Am Ende wurde es hektisch in der Essener Zentrale von RWE: Am Dienstag Morgen verdichteten sich die Gerüchte, dass der Konzern eine Art Aufspaltung plane: Insider wurden zitiert, Zeitungen berichteten. Tatsächlich wurden die Pläne bereits seit Wochen konzernintern diskutiert, aber erst an diesem Freitag sollte der Aufsichtsrat über die Pläne beraten.

Für eine solche drastische Entscheidung ist das Timing entscheidend, schließlich beeinflussen solche Informationen den Börsenkurs und sind, wie Börsianer sagen, ad-hoc-pflichtig. Also entschied Vorstandsvorsitzender Peter Terium, kurzfristig an die Öffentlichkeit zu gehen. "Vorstand beschließt Bündelung der Geschäftsfelder Erneuerbare Energien, Netze und Vertrieb in einer neuen Tochtergesellschaft und Platzierung von rund zehn Prozent im Wege eines Börsengangs", ließ er am späten Vormittag mitteilen. Und der 20-köpfige Aufsichtsrat? Wurde schnell noch vorher informiert, sein "Go" zu der weitreichenden Umstrukturierung aber steht noch aus. "Das ist nicht schön, war aber rechtlich notwendig", sagte Terium in einer etwas chaotischen Telefonkonferenz.

Die Hektik zeigt, wie schlecht es um den Energiekonzern steht. Knapp 26 Milliarden Euro Schulden wurden in den vergangenen Jahren angehäuft. Mit Strom ist an der Börse kaum noch Geld zu verdienen. In den ersten neun Monaten sank der Gewinn um rund 30 Prozent – übrig blieben lediglich 545 Millionen Euro. Frisches Geld wollten Investoren der RWE nicht geben, zu groß sind die Altlasten aus dreckiger Kohle und auslaufenden Atomkraftwerken. Die Ratingagenturen bewerten den Ausblick für den Konzern inzwischen mit "negativ". Der Aktienkurs ist eingebrochen, die Dividende wurde kräftig gekürzt.

Kapital durch Börsengang

RWE verkauft den Schritt als Befreiungsschlag. Doch angesichts der finanziellen Lage des Unternehmens ähnelt er eher einer Verzweiflungstat. Auf dem Papier ist es lediglich eine rechtliche Umstrukturierung. In einer Tochter bündelt RWE die Bereiche Erneuerbare Energien, das Geschäft mit Stromnetzen und den Vertrieb. Die neue Öko-Tochter soll mit Anfangs zehn Prozent an die Börse gebracht werden und so Geld einsammeln, später sollen noch mehr Anteile verkauft werden. RWE will aber auf jeden Fall Mehrheitseigner bleiben.

Das Problem ist der Rest – die alte RWE. Allein für den Rückbau der Atomkraftwerke müssen 10,4 Milliarden Euro zurückgestellt werden. Noch höher sind die  Verpflichtungen aus dem Braunkohlegeschäft: 22,8 Milliarden Euro werden hier in den kommenden Jahrzehnten fällig. "RWE ist in seiner Existenz bedroht", sagt Ben Schlemmermeier von der Beratungsgesellschaft LBD in Berlin.

Die neue Unternehmensstruktur soll sicherstellen, dass RWE seinen Verpflichtungen nachkommen kann. Die alte RWE könne schließlich Aktien verkaufen und so "bares Geld", wie Terium sagt, für Rückstellungen vorhalten. Die Gewinne der neuen Tochter können zudem an die Konzernmutter abgeführt werden und erhöhen so ebenfalls die finanzielle Flexibilität von RWE.

Im Hintergrund steht die schwache Konzernmutter

Wie attraktiv die neue Tochter für Investoren sein wird, ist noch völlig offen. Mit 40.000 Mitarbeitern und einem geschätzten Ergebnis von vier Milliarden Euro ist das Unternehmen ein Schwergewicht in der Branche. Den Mix aus staatlich reguliertem Geschäft (Ökostrom und Netzbetrieb) sowie unreguliertem Geschäft wie dem Stromvertrieb könnten Anleger attraktiv finden. Allerdings steht im Hintergrund immer der Mutterkonzern, von RWE optimistisch als "Rückversicherung der Erneuerbaren" tituliert. In Wahrheit ist die Mutter aber vielleicht nur die Bad Bank, das schwarze Loch, an das die neue Tochter ihr Geld abführen muss.