Nahezu alle mit Abgasproblemen befassten Führungskräfte in der Motoren-Entwicklung bei VW könnten von den Abgasmanipulationen gewusst haben oder daran beteiligt gewesen sein. Wie Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR berichteten, habe in den vergangenen Monaten ein Kronzeuge, der selbst an den Manipulationen beteiligt gewesen sei, bei internen Befragungen im Autokonzern umfassend ausgesagt. Gegen den Kronzeugen ermittle auch die Braunschweiger Staatsanwaltschaft. Sprecher von VW sowie der Staatsanwaltschaft waren zunächst nicht erreichbar.

Den Berichten zufolge sei es in der betreffenden Abteilung für Motoren-Entwicklung kein Geheimnis gewesen, dass VW bei den Abgastests nur durch Manipulation die Schadstoffgrenzwerte für Stickoxid offiziell habe einhalten können. Viele Mitarbeiter und Manager in der Abteilung seien eingeweiht gewesen.

Zu den Motiven hätten der Kronzeuge und andere geständige VW-Mitarbeiter gesagt, dass sie sich 2006 von der damaligen Konzernspitze heftig unter Druck gesetzt gesehen hätten. Diese habe gefordert, für den US-Markt eine schnelle und kostengünstige Lösung für einen sauberen Dieselmotor zu präsentieren. Statt dem Vorstand zu gestehen, dass man diese nicht schaffe, habe man sich für einen Betrug entschieden – eine "Verzweiflungstat". Um sich zu schützen, habe in der Abteilung ein "Schweigegelübde" geherrscht. Andere Bereiche im Konzern hätten davon nichts wissen sollen, von Ausnahmen abgesehen.

Die VW-Spitze hatte stets betont, dass von den Manipulationen in der Motorsteuerung nur eine kleine Gruppe von Mitarbeitern gewusst habe, nicht aber Vorstand und Aufsichtsrat. VW hatte als Reaktion auf den Abgasskandal mehrere Mitarbeiter beurlaubt.

Im September vergangenen Jahres war der Abgasskandal von den US-Umweltbehörden EPA und Carb öffentlich gemacht worden. Volkswagen hatte zugegeben, Diesel-Emissionswerte millionenfach durch eine Software manipuliert zu haben. In den USA droht Volkswagen deswegen eine milliardenschwere Strafe. Anwälte haben zudem Schadensersatzklagen eingereicht. Weltweit sind rund elf Millionen Fahrzeuge von der Manipulation betroffen, allein in Europa sind es 8,5 Millionen.