Eigentlich hatte Charles Breyer in den vergangenen Wochen schon genug Arbeit. Gerade erst bescherte er der Marihuana-Branche nach Meinung vieler einen historischen Sieg, als er im Oktober die einstweilige Verfügung Washingtons gegen die älteste "Gras-Apotheke" Kaliforniens nach vier Jahren außer Kraft setzte. "Der Feldzug der Regierung gegen medizinisches Marihuana ist beendet", hieß es von der Besitzerin der Einrichtung nach der Entscheidung.

Nun liegt er in den letzten Zügen eines Verfahrens gegen den Kopf eines chinesischen Mafiarings, der San Franciscos Chinatown über Jahre terrorisiert hat und für zahlreiche Auftragsmorde verantwortlich sein soll. Im Laufe des Prozesses ließ Breyer ein Gangmitglied nach dem anderen vor dem Richterpult antreten und ließ sich im Detail schildern, wie diese für Raymond "Shrimp Boy" Chow, den Kopf der Bande, Knochen brachen, mordeten, Häuser ausraubten oder Feuer legten.

Im Vergleich zu dem, was den 74-Jährigen jetzt erwartet, sind die Fälle dennoch wohl eher eine Fingerübung zum Warmwerden. Der Jurist aus San Francisco wird in wenigen Wochen in einem Mammutverfahren in Kalifornien die mehr als 500 Klagen von VW-Kunden aus dem ganzen Land zusammenfassen. Er wird Hunderte Seiten Beweismaterial sichten und vorläufige Meinungen von Kollegen abwägen müssen, um am Ende zu entscheiden, ob es zu einem langwierigen öffentlichen Prozess kommt oder die Wolfsburger mit einer frühzeitigen Einigung samt Millionenstrafe davonkommen.

Prominente Richterfamilie

Charles Breyer © Reuters

Mehr als zwei Dutzend Anwälte hatten in der vergangenen Woche in New Orleans für die unterschiedlichen Standorte geworben in der Hoffnung, in bestimmten Bundesstaaten und unter bestimmten Richtern einen frühen Vorteil für sich herausholen zu können. Volkswagen selbst hatte bis zum Schluss dafür plädiert, den Fall nach Michigan zu holen. Nicht zuletzt, weil der Konzern sich nahe des eigenen US-Hauptsitzes mehr Einfluss erhoffte. Dass es nun Kalifornien wurde, liegt unter anderem daran, dass es dort mehr betroffene Wagen – mehr als 85.000 – und mehr Klagen gibt als anderswo im Land. Und dass die dortige Umweltbehörde Carb (California Air Resources Board) maßgeblich an der Aufdeckung des Betrugs beteiligt war.

Vor allem aber sei es darum gegangen, einen Richter zu finden, der der gigantischen Aufgabe gewachsen ist, sagt Eric Holland, der selbst zwei Sammelklagen gegen den Konzern angestrengt hat. Während der Entscheidung in New Orleans sei die Rede von einem "Maestro" gewesen, der das Verfahren leiten müsse. Mit der Wahl des Dirigenten sind führende Rechtsexperten in den USA nun offensichtlich zufrieden.

"Es gibt wenige Richter im Land, die derart erfahren sind mit diesen großen Fällen", sagt Erik Gordon, Rechtswissenschaftler an der University of Michigan. Breyer werde sich nicht von den Anwälten der Kläger und nicht von VW hinters Licht führen lassen. Verzögerungstaktiken und Anwälte, die sich vor allem selbst bereichern wollen, hätten bei dem 74-Jährigen keine Chance. "Es ist schließlich nicht sein erster Auftritt in diesem Zirkus", sagt Gordon.

Dabei ist der Jurist nicht der erste und nicht der prominenteste Richter in seiner Familie. Der Sohn jüdischer Eltern aus Rumänien und begeisterter Pfadfinder, in San Francisco geboren und mit Abschlüssen aus Harvard und Berkeley, ist der jüngere Bruder von Stephen Breyer. Der liberale Pragmatiker am Obersten Gerichtshof des Landes gilt als Experte für Kartellverfahren und war 1973 schon an den Ermittlungen im Watergate-Skandal beteiligt. Das Gesetz funktioniere nur mit dem Volk und das Volk nur mit dem Gesetz, betont der ältere der beiden immer wieder. Um Konflikte zu vermeiden, übernimmt keiner der Brüder einen Fall, an dem der andere schon saß.