundlichste Autohersteller der Welt werden wollte. "Wir im Werk nehmen das ernst. Ich war immer stolz darauf, für Volkswagen zu arbeiten. Und dann schlägt man die Zeitung auf und liest, die haben bei den Abgasen geschummelt. Da kommt Wut hoch, dann Enttäuschung. Was soll ich jetzt meinen Auszubildenden sagen?"

Noch hofft er darauf, dass sich die finanzielle Belastung durch den Skandal im Rahmen hält, auch im Interesse der Stadt. "Dann könnten wir 2017 wieder durchstarten. Aber noch kann man gar nicht absehen, was da auf das Unternehmen zukommt. Diese Krise ist schlimmer als jede zuvor, und die Unsicherheit ist groß."

Mitten in Wolfsburg, zwischen Werk, Autostadt und Rathaus, steht ein Arbeiter, der schon schlimmere Krisen erlebt hat, ein schlanker Herr mit Gleitsichtbrille. Hasan Toumani stammt aus dem Maghreb und arbeitet, wie er sagt, seit fast 40 Jahren als Dreher bei VW. "Niemand macht Autos wie VW. Sehen Sie diesen Wagen?", fragt er und zeigt auf einen vorbeigleitenden Audi TT. "Wie ein Fisch im Wasser! Jede einzelne Schraube hat eine Seele. Alles ist mit Hingabe gebaut, nicht wie bei anderen Herstellern."

Toumani ist überzeugt: "VW ist stark. Die können alles schaffen." Der Konzern werde auch diesen Skandal überwinden. "Mit Gottes Hilfe."