Um zu verstehen, wie kaputt die internationale Kohleindustrie ist, reicht der Blick auf eine einzige Kurve: den Kurschart von Peabody. Mehr als 1.000 US-Dollar kostete eine Aktie des weltgrößten privaten Kohleförderers vor fünf Jahren. Heute wurde das Papier vorbörslich für 0,58 Dollar verramscht, der Handel an der Börse ausgesetzt. Denn Peabody hat Insolvenz beantragt.

Der US-Kohlemulti war einmal die ganz große Nummer im globalen Rohstoffbusiness. Der Branchendienst Platts erkor Peabody im Dezember 2014 zum "Energieunternehmen des Jahres", und wenn CEO Greg Boyle einen "Superzyklus" für die Kohlebranche prophezeite – immer weiter steigende Preise dank wachsender Nachfrage und knapper werdenden Angebots – dann widersprach ihm kaum jemand. Jetzt ist Peabody pleite und der "Superzyklus" Geschichte. Hoffentlich für immer.

Kohle ist ein Relikt der industriellen Frühzeit. 200 Jahre lang ist den Menschen nichts Besseres eingefallen, als die schwarzen Fossile zu verbrennen, um Wärme zu erzeugen oder Dampf für Turbinen. Tausende zahlen dafür bis heute mit ihrem Leben, weil sie in Bergwerken verunglücken oder mit Schwefeldioxid, Stickoxiden, Quecksilber und Feinstaub verpesteten Abgase aus den Schornsteinen alter Meiler einatmen müssen. In chinesischen oder indischen Metropolen ist die Luftverschmutzung unerträglich geworden. Und nichts heizt das Weltklima derart auf wie Kohle. Deren Verbrennung macht fast die Hälfte aller CO2-Emissionen aus.

Kohle ist ersetzbar

Noch auf Jahre hinaus wird die Menschheit Kohle benötigen: für die Zement- oder Stahlherstellung etwa, und vor allem, um Elektrizität zu erzeugen. Endlich gibt es aber alternative Verfahren, mit denen sich Strom ähnlich preiswert und weitaus umweltschonender gewinnen lässt. In den USA verdrängt das etwa halb so klimaschädliche Erdgas die Kohle gerade nach und nach als Stromlieferanten Nummer eins. Und auch Windparks, Solaranlagen sowie andere regenerative Energiequellen werden immer konkurrenzfähiger.

Im Gegensatz zu Erdöl lässt sich Kohle meist relativ einfach ersetzen. Und so ist es kaum verwunderlich, dass der weltweite Verbrauch seit zwei Jahren sinkt, dass die Preise für den schmutzigen Brennstoff einbrechen – und dass in den vergangenen Monaten gleich fünf führende US-Kohlekonzerne ihren Bankrott erklärt haben.

Wer heute noch Geld in Kohle investiert, geht gewaltige Risiken ein. Finanzielle Risiken. Denn nur wenn mindestens drei Viertel der Kohlevorräte im Boden bleiben, gibt es eine Chance, die globale Erwärmung in halbwegs berechenbaren Grenzen zu halten. Und einige große Kapitalgeber, vom weltgrößten Staatsfonds aus Norwegen über den kalifornischen Pensionsfonds Calpers und die Church of England bis hin zu den Versicherungsriesen Allianz und Axa, haben das erkannt. Und gelobt, sich aus der Kohlefinanzierung zurückzuziehen.

Letzte Anhänger des Klimakillers

Manche Unternehmenslenker und Politiker hierzulande pflegen indes noch immer eine eigentümliche Faszination für den Klimakiller Nummer eins. Warum legt etwa der weltgrößte Rückversicherer Munich Re noch immer einen Teil seiner Milliarden in Kohleunternehmen an, wo doch die Allianz aussteigt? Warum beteiligt sich RWE – das die Energiewende verschlafen hat und dafür mit Rekordverlusten bezahlt – weiterhin am US-Kohleförderer Blackhawk Mining, der nun die Minen der Pleitiers aufkauft und ganze Berggipfel absprengt, um den Stoff auszubeuten? Warum hat die Deutsche Bank über Jahre hinweg Blackhawks aggressive Expansion finanziert, wo dieses Unternehmen doch offenbar tiefrote Zahlen schreibt?

Wie rapide Kohlegruben an Wert verlieren können, das erfährt gerade Energieversorger Vattenfall. Der schwedische Staatskonzern will seine Braunkohle-Tagebauten und -Meiler in der Lausitz loswerden, aber die eingereichten Gebote liegen weit unter den Erwartungen. Kein Wunder: Die Großhandelspreise für den Strom sind – auch dank des wachsenden Angebots aus Wind- und Solarparks – auf dem tiefsten Stand seit über einem Jahrzehnt.

Alles deutet darauf hin, dass Vattenfall in den nächsten Tagen dem tschechischen Versorger EPH den Zuschlag gibt. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Umweltministerin Barbara Hendricks sympathisieren aber noch immer mit einem Plan ihres SPD-Parteigenossen Michael Vassiliadis. Der mächtige Führer der Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie und Energie fordert, einen Fonds zur Rettung der Braunkohle zu schaffen: Weil sich abzeichnet, dass sich ihre Verstromung auch in Deutschland nicht mehr rechnen wird. Hierzu sollen laut Vassiliadis die (mauen) Gewinne der Energiekonzerne zunächst 15 Jahre lang in eine Stiftung überführt werden, die dann Tagebauten und Meiler weitere 15 Jahre lang subventionieren soll. De facto hieße das: Der Staat würde die Braunkohleindustrie unter seine Fittiche nehmen, drei Jahrzehnte lang.

Perspektiven statt Mondlandschaften

Warum sollte der Steuerzahler künstlich die Lebensdauer eines Energieträgers verlängern, der das Klima zerstört und sich auf absehbare Zeit nicht mehr rentiert? Ökologisch und ökonomisch sinnvoller wäre es, würde die Bundesregierung stattdessen nun endlich den Ausstieg aus der Braukohle innerhalb der nächsten 20 bis 25 Jahre beschließen. Und zugleich in den Förderregionen, besonders in der wirtschaftlich schwachen Lausitz, einen konsequenten Strukturwandel einleiten: Den Menschen neue Perspektiven schaffen jenseits zerwühlter Mondlandschaften.

Die Pleite von Peabody deutet es an: das Kohlezeitalter geht zu Ende. Stellen sich unsere Entscheider in Politik und Wirtschaft darauf rechtzeitig ein, kann Deutschland davon nur profitieren.