Richard Arsenault hat Erfahrung mit komplizierten, langwierigen Rechtsfällen. Der Jurist aus Louisiana hatte nach der Öl-Katastrophe 2010 gleich mehrere Sammelklagen in Louisiana, Alabama und Florida gegen den Ölkonzern BP eingereicht, die in Milliardenzahlungen des Konzerns endeten. An 25 Klagen in ähnlicher Größenordnung war Arsenault in seiner Karriere beteiligt, 17 davon hat er geleitet. Gerade hat er im Verfahren gegen den Pharmakonzern Actos eine Zahlung von neun Milliarden Dollar durchgesetzt. Auch gegen Volkswagen ist der Jurist bereits vor Gericht gezogen – damals wegen schlampiger Verkabelungen an der Fahrertür. Was jetzt kommt, dürfte aber die meisten der bisherigen Verfahren in den Schatten stellen.

Die Klagewelle gegen Volkswagen wegen Manipulation seiner Diesel-Modelle ist schon jetzt einer der teuersten, aufwendigsten Rechtsfälle der US-Geschichte. Seit dem 18. September, als nur wenige Stunden nach Bekanntwerden des Betrugs in San Francisco die erste Klage eingereicht worden war, sind landesweit mehr als 350 hinzugekommen. Kunden, Investoren, Händler und ganze Bundesstaaten stellen Ansprüche, weil sie sich vom Konzern betrogen fühlen. Volkswagen selbst hat inzwischen eingestanden, dass die 7,3 Milliarden Dollar, die der Konzern zunächst zur Seite gelegt hatte, nicht ausreichen werden. "Etwas wie Volkswagen gab es bislang nicht", sagt Arsenault.

Um Geld und Zeit in dem Mammutprozess zu sparen, gilt es als wahrscheinlich, dass ein siebenköpfiges Richtergremium in New Orleans Anfang Dezember entscheiden wird, einen Großteil der Fälle an einem Standort zusammenzufassen. Dort wird dann eine kleine Gruppe an Anwälten das weitere Verfahren im Namen aller beteiligten Kanzleien übernehmen.

Nut wenige Kanzleien haben die Ressourcen für eine Klage

Seit Wochen kämpfen die großen Kanzleien im Land um einen Platz in dem begehrten Zirkel. Viele Anwälte, hört man aus der Branche, hätten ganze Nächte durchgemacht, um zu den ersten zu gehören, die Klagen einreichen und so ihre Chancen zu erhöhen. "Jeder will ein Stück abhaben", meint Elizabeth Burch, Juristin an der University of Georgia und Expertin für Sammelklagen. Für die federführenden Kanzleien geht es nicht nur um mehr Gewinn – die anderen beteiligten Kanzleien müssen einen Teil ihrer Honorare an das Komitee abtreten –, sondern auch um Prestige. Die prominenten Fälle dienen den Anwälten als Aushängeschild für künftige Aufträge.

Und es sind fast immer dieselben Kanzleien, die zum Zug kommen. An zehn der größten Klagen in den vergangenen Jahren waren nur 20 Firmen federführend beteiligt – darunter die milliardenschweren Verfahren gegen BP, den Pharmariesen Johnson & Johnson oder den japanischen Autokonzern Toyota. Die großen US-Anwaltskanzleien verfügen anders als ihre kleinere Konkurrenz nicht nur über mehr Erfahrung und Personal, sondern auch über die nötigen Reserven, um Prozesse notfalls über Jahre zu begleiten, bevor sie Rechnungen schreiben können. "Es gibt nicht besonders viele, die diesen Job machen können", sagt Rechtsexperte Howard Erichson von der Fordham University in New York.

Diese Konzentration allerdings birgt Gefahren. Die Anwälte könnten zunehmend ihre eigenen Interessen durchsetzen, da sie sich ihrer Machtposition gewahr seien, sagt Erichson. Die Kanzleien werden bezahlt, sobald ein Urteil oder eine außergerichtliche Einigung vorliegt. Entsprechend groß ist das Interesse, schnell zu einem Ende zu kommen, auch wenn dies im Einzelfall nicht im Interesse des Mandanten ist. Dies führt oft zu zweifelhaften Bedingungen im Kleingedruckten.