Einer der größten Brocken der Energiewende ist beiseite geräumt: Seit Ende April ist klar, wie die Entsorgung des strahlenden Mülls deutscher Kernkraftwerke finanziert werden soll. Die größten Risiken übernimmt der Steuerzahler.

Die Stromkonzerne geben ihre Haftung für die Endlagerung komplett ab. Leicht wird es für sie dennoch nicht. Sie sollen dafür 23,3 Milliarden Euro zahlen: 17,2 Milliarden sind als Zahlungsverpflichtung bereits in ihren Bilanzen gebucht, zusätzlich wird noch ein Risikoaufschlag von 6,1 Milliarden Euro fällig. Der Aufschlag soll die Inflation und die niedrigen Zinsen ausgleichen, die das Fondskapital in den kommenden Jahren am Markt erwirtschaften kann.   

Die Summe übersteige ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, beklagen sich E.on, RWE, Vattenfall und EnBW. Selbst wenn das nicht stimmen sollte: Die Energiewende wird den Stromkonzernen auch in Zukunft noch einiges kosten und schon heute geht es ihnen schlecht. Sie machen Verluste, haben viel Geld in gescheiterten Expansionsprojekten im Ausland verloren, schleppen enorme Atom- und Kohle-Altlasten mit sich herum und müssen dennoch, um ihr Geschäft wenigstens teilweise zu bewahren, den Umbau in grüne, flexiblere Unternehmen vorantreiben. Wie groß sind ihre Chancen, das zu schaffen? ZEIT ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.    

1. Haben die Stromkonzerne genug Geld für den Atomfonds?

Auf den ersten Blick können die Unternehmen den Beschluss der Kommission zur Finanzierung des Kernenergieausstiegs (KFK) ohne Weiteres wegstecken – doch beim näheren Hinschauen ist es nicht so einfach. Ende 2014 hatten E.on, RWE, EnBW und Vattenfall für den Atomausstieg zusammen rund 38 Milliarden Euro an Rückstellungen gebildet – grob gesagt heißt das, sie haben die Summe in ihren Bilanzen als künftige Zahlungsverpflichtung vermerkt. Etwas weniger als die Hälfte des Betrags sollen sie nun für den Endlager-Fonds in Cash aufbringen, plus Risikoaufschlag. Später werden sie weitere Milliarden für die Stilllegung und den Abbruch ihrer Kernkraftwerke zahlen müssen.    

Ein fairer Deal? "Die Politik ist den Konzernen weit entgegengekommen", sagt Ralf-Michael Marquardt, Forscher am Westfälischen Energieinstitut in Gelsenkirchen. Beispielsweise beim Risikoaufschlag: Um die im Moment sehr niedrigen Marktzinsen tatsächlich ausgleichen zu können, hätte die öffentliche Hand viel mehr von den Unternehmen verlangen müssen, sagt Marquardt. "Die KFK hat die Konzerne mit Samthandschuhen angefasst." Dass diese sich jetzt beschweren, hält er für energiepolitischen Poker.

Marquardt begleitet die Stromkonzerne schon lange kritisch. Sie seien selbst schuld an ihrer Misere, schreiben er und Heinz-Josef Bontrup, der Direktor des Westfälischen Energieinstituts in einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie. "Das ist ein Strukturwandel mit Ansage", sagt Bontrup. "Die Konzerne haben viel zu lange geglaubt, die Politik werde nicht gegen sie durchgreifen. Und sich getäuscht."

Doch beide Forscher sagen auch: Es wird für die Unternehmen jetzt nicht leicht, ihre Verpflichtungen aus der KFK zu erfüllen.

Problem eins: die niedrigen Zinsen

Die Kommission hat die von den Versorgern zu zahlende Summe in Preisen von 2014 berechnet, doch die Unternehmen müssen die letzte Rate erst 2022 überweisen. Bis dahin können sie mit dem Geld wirtschaften und Gewinne erzielen. Jedes Jahr schlägt die Kommission deshalb einen Zins auf die 23,3 Milliarden Euro auf.