Erst drei Wochen im Amt wählte der neue Bayer-Chef Werner Baumann den optimalen Zeitpunkt, um sich bei Aktionären, Analysten und vor allem auch Umweltaktivisten bekannt zu machen. Seit Wochen streitet man in Brüssel wie Berlin darüber, ob man die Zulassung des Monsanto-Pestizids Roundup verlängern darf, dessen Inhaltsstoff Glyphosat unter Verdacht steht, Krebs zu erzeugen. Und am Wochenende gab es weltweit – auch in mehreren deutschen Städten – Demonstrationen gegen den US-Konzern, der wie kein anderer im Genom von Mais, Soja und anderen Nutzpflanzen herumlaboriert und alle Bauern mit Patentklagen traktiert, die an der Tradition festhalten, einen Teil der Ernte für die Aussaat aufzuheben, statt neue Körner zu ordern.

Und in diese Nachrichtenlage platzte nun das Angebot von Bayer, den amerikanischen Gentechnik-Riesen für 62 Milliarden Dollar zu übernehmen. Ob das strategisch Sinn ergibt, darüber streiten die Branchenexperten. Doch eines ist Baumann schon mal gelungen: mit seiner ersten Amtshandlung maximale Aufmerksamkeit zu erzielen.

Drei Fragen wirft das Übernahme-Angebot auf. Erstens: Warum will sich Bayer mit einem derart verhassten Unternehmen einlassen? Zweitens: Warum investiert der Leverkusener Konzern, der seine Bekanntheit vor allem den Erfolgen in der Arzneientwicklung verdankt, nun plötzlich in die Agroindustrie? Und drittens: Warum nimmt er, ausgerechnet dafür, eine solch gewaltige Summe in die Hand?

Die Frage nach der Reputation wird derzeit am heißesten diskutiert. Tatsächlich führt Monsanto, zusammen mit Shell und der Weltbank, seit Jahren die Sigwatch-Liste an. Das ist ein Ranking, das jährlich all die Institutionen auflistet, die die Kritik von Nicht-Regierungsorganisationen auf sich ziehen. Bayer dagegen verdankt seinen Ruf weitgehend dem über hundert Jahre alten Schmerzmittel Aspirin, das bis heute zu den bekanntesten Marken der Welt zählt.

Auch Bayer stellt das umstrittene Pestizid her

Nicht nur Aktivisten fragen, wie das zusammenpasst, sondern auch Analysten: "Von der Reputation her betrachtet, tut sich Bayer damit keinen Gefallen", urteilt etwa Thorsten Strauß von der NordLB in Hannover. Auch Ulrich Huwald von der Warburg Bank sieht darin eine Gefahr. Der fallende Kurs der Bayer-Aktie schon bei Aufkommen der ersten Gerüchte, als noch gar kein Kaufpreis genannt worden war, ist seiner Meinung nach ein Hinweis darauf, dass manche Aktionäre das ähnlich sehen könnten.

Allerdings wäre es ein Fehler, Bayer auf Aspirin zu reduzieren. Der Konzern hatte immer schon viele Produkte im Angebot, darunter auch viele umstrittene. Gerade im Agro-Geschäft ist Bayer kein unbeschriebenes Blatt. 2002 etwa kauften die Leverkusener das Landwirtschaftsgeschäft von Wettbewerber Aventis und damit auch genmodifizierten Reis, der sich in Amerika von den Versuchsfeldern in konventionelle Anpflanzungen verirrte und dort viel Ärger anrichtete. Und das Pestizid Roundup, das derzeit Zankapfel in Berlin und Brüssel ist, wird längst nicht nur von Monsanto produziert, sondern auch von anderen Herstellern. Dass auch Bayer das Pestizid anbietet, ist bisher aber offenbar kaum jemandem aufgefallen.

Positive Schlagzeilen machte Bayer in den vergangenen Jahren vor allem durch allerlei Zukäufe im Gesundheitsbereich, allen voran der Übernahme des Berliner Pillenherstellers Schering. Fast die Hälfte seines Umsatzes von 46 Milliarden Euro und zwei Drittel seines Gewinns von 6,3 Milliarden Euro erzielte Bayer 2015 mit Pillen und Pasten, den Rest teilten sich die Geschäftsbereiche Agro- und konventionelle Chemie. Dieses Machtgefüge könnte sich ändern, wenn Bayer nun den Marktführer Monsanto kauft. Dann wäre Bayer künftig die Nummer eins auf dem weltweiten Agromarkt und die Agrosparte die größte im Leverkusener Konzern.

Nach Bekanntgabe des Kaufpreises fiel der Aktienkurs

Das klingt nach einem Strategieschwenk, und Warburg-Analyst Huwald registrierte diesbezüglich einige "Überraschung" bei den institutionellen Investoren, die er berät. Fürs Geschäft mit den Bauern wäre das zwar von Vorteil, wie Analystenkollege Strauß erklärt: In einer Situation, in der sich alle Wettbewerber gerade zusammentun – Dow Chemical und Dupont in Amerika haben jüngst einen Zusammenschluss angekündigt, und die Pekinger ChemChina will Syngenta in der Schweiz übernehmen – sei Expansion schon fast eine "Existenzfrage". Ähnlich wie sein Kollege Huwald glaubt auch NordLB-Experte Strauß, dass sich Bayer und Monsanto inhaltlich gut ergänzen, ohne die Kartellwächter auf den Plan zu rufen.

Bleibt der Kaufpreis. Nach jetziger Planung, so rechnet Huwald vor, wird die Monsanto-Übernahme teurer als die Summe aller Zukäufe der vergangenen Jahre – Schering inklusive. Fürs Pharma-Geschäft wird künftig also wenig übrigbleiben. Schon die Finanzierung des angekündigten Deals sei für Bayer eine Herausforderung, sagt Huwald. Kein Wunder also, dass der Bayer-Aktienkurs ein zweites Mal fiel, als der Preis bekannt wurde, den Bayer für Monsanto zahlen will. Die Aktionäre flüchteten, weil sie den Wert ihrer Aktien gefährdet sahen: durch den abstrakten Reputationsschaden, aber auch ganz konkret durch die nun unweigerlich drohende Kapitalerhöhung.