Das RWE-Kohlekraftwerk in Neurath (Archiv) © Ina Fassbender/Reuters

Wenige Tage vor dem Beginn des Klimagipfels in Paris ist das eine gute Nachricht für alle Klimaaktivisten: Der Versicherungskonzern Allianz, einer der größten Vermögensverwalter weltweit, hat angekündigt, aus der Kohlefinanzierung auszusteigen. 

In einem Beitrag für das Magazin Frontal21, der am Dienstagabend gesendet werden soll, erklärt Allianz-Chefinvestor Andreas Gruber: "Wir werden nicht mehr in Bergbau- und Energieunternehmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes beziehungsweise ihrer Energieerzeugung aus Kohle generieren." In den kommenden sechs Monaten werde man entsprechende Aktien verkaufen und Unternehmensanleihen auslaufen lassen. Zugleich wolle die Allianz viel mehr Geld in Windenergie stecken als bisher. 

"Wir wollen damit die Verhandlungen auf dem Klimagipfel im Dezember unterstützen, aber auch ein Zeichen setzen an unsere Branche und die Kapitalmärkte", zitiert Frontal21 Gruber weiter. Künftig würden sich klimaschädliche Investments nicht mehr rechnen. Von Investitionen in Wind hingegen erhofft Gruber sich eine Rendite von fünf bis sechs Prozent.

Damit liegt die Allianz ganz auf der Linie der Divestment-Aktivisten, die seit etwa zwei Jahren weltweit für einen Ausstieg aus der Kohle werben. Ihr zentrales Argument: Sollten die entscheidenden Politiker der Welt es wirklich ernst meinen mit ihrem Ziel, die durchschnittliche Erwärmung der Welt mit großer Wahrscheinlichkeit auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, dann muss ein sehr großer Teil der fossilen Brennstoffe im Boden bleiben. Das betrifft fast 90 Prozent der derzeit bekannten Kohlereserven, etwa ein Drittel des Öls und die Hälfte des Erdgases – enorme Vermögensgegenstände also, die plötzlich wertlos würden. Je eher sich die Unternehmen dieser riskanten Werte entledigten, desto besser, sagt die Divestment-Logik. Gleiches gilt natürlich auch für Staaten oder private Investoren. 

Weil Kohle der größte Klimasünder unter den fossilen Brennstoffen ist, attackieren die Divestment-Leute vor allem sie. Mit einigem Erfolg: Der französische Versicherer Axa will schon länger raus aus der Kohle; Städte, Universitäten und Banken in den USA und Europa ziehen ihr Geld ab, die Kirche Englands ebenso und auch der norwegische Pensionsfonds, einer der größten Staatsfonds der Welt. Und in Australien sieht es so aus, als könnten Umweltschützer einen neuen Megatagebau durch eine Divestment-Kampagne doch noch verhindern.

Doch, und das ist die schlechte Nachricht für die Divestment-Bewegung: Immer noch stecken Milliardensummen weltweit in Kohleminen und -kraftwerken. Außer bei der Allianz seien "bei keiner Bank und keinem anderen Investor Bemühungen (zu) erkennen, die Finanzierung der Kohleindustrie ernsthaft einzuschränken", schreibt die Umweltorganisation Urgewald in ihrer Studie "Europas größte Klimakiller", die an diesem Dienstag erscheint. 

Bislang gehört die Allianz auf den globalen Märkten noch zu den größten Kohleinvestoren: Urgewald zufolge ist sie mit mehr als 832 Milllionen Euro an Kohleunternehmen beteiligt – bei einem Gesamtanlagevermögen von rund 1,8 Billionen Euro. In Europa gehört sie zu den kleineren Kohlefinanziers.      

Wie viel stecken andere deutsche Finanzdienstleister in die Kohle? Urgewald hat auf der Basis von Daten der Finanzdienstleister Bloomberg und Thomson Reuters nachgerechnet. Die Organisation untersuchte Kreditvergaben und die Ausgabe von Anleihen oder Aktien zwischen den Jahren 2010 und 2015; für die Jahre 2014 und 2015 erfasste sie zusätzlich die Direktinvestments in Kohleaktien oder -anleihen.       

Das Ergebnis: Die Deutsche Bank ist mit einer Summe von 3,3 Milliarden Euro der größte Braunkohlefinanzier im Land. Die Commerzbank liegt mit etwas mehr als drei Milliarden nur knapp dahinter und steckt gemessen an ihrer Bilanzsumme sogar mehr Geld in die schmutzige Energie. Direkte Beteiligungen halten beide Institute allerdings kaum. Sie engagieren sich lieber durch die Vergabe von Krediten oder bieten ihre Dienste bei der Emission von Anleihen und Aktien an.

Anders die Allianz, die durch Anleihen oder Aktien unmittelbarer an den Kohleunternehmen beteiligt ist. Ihre Investitionen in die europäische Kohleindustrie belaufen sich laut der Urgewald-Studie jedoch lediglich auf 62 Millionen Euro.

Besonders stark hängt RWE von den Finanzinstituten ab. "Auffallend war, dass bei fast allen Instituten ein großer Posten an Finanzierung oder Investition bei der RWE zu verbuchen war", schreibt Urgewald. Der rheinische Energieversorger macht einen besonders großen Teil seines Geschäfts mit der Braunkohle; entsprechend hoch ist sein Bedarf an Finanzierung. Im Moment allerdings hat RWE-Chef Peter Terium Schwierigkeiten, Geldgeber für neue Investitionen zu finden. Und möglicherweise muss er künftig noch mehr Geld für den Klimaschutz aufwenden als bisher: Ein Bauer aus den peruanischen Anden will RWE wegen Klimarisiken verklagen. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung meldete, soll die Klage an diesem Dienstag am Essener Landgericht eingereicht werden. Der Streitwert belaufe sich auf 21.000 Euro – doch wenn der Bauer gewinnt, könnten weitere Klagen folgen.

Die Divestment-Ankündigung der Allianz wertet Urgewald nun, sollte sie konsequent umgesetzt werden, als "riesigen Schritt mit Vorbildwirkung für die gesamte Finanzbranche". Leider sei die Deutsche Bank nicht bereit, sich dem anzuschließen. Urgewald will kurz vor Paris den Druck auf das Geldhaus erhöhen und am Dienstag vor der Unternehmenszentrale in Frankfurt demonstrieren. Auch in München, vor der Allianz, wollen die Umweltschützer protestieren. Dabei hat der Druck hier doch schon Wirkung gezeigt.