Noch vor zwei Jahren konnte es Rüdiger Grube nicht schnell genug gehen. Mehr als 1.000 Bahnbrücken in Deutschland seien kaputt und müssten dringend erneuert werden, warnte der Bahn-Chef. Seine Ingenieure stünden bereit, um jedes Jahr bis zu 250 Brücken im Land zu sanieren. Bis zum Ende des Jahrzehnts könnte das Problem weitgehend behoben sein. Der Bund müsse nur endlich die nötigen Milliarden dafür bereitstellen.

Grube hat damals offenbar zu viel versprochen. Denn obwohl der Bund mittlerweile Milliarden in die Sanierung des Schienennetzes steckt, kommt die dringend notwendige Sanierung der Brücken nur schleppend voran. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen hervor, die ZEIT ONLINE vorliegt. Demnach plant die Bahn in diesem Jahr bisher nur 78 Brücken zu erneuern (siehe Karte). Das ist sogar noch weniger als im vergangenen Jahr, als die Bahn immerhin 123 Brücken schaffte. Und es ist deutlich weniger als die von Grube zugesagte Zahl von 250.

Das jahrelang wiederholte Argument der Bahn, dass die Sanierung des Bahnnetzes allein an fehlenden Staatsmitteln scheitert, hat sich als falsch erwiesen. Tatsächlich investiert der deutsche Staat so viel Geld wie noch nie, um das Schienennetz zu sanieren.

Seit Anfang 2015 gilt die neue sogenannte Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung (LuFV), in der sich der Bund und die Bahn für die Jahre 2015 bis 2019 auf einen Milliardendeal geeinigt haben. Die Bahn investiert in dieser Zeit jährlich 1,6 Milliarden Euro in das Schienennetz, der Bund schießt durchschnittlich 3,9 Milliarden Euro pro Jahr zu. Mit einem Teil des Geldes sollen auch 875 der insgesamt 1.148 schwer maroden Brücken repariert werden. Es ist das größte Modernisierungsprogramm in der Geschichte der Deutschen Bahn.

Diese Bahnbrücken sollen 2016 saniert werden

Warum aber werden jetzt sogar weniger Brücken saniert – obwohl Milliarden in das Schienennetz fließen?

Die Bahn argumentiert, dass die bisherige Liste der 78 Brücken nur vorläufig sei. Im Laufe des Jahres kämen weitere Projekte hinzu. Allerdings geht man auch bei der Bahn nicht davon aus, dass man in diesem und nächsten Jahr die von Grube zugesagt Zahl von 250 Brücken erreichen werde. Ein Grund seien die lang laufenden Genehmigungsverfahren. "Es gibt da oft einen riesen Vorlauf", sagt Michael Baufeld, ein Sprecher der Bahn. "Das Bauen von Brücken ist etwas anderes, als Eis am Stiel zu produzieren." Glaubt man der Bahn, läuft das Programm langsam an und wird sich in den nächsten Jahren beschleunigen. In den Jahren 2018 und 2019 würden dann insgesamt bis zu 500 Brücken repariert.

Der bahnpolitische Sprecher der Grünen, Matthias Gastel, vermutet hingegen etwas anderes. Die Bahn komme mit ihrer Planung einfach nicht schnell genug voran. "Der Deutschen Bahn fehlen derzeit schlichtweg das Personal und die Planungskapazitäten, um die milliardenschweren Investitionen auch ordentlich zu verbauen", sagt Gastel. Der Grünen-Politiker glaubt deshalb, dass die versprochenen Brückensanierungen bis zum Jahr 2019 nicht zu schaffen sein werden.

Sicher ist schon jetzt: Für die Fahrgäste wird die schleppende Sanierung Folgen haben. Weil die Bahn innerhalb von zwei Jahren das Gros der Brücken reparieren will, wird es in dieser Zeit auch zu mehr Baustellen auf den Strecken kommen. "Für den Fahrgast ist das alles unschön, denn seine Fahrpläne werden unzuverlässiger, schon allein weil er wichtige Anschlüsse verpasst", sagt Gastel. Nach Ansicht des Grünen hätte das verhindert werden können, wenn die Bahn sich früher auf den Sanierungsstau vorbereitet hätte. "Es ist ja keine Propaganda der Grünen, sondern die Bundesnetzagentur, die der Bahn ein schlechtes Baustellenmanagement bescheinigt."

In diesem Zustand sind Deutschlands Bahnbrücken